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25.1.2006 | Von:
Manfred Osten

Digitalisierung und kulturelles Gedächtnis - Essay

Angesichts der Problematik digitaler Speichersysteme und der Ergebnisse der Hirnforschung muss der Verlust unseres kulturellen Gedächtnisses befürchtet werden - mit Implikationen für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Einleitung

Ein russisches Sprichwort besagt: "Wer die Vergangenheit anfasst, verliert ein Auge. Wer aber die Vergangenheit vergisst, verliert beide Augen." Haben wir beide Augen verloren? Wenn ja, wo liegen die Ursachen dafür? Gibt es eine Geschichte des erodierenden Gedächtnisses, die erklärt, warum wir heute, wie es der Ägyptologe und Gedächtnisforscher Jan Assmann formuliert hat, eine "Gesellschaft des Vergessens" sind?[1]



Man könnte gegen diese Vermutung einwenden, dass zum Beispiel seit weit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland nicht mehr von einem Vergessen der Geschichte des Nationalsozialismus die Rede sein kann. Allerdings hat Karl Heinz Bohrer mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass unsere Erinnerungskultur sich in Wahrheit nur als ein historisches "Nahverhältnis" manifestiere. Es fehle jedes "Fernverhältnis" zur Geschichte: "Die Nichtexistenz eines Verhältnisses zur geschichtlichen Ferne, das heißt, zur deutschen Geschichte jenseits des Bezugsereignisses Nationalsozialismus, das wird sofort evident, ist nicht das Resultat eines Willensaktes, der heute oder morgen revidierbar wäre, sondern ist eine Art mentales Apriori, eine zweite Haut bundesrepublikanischen Bewusstseins."[2] Bohrer hat diese "zweite Haut" definiert als "vollkommenen Verlust jeder Erinnerung an eine national-orientierte kollektive Vergangenheit". Diese Erinnerungslosigkeit werde allerdings "verdeckt durch die memoria-Rede, die zu einem Kitsch-Ritual der akademischen Intelligenz zu pervertieren drohe".

Nach Einschätzung Peter Kümmels spricht gegen diesen Befund bundesdeutscher Erinnerungslosigkeit auch keineswegs die Tatsache neuerer und neuester erinnerungsorientierter Fernsehsendungen. Es handele sich hierbei vielmehr um erinnerungsschonende Pauschalreisen in die NS-Vergangenheit, die das Verdikt Sigmund Freuds einlösen, nach dem man sich erinnere, um zu vergessen. Da aber eine solche Strategie des Vergessens "für die Deutschen nicht statthaft ist, wählen sie gern eine Art der Erinnerung, die dem Vergessen nahe kommt. Es ist die Erinnerung als Zerstreuung."[3]

Nun könnte man hilfesuchend einwenden, dass ja gerade die Bundesrepublik eine inflationsartige Fülle von historischen Ausstellungen - von den Staufer- und Preußen-Ausstellungen bis hin zur umstrittenen Schau "Verbrechen der Wehrmacht" - vorweisen könne. Aber auch hier fehlt, nach Bohrers Einschätzung, jedes historische Langzeitgedächtnis. Es handele sich vielmehr nur um scheinbar Kontinuität behauptende Events und Happenings des Erinnerns: "Das seit den 80er Jahren aufgetauchte Interesse breiter Bevölkerungsschichten an früheren Kulturen (...) kann nicht für die hier veranschlagte Fernerinnerung in Anspruch genommen werden. Bei solchen Geschichtsinszenierungen, die heute einer generellen Ausstellungspraxis der großen Museen entsprechen, wird eine neue Art des durchaus legitimen Voyeurismus angesprochen, in dem sich eine von Abstraktionen übermüdete Gesellschaft ausruht: Bilder statt Buchstaben, beziehungsweise Argumenten. Mit historischer Fernerinnerung (...) hat das wenig zu tun. Eher zeigt sich hier das eigentümliche Phänomen einer unendlichen Gegenwart, die sowohl Vergangenheit als auch Zukunft auf das ewige Jetzt kulturellen Konsums schrumpfen lässt."[4] In der fehlenden Fernerinnerung sieht Bohrer den wesentlichen Grund für die Unfähigkeit der Nachkriegsdeutschen zu trauern und für die Schwierigkeiten, das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu akzeptieren: "Denn selbst ein Gedächtnis, das sich des Holocaust bewusst ist, (...) verdient nur dann diesen Namen, wenn es sich nicht nur der Holocaust-Zeit, sondern der Zeit und der Zeiten bewusst ist, die vor dieser Zeit liegen."[5]

