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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

Heine-Universität Düsseldorf?

Windfuhr war es auch, der einen Aufruf von zehn Dozenten der Universität Düsseldorf initiierte, die Hochschule nach dem berühmten Sohn der Stadt zu benennen. Der Appell vom 30. Oktober 1968 war überzeugend begründet, argumentierte mit dem Rang Heines, der ihm weltweit zuerkannt werde, seiner Universalität, mit dem "Nachholbedarf" an Ehrungen in Deutschland, der Mehrung des Ansehens von Hochschule und Stadt sowie der "guten Tradition", die die "Benennung deutscher Universitäten nach bedeutenden Vertretern des geistigen Lebens" habe.[13] Das war eine für den widerborstigen Heine eigentlich zu glatte, diplomatische Begründung. Und doch führte die Initiative erst 20 Jahre später zum Erfolg, nach erbitterten Auseinandersetzungen und schwerem Imageverlust für Stadt und Hochschule.

Ein wesentlicher Grund war die Vor- und Entstehungsgeschichte der Universität. Die Hochschule ging aus der 1923 gegründeten Medizinischen Akademie Düsseldorf hervor und war zum Zeitpunkt der Windfuhr-Initiative, obgleich schon seit drei Jahren umbenannt, in ihrer Substanz kaum mehr als diese Akademie mit einigen wenigen nichtmedizinischen Lehrstühlen. Der nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat (CDU) wollte seine "schleichende" Universitätsgründung nicht durch eine Aufsehen erregende Namensgebung gefährden. Deshalb war ein erster Vorstoß für eine Heine-Universität - 1965 durch Düsseldorfs Oberstadtdirektor Gilbert Just (SPD), auf Anregung des in Düsseldorf geborenen und 1934 nach London emigrierten Juden Fritz Hellendall - im Sande verlaufen.

Mikat begründete seine Ablehnung außerdem mit der Hochschulautonomie. Nach seiner Rechtsauffassung konnte eine Regierung einer Universität keinen bestimmten Personennamen "dekretieren". Und dies hätte er wohl tun müssen, denn die Akademiemediziner plagten Statussorgen: Andere Fakultäten könnten die knappen Mittel beschneiden und die Identität der Medizinischen Akademie "umbiegen", befürchteten sie. Am liebsten wären die Mediziner, Professoren wie Studenten, wohl unter sich geblieben. Aber auch noch mit Germanisten unter einem Dichternamen firmieren - das schien den meisten Medizinern des Neuen zu viel.

Dieselben Gründe galten auch im Jahr der Studentenrevolte, 1968, allerdings in verschärfter Form: Die nächste Ausbaustufe mit nichtmedizinischen Lehrstühlen stand unmittelbar bevor (darunter der Germanistik-Lehrstuhl von Windfuhr). Überdies sahen die Noch-Hausherren in den im Umbruch befindlichen Geisteswissenschaften eine Einbruchstelle für eine ideologisierte Wissenschaft (durch "progressive" Professoren) und - schlicht - einen Unruheherd (durch die Studenten).

Und wenn Goethe oder Schiller statt Heine als Namensgeber vorgeschlagen worden wären? Dann hätte die zügige Benennung nach einem Dichter wohl eine deutlich größere Chance gehabt. Schleichende Gründung, Medizinersorgen, "Achtundsechzig" - die Benennungsinitiative scheiterte auch deshalb, weil Heine bis Ende der sechziger Jahre, vom Namen abgesehen, ein weithin Unbekannter war im bundesdeutschen Volk, auch unter Durchschnittsakademikern und solchen, die es werden wollten. "Der einzige Schulfreund, der Heine kannte und liebte", erzählte Bernhard Schlink in seiner Rede zur Entgegennahme der Heine-Ehrengabe 2000 über seine Heidelberger Gymnasialzeit, "war ein Linker, gegen die Atombombe, für den Verzicht auf die Ostgebiete, für die Anerkennung der SBZ/DDR und dafür, im Kommunismus etwas genuin anderes, Besseres als im Nationalsozialismus zu sehen."[14]

Neuere Forschungen über die Medizinische Akademie "nach der Diktatur" lassen annehmen, dass das Lehrpersonal dort wie auch die Studenten bis in die frühen siebziger Jahre hinein überwiegend konservativ eingestellt waren, dass sie eine grundsätzlich positive Einstellung zu den bundesrepublikanischen Verhältnissen hatten, sich nicht sonderlich den Kopf zerbrachen über Vergangenheitsbewältigung, verkrustete Strukturen oder soziale Chancengleichheit, dass sie fleißig arbeiteten, das berufliche Fortkommen und die eigene Zukunft im Blick.[15] All das unterschied sie von einem Dichter, der sich existenziellen Bedrohungen von oben ausgesetzt gesehen, an Deutschland wie an einer unerwiderten Liebe gelitten, als Ausgestoßener die gesellschaftlichen Zustände mit bissigem Spott kommentiert hatte. Dieser Heine war den meisten Düsseldorfer Hochschulangehörigen fremd, ob sie ihn nun kannten oder nicht. Kein Wunder, dass sich im November 1968 in einer Umfrage von 440 befragten Studenten 70 Prozent für eine Beibehaltung des schlichten Hochschulnamens "Universität Düsseldorf" aussprachen.

