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Politik als Fiktion


9.2.2006
Unterhaltende Fernsehformate sind zu einem wichtigen Element der politischen Kommunikation geworden. Sie manifestieren politisch-kulturelle Traditionen und sind zugleich Medium von Veränderungsprozessen. Wie inszenieren Spielfilme, TV-Serien und Trash-Formate heutzutage Politik und Politiker?

Einleitung



Die "Hurricane-Saison" des Jahres 2005 hatte nicht nur verheerende Folgen für weite Landstriche des amerikanischen Südens. Sie offenbarte auch peinliche Schwächen des Präsidenten George W. Bush und seiner Administration beim Krisenmanagement. Am 1.November dieses Jahres konnte die amerikanische Fernsehöffentlichkeit darüber nachdenken, ob eine Frau im Oval Office besser mit solchen Krisen umgegangen wäre. An diesem Tag wurde die Folge "First Desaster" der neuen TV-Serie Commander in Chief ausgestrahlt - einer Serie, in der erstmals eine Frau das mächtigste Amt der Welt innehat. Mackenzie Allen, die als parteiungebundene Vizepräsidentin nach dem Tod des Amtsinhabers die Nachfolge im Weißen Haus antritt, führt der amerikanischen Nation anschaulich vor Augen, wie es sich anfühlt, eine Präsidentin zu haben.

Der Sender ABC hat die Serie mit prominenten Schauspielern wie Geena Davis und Donald Sutherland ins Rennen geschickt, und der Erfolg im "Prime Time"-Programm blieb nicht aus. Neben aktuellen Problemen wie Hurricanes und Umweltpolitik, Terrorismus und neuer Weltordnung sowie den üblichen innenpolitischen Querelen werden in der Serie die "Innenansichten der Macht" gezeigt: Dazu gehören etwa Einblicke in das schwierige Privatleben einer Präsidentin mit drei Kindern und in die vergleichsweise neuen Rollenprobleme eines beruflich erfolgreichen Mannes, der sich plötzlich in der Position eines "First Husbands" mit einem pinkfarben eingerichteten Büro wiederfindet. Solche Probleme stellen sich für die Amerikaner nicht mehr ganz so fiktiv dar, seit in der Öffentlichkeit über einen möglichen Präsidentschaftswahlkampf zwischen Hillary Clinton und Condoleezza Rice spekuliert wird.

Nun könnte man denken, wir Deutschen seien da schon viel weiter. Mit Angela Merkel im Kanzleramt und einem gestandenen Professor der Humboldt-Universität als Gatte ist hier längst das Realität, was die Amerikaner noch in einer fiktionalen Fernsehwelt vorgeführt bekommen. Andererseits sind die Formen, in denen hierzulande das Politische medial reflektiert wird, in starkem Maße geprägt durch amerikanische Vorbilder. Das wurde im Wahljahr 2005 noch einmal verstärkt deutlich: nicht nur im US-importierten Format des TV-Duells, das mit einer Reichweite von ca. 21 Millionen Zuschauern Einschaltquoten-Rekorde brach, sondern auch mit der ZDF-Serie Kanzleramt, die erstmals im deutschen Fernsehen das Geschehen der großen Politik in diesem Lande zum Gegenstand einer aufwändig produzierten TV-Serie machte.

Ist diese Serie, die deutlich dem amerikanischen Vorbild The West Wing verpflichtet war,[1] das Anzeichen einer weitergehenden Amerikanisierung der deutschen Medienöffentlichkeit? Was bedeutet der beobachtbare Umbruch in den deutschen Unterhaltungsmedien für die politische Kultur des Landes? Sind wir Zeugen einer fortschreitenden Fiktionalisierung der Politik, und in welchem Verhältnis stehen die fiktionale und die reale politische Welt zueinander?

Im Folgenden sollen nach einer kurzen Reflexion über den Zusammenhang von politischer Kultur und Medienkultur einige Überlegungen angestellt werden, die den Stellenwert medialer Entwicklungen für das öffentliche Bild der Politik in Deutschland thematisieren und auch aufzeigen, wie scheinbar ganz "unpolitische" Sendeformate die politische Kultur des Landes prägen können.



Fußnoten

1.
Die Serie läuft bereits in der siebten Staffel. Im Mittelpunkt stehen hier die Geschichten um den fiktiven amerikanischen Präsidenten Josiah Bartlet und seinen Stab im Weißen Haus.