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13.1.2006 | Von:
Joseph Anton Kruse

Warum Heine heute?

Vor allem die späten Überlebensstrategien Heines machen ihn zum vorweggenommenen Beispiel des modernen Menschen. Sein Werk ist der Beweis für eine Unabhängigkeit, die uns Not tut.

Einleitung

Das ist zum Leidwesen aller Nachdenklichen unter sämtlichen Ständen stets die ebenso lästige wie belastende Hauptfrage, die schwer zu beantworten ist und zu geistigen Klimmzügen, wenn nicht gar zum Flunkern verführt: Warum tun wir das oder hängen dem an, was wir für wichtig halten und dem wir angeblich unser eigentliches Leben verdanken oder wenigstens das lebenswertere Leben abzugewinnen wissen, obgleich der Sachverhalt oder, wie in unserem Fall, der Gegenstand unserer Lektüre, die Beschäftigung mit einem der wichtigsten Autoren des 19. Jahrhunderts, längst der Vergangenheit angehört?

Also müssen schon wieder Auslegungen her, Argumente und philologische Kommentare und was dergleichen mehr ist, um den Bogen zu schlagen und zu verstehen, um was es eigentlich geht. Warum schleppen wir religiöse, kulturelle, politische, alles in allem also bestimmte humane Traditionen mit uns herum und fangen nicht einfach das neue unbeschwerte Leben der Gegenwart an, als hätten wir die dazu gehörenden Bedingungen gerade erst erfunden? Vergessen ist oft genug angesagt, und die Kunst der Erinnerung kostet viel Zeit, Kraft und Geld. Aber dürfen wir uns deswegen zurücklehnen und uns beruhigen? Zu den geläufigen Bibelweisheiten gehört nicht umsonst die Feststellung, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt.

Solche kritischen Bedenklichkeiten, aber gleichzeitig positiven Lebensentwürfe sind auch früher schon angemeldet worden. Unseren Dichtern und Denkern verdanken wir eben doch mancherlei Einsichten in existenzielle Ambivalenzen wie real-utopische Verhältnisse.[1] Friedrich Nietzsche spricht in seiner zweiten unzeitgemäßen Betrachtung "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" über die Entartung der antiquarischen Historie in dem Augenblicke, in dem das frische Leben der Gegenwart sie nicht mehr beseelt und begeistert. Aber gerade in dieser Forderung nach Beseelung und Begeisterung der jeweiligen Gegenwart liegt die Chance für das, was uns überkommen ist. Also auch für die Aktualität, Modernität, Nähe, Nachbarschaft, ja für die Solidaritäts- und Identifikationsangebote, oder wie immer wir die uns anrührende Kraft Heinrich Heines bezeichnen wollen. Mit anderen Worten: Man könnte nicht ungestraft zu einer Beschäftigung mit ihm auffordern, wenn es nicht zahlreiche Anknüpfungspunkte gäbe, die sich dafür nicht nur anbieten, sondern in zahlreichen Einzelfällen zur Vergegenwärtigung auch lohnen, ja unverzichtbar sind.

Eine meditative Vertiefung unseres Zeitbewusstseins kann Friedrich Schiller durch eine Bemerkung in seiner Jenaer Antrittsvorlesung aus dem Jahre 1789 liefern, also just aus dem Jahr der großen Französischen Revolution. Er fragt mit rhetorischer Raffinesse: "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" und versieht die Ausführungen mit einem unschlagbaren Hinweis auf eben diesen für die Vorlesung vorhandenen Augenblick, der ihn selbst und seine Zuhörer betrifft, mit gerade diesem Grade von Nationalkultur, mit dieser Sprache, diesen Sitten, diesen bürgerlichen Vorteilen, diesem Maß an Gewissensfreiheit, was das Resultat vielleicht aller vorhergegangenen Weltbegebenheiten sei; die ganze Weltgeschichte würde nötig sein, dieses einzige Moment zu erklären.

Greifen wir bei der Welterklärung allein aus praktischen Gründen also unbedingt zu den Quellen. Zweifellos gehört Heine dabei zu den Stimmen der jüngeren Vergangenheit, die uns auch die Gegenwart verständlicher machen können und selbst für die Zukunft noch überraschende Einsichten bereithalten.

Und um unsere Präliminarien so gelehrt wie möglich abzuschließen: Wenn es schon bei der Frage "Warum Heine heute?" hauptsächlich um Lektüre geht, seien wenige Hinweise auf die subtile Sicht von zwei großen Romanautoren des 20. Jahrhunderts erlaubt. Das Gesetz dieses Lebens sei, so stellt Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften" fest, das der erzählerischen Ordnung, und das Schreiben stelle eine Verdoppelung der Wirklichkeit dar. In ähnlicher Weise richtet Marcel Proust im Schlussteil seiner "Suche nach der verlorenen Zeit", also im zweiten Teil der "Wiedergefundenen Zeit", sein Erkenntnisinteresse lapidar ganz auf die Literatur. Die Größe der wahren Kunst, schreibt er, habe darin bestanden, jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden; jene Wirklichkeit, deren wahre Kenntnis wir vielleicht bis zu unserem Tode versäumen und die doch ganz einfach unser Leben ist. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzig infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben sei die Literatur.

Setzen wir also die Erfahrung von Literatur sowie von Literaturgeschichte als Bedingung der Möglichkeit existenzieller Selbstbefragung und hilfreicher Selbstinterpretation voraus und fragen wohlgemut von neuem: Warum Heine heute? Hier werden nur einige Antworten unterschiedlicher Gewichtung versucht. Den eigentlichen Reiz und das Vergnügen vermag nur die unvoreingenommene Lektüre zu vermitteln. Wenn unsere bisherigen und folgenden Anmerkungen dazu verleiten könnten, hätten sie ihr Ziel erreicht.


Fußnoten

1.
Solche Überlegungen zur Kultur und Literatur haben den Verfasser bereits in seiner Studie über "Die Überlieferung literarisch-kulturhistorischer Quellen. Goethe, Schiller und Heine als Bildner von Literaturarchiven" im Heine-Jahrbuch 17 (1978), S. 186 - 210, geleitet. Dort finden sich auch die genauen Hinweise auf die hier bemühten Autoren.