Und ausgeprägter Antisemitismus? Auch der könnte bei der Ablehnung durch die Professoren eine Rolle gespielt haben. Allerdings wohl nur in Einzelfällen, so bei dem Humangenetiker Heinrich Schade, ab 1931 NSDAP-Mitglied und offenbar bis zu seinem Tod 1989 ein Anhänger der NS-"Rassenhygiene". Verstrickt in die NS-Medizin gewesen war jüngeren Forschungen zufolge auch der Anatom Anton Kisselbach: als zumindest "aktiver" Mitwisser von Menschenversuchen im elsässischen KZ Natzweiler.[16]

Doch "müssen" in NS-Verbrechen verstrickte Deutsche 20, 25 Jahre später gegen Heine gewesen sein? Nicht unbedingt. Ihr "typisch menschliches" Verhalten nach der Diktatur indes, der zumindest nach außen hin wenig kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit legen es nahe, anzunehmen, dass sie die Abgründe der deutschen Geschichte eher verdrängen als"aufarbeiten" wollten. Und der "Ruhestörer" Heine stand für ein unbequemes Deutschlandbild. Es ist kaum wahrscheinlich, dass sich Menschen, die ein schlechtes Gewissen, Sorgen um die Karriere und Angst vor einem Kesseltreiben plagten, sich diesen zusätzlichen "Stachel" ausgerechnet im eigenen Lehrkörper herbeiwünschten.

Der in London lebende deutsch-jüdische Emigrant Fritz Hellendall vermutete acht Tage nach dem Windfuhr-Vorstoß in einem offenen Brief pauschal "Kräfte der Reaktion" hinter der Ablehnung einer Benennung. Daraufhin formulierte Rektor Alwin Diemer, ein liberaler Philosophieprofessor, eine unglückliche Presseerklärung, deren Kern sich als ehrenwerte Verteidigung der "autonomen" Wissenschaft vor politischen Vereinnahmungsversuchen lesen lässt. Darin wurde aber wenig souverän mit den Benennungsinitiatoren umgegangen, sie wurden vielmehr als jugendlich-vorwitzige Verschwörer, die einer unausgegorenen Idee anhängen, abgekanzelt. Zehn Tage später beschloss der Hochschulsenat einstimmig, der Universität keinen sonstigen Namen beizugeben. Die autonomiebewussten Professoren hielten das Thema damit für erledigt, Windfuhr jedoch nicht: "Es liegt im öffentlichen Interesse, die Frage der Benennung frei zu diskutieren." In den Augen des Anatoms Kisselbach war das eine Anmaßung: "Ich verfolge die Entwicklung der Philosophischen Fakultät mit großem Unbehagen", sagte er im Januar 1969 in einem Zeitungsinterview, "umso mehr, als zum Beispiel ein Professor, der noch nicht zu unserem Lehrkörper gehört und hier noch keine Vorlesung gehalten hat, taktlos und dreist durch eine demokratische Vergewaltigung einen Namen für die Universität erzwingen will." Dieser scharfe Ton sollte sein Echo finden: auf Seiten einer linksorientierten politischen Bewegung, der "Bürgerinitiative Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf". Heine-Kenner Windfuhr, der auf Überzeugungsarbeit gesetzt hatte, geriet in der am 13. Dezember 1968, dem 112. Geburtstag Heines, gegründeten Vereinigung schnell ins Abseits. Otto Schönfeldt nahm ihm das Heft aus der Hand, ein Mann aus dem (laut "Deutscher Volkszeitung") "antifaschistischen Widerstand": Schauspieler, 1936 Verhaftung und Berufsverbot, nach dem Krieg Theaterleiter in Hagen, Entlassung, weil angeblich zu linkslastig, danach "Kampf gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik". Schönfeldt sammelte im In- und Ausland hunderte Solidaritätsbezeugungen und Unterschriften für eine Heine-Universität, darunter die von so bedeutenden Schriftstellern wie Erich Fried, Günter Grass oder Erich Kästner. Zugleich jedoch führte der DKP-Sympathisant einen Feldzug gegen die Düsseldorfer Professoren, denen er mehr oder weniger pauschal unterstellte, aus antisemitischen Motiven einen mehr als 100 Jahre dauernden "Krieg gegen Heine" fortzusetzen. Damit brachte Schönfeldt die Hochschule weltweit in Misskredit, was dazu führte, dass ausgerechnet der liberale Philosophie-Ordinarius Alwin Diemer von einem Vortrag vor der Universität Houston/Texas ausgeladen wurde.