Wie aber müsste sich ein solches Bewusstsein konstituieren? Es müsste vor allem der Einsicht Kierkegaards in den grundsätzlichen Ambivalenz-Charakter des Gedächtnisses geschuldet sein: Dass nämlich das Leben zwar vorwärts gelebt, aber nur rückwärts verstanden wird. Beide Richtungen der Zeitachse, die Zukunft wie die Herkunft, müssten im Interesse einer erfolgreichen Bewältigung der Gegenwart im Blick behalten werden. Das heißt einerseits, Nietzsches Gedanken beherzigen: "Wer handeln will, muss vergessen können." Aber es heißt auch andererseits, zu beherzigen, dass, wer die Vergangenheit vergisst, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen. Hinzu kommt, dass ein Minimum an Gedächtniskultur konstitutiv ist für die Entwicklung von Urteilskraft, Qualitätsbewusstsein und Humanität - mit der Konsequenz, dass das Ziel jeder Erziehung die Entwicklung gedächtnisgestützter Urteilskraft sein müsste. Bildung mit dem Ziel bloßer Vermittlung von Zukunftskompetenz ohne Herkunftsgedächtnis erscheint demnach als problematische Zukunftsvorsorge. Denn eine Ausbildung, die vorrangig auf die Vorbereitung für einen zur Zeit marktgängigen Beruf ausgerichtet ist, läuft Gefahr, auf künftige neue Berufsfelder nicht ausreichend reagieren zu können. Nur eine gedächtnisgestützte Urteilskraft wird über jenen Bildungsmehrwert verfügen, der sich nicht allein an einer zur Ideologie geronnenen Betriebswirtschaftslehre mit rein monetärer Kosten-Nutzen-Rechnung orientiert.

Die volkswirtschaftlichen Folgen des grassierenden Mangels einer gedächtnisgestützten Kultur zeigen sich beispielsweise im zuletzt (August 2005) veröffentlichten Arbeitsmarkthandbuch des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Von rund 2,8 Millionen Arbeitslosen, die seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung sind, besitzt ein wesentlicher Teil keine Berufsausbildung oder verfügt nur über veraltete Fachkenntnisse. Zurzeit werden rund 400 000 Jugendliche durch berufsvorbereitende Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA) "nachqualifiziert" - in einem Bildungs-Reparaturbereich, für den jährlich 1,2 Milliarden Euro aufgewendet werden müssen und der bereits ein Fünftel jedes Jahrganges betrifft. Die IAB-Chefin Jutta Allmendinger kommentiert: Diese Jugendlichen seien "nicht dumm geboren", sondern würden durch das deutsche Bildungssystem "dumm gemacht (...). Wir vergeuden die wichtigste Zukunftsressource in erheblichem Umfang."[6]

Gedächtnisgestützte Herkunftskompetenz muss indes in die Irre führen, wenn sie sich als Selbstzweck einer bloßen Restauration desVergangenen versteht. Erinnert sei an dasAmnesiegebot im antiken Griechenland. Amnesie, das Nicht-Erinnern, hatte sich schon früh als probates Mittel einer Friedensstrategie erwiesen. Um Bürgerkriege und endlose Revanchekriege zu vermeiden, wurde daher das kollektive Vergessen vergangener Fehler und Gräueltaten verordnet, eine Art "Flurbereinigung des Gedächtnisses" zur Sicherung von Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinne hat Cicero drei Tage nach Cäsars Ermordung ein Amnesiegebot verkündet. Sogar die Schlussakte des Friedensschlusses von Osnabrück und Münster zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges enthält eine Amnesie. Und noch Ludwig XVIII. hat Amnesie verkündet im Hinblick auf die Schandtaten der französischen Revolutionäre gegenüber seinen Vorfahren.


Fußnoten

1.
Vgl. allgemein zum Thema dieses Essays: Symposium "Das kulturelle Gedächtnis im 21. Jahrhundert" am 23.4. 2005 in Karlsruhe, dort der Vortrag von Manfred Osten, Gespeichert, das heißt vergessen - moderne Speichertechnologien, Aufbewahrungspraktiken und gesellschaftliche Implikationen, http://digbib.ubka.uni-karlsruhe.de/diva/2005 - 314; ferner Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur, Frankfurt/M. 2004.
2.
Karl Heinz Bohrer, Ekstasen der Zeit, München 2003, S. 20f.; dort auch die folgenden Zitate.
3.
Peter Kümmel, Ein Volk in der Zeitmaschine, in: Die Zeit, Nr. 10 vom 26.2. 2004, S. 41.
4.
K. H. Bohrer (Anm. 2), S. 14.
5.
Ebd., S. 51.
6.
Zit. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.8. 2005, S. 11.