100 Jahre Krieg gegen Heine? Antisemiten, von Heines Zeitgenossen Meyer über den Denkmal-Stürmer Bartels bis hin zu den Heine-Hassern vom "Stürmer" - sie alle hatten einen Krieg geführt gegen Heine und sein fortschrittliches Werk. Doch für die Düsseldorfer Professoren war dieser Krieg Geschichte - wenn sie überhaupt davon wussten. Denn den meisten war wohl kaum die Tragweite ihrer Ablehnung bewusst, weder der Rang Heines in der Weltliteratur noch die feindliche Rezeptionsgeschichte hierzulande. Mit dem Kriegsvorwurf schoss Schönfeldt weit übers Ziel hinaus - mit der Folge, dass fast eine ganze Generation Düsseldorfer Medizin-Professoren die Benennung der Universität nach Heine nicht einmal mehr diskutieren wollte.

Anfang der siebziger Jahre fand der nach links gerückte Allgemeine Studentenausschuss (AStA) in Düsseldorf Gefallen an der Strategie, mit Heine die "massenhafte Diskussion" über das Selbstverständnis einer Universität zu forcieren: Die Studentenvertreter nahmen den Dichter für den Wissenschaftsbegriff der Neuen Linken in Dienst, für eine Vulgärversion der Kritischen Theorie, die "Wissenschaft, wie sie Heine versteht: praktisch, im Dienste des Menschen, die politische und soziale Revolution befördernd". So veranstaltete der AStA im Heine-Jahr 1972 ein bundesweit beachtetes "Heine-Hearing", auf dem PEN-Präsident Hermann Kesten Schönfeldts "Krieg dem Krieg" mit dem Dutschke-Heine der Studenten zusammenrührte: "Man wird mit Recht in aller Welt die Universität in Düsseldorf, die Stadt (...) verurteilen, dass sie einen großen deutschen Dichter verwerfen, weil er der Freund des Volkes war (...), weil er öffentlich ausgesprochen hat (...), wer ein Feind der sozialen und politischen und sexuellen Aufklärung ist, wer die Wissenschaften und die Literatur, Kunst und Religion und Volkserziehung zu Instrumenten willkürlicher Macht von wenigen, von kriminellen Tyrannen, von asozialen ökonomischen Herren machen will." In den stürmischen Beifall hinein warnte der Historiker Wolfgang J. Mommsen als Vertreter der Dozenten: "Wenn Sie den Namen Heinrich Heine für eine Politisierung der Universität missbrauchen und gegen die dort arbeitenden Professoren, die Sie außerdem in Bausch und Bogen zu Antisemiten erklären, dann brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Sie auf Widerstand stoßen." Mommsens Warnung war prophetisch: Der Satzungskonvent der Hochschule, der die Umbenennung bereits im März 1972 abgelehnt hatte, sagte erneut im Januar 1973 und auch im Februar 1982 Nein zu einer Heinrich-Heine-Universität. Erst im Dezember 1988 beschloss der Senat nach klugen Sondierungen die Umbenennung - als die Kämpfe um eine "demokratisierte Wissenschaft" und die so genannte Gruppenuniversität geschlagen, die während der Nachrüstungsdebatte aufgebrandeten "neuen ideologischen Wellen" verebbt und neue Generationen in Professoren- und Dozentenstellen gelangt waren.


Fußnoten

13.
Zum Benennungsstreit vgl. u.a. Otto Schönfeldt (Hrsg.), Und alle lieben Heinrich Heine ... Bürgerinitiative Heinrich-Heine-Universität 1968 - 1972, Köln 1972; Thomas Gutmann, Im Namen Heinrich Heines. Der Streit um die Benennung der Universität Düsseldorf 1965 - 1988, Düsseldorf 1997; mit der Arbeit setzt sich kritisch auseinander: Ulrich Welbers, Heinrich Heines Demut. Ethik der Besinnung für eine Universität auf der Suche nach Aufklärung, in: Holger Ehlert u.a. (Hrsg.), Die Jahre kommen und vergehen! 10 Jahre Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf 1998, S. 229 - 236; Max Plassmann/Karoline Riener, Die ersten Jahre der Universität Düsseldorf (1965 - 1970) - von der "schleichenden" Gründung bis zum Namensstreit, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Bd. 2 der neuen Folge (2002), S. 503 - 512.
14.
Bernhard Schlink, "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!", in: Heine-Jahrbuch, 39 (2000), S. 230.
15.
Vgl. Wolfgang Woelk u.a. (Hrsg.), Nach der Diktatur. Die Medizinische Akademie Düsseldorf nach 1945, Essen 2003; Bernd Bussang, Das Gehirn der Stadt. 40 Jahre Heinrich-Heine-Universität, in: Rheinische Post (RP) vom 12.11. 2005, S. B 6 (Stadtpost).
16.
Vgl. W. Woelk u.a. (Anm. 15) sowie Michael G. Esch u.a. (Hrsg.), Die Medizinische Akademie Düsseldorf im Nationalsozialismus, Essen 1997.