Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Frank Uekötter

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Die naturwissenschaftliche Erforschung des Klimawandels ist von einer stetig wachsenden Gewissheit geprägt. Bei der historischen Aufarbeitung der Klimadebatte scheint der Trend in die entgegengesetzte Richtung zu gehen: Das Gesamtbild wird zunehmend unscharf. Das liegt einerseits am Gegenstand, dessen stetige Expansion gegen Grenzen des Wachstums ziemlich immun zu sein scheint – wie bilanziert man eine weltumspannende Debatte, in der unterschiedlichste Disziplinen, fast 200 Regierungen und eine riesige Schar von Interessenten zusammenwirken? Andererseits haben die Hoffnungen und Frustrationen der Klimadebatte auch im Geschichtsbild ihre Spuren hinterlassen. Jeder weiß, dass der anthropogene Klimawandel schneller voranschreitet als die globale Klimapolitik, und da liegen kontrafaktische Spekulationen nahe. Vielleicht wäre das Ganze anders gelaufen, wenn wir nicht irgendwo einmal falsch abgebogen wären?

Im April 2019 veröffentlichte Nathaniel Rich einen Bestseller, der sich in diesem Sinne auf die Zeit von 1979 bis 1989 konzentriert – dies sei das Jahrzehnt gewesen, in dem wir die globale Erwärmung beinahe in den Griff bekommen hätten. Rich ist eigentlich Romanautor, und so liest sich seine Darstellung auch. "Losing Earth" ist die Geschichte einiger kluger Männer, die das Desaster frühzeitig erkannten. Es ist ja eigentlich auch ganz einfach: Die Nutzung fossiler Energien läuft auf eine höhere Konzentration von Kohlendioxid in der globalen Atmosphäre hinaus, und Kohlendioxid ist ein Treibhausgas. Hatte der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius nicht schon im späten 19. Jahrhundert von einem globalen Temperaturanstieg gesprochen? Und der Mann hatte immerhin 1903 den Chemie-Nobelpreis bekommen.

Es ist eine romantische Vorstellung, dass Politiker sofort reagieren, wenn renommierte Wissenschaftler ihre Stimme erheben. Das gilt jedenfalls dann, wenn man mit dem Abstand der Jahrzehnte sicher sagen kann, auf welche Forscher man hätte hören sollen. Die Eindeutigkeit der naturwissenschaftlichen Diagnose scheint eine Sehnsucht nach ähnlicher Eindeutigkeit in der historischen Erzählung zu befördern, aber Klarheit gibt es in der Geschichte der Klimadebatte nur dann, wenn man Kontexte systematisch herausschneidet und alles auf die politisch gewünschte Erzählung fokussiert. Dabei kann man aus dieser Geschichte viel mehr lernen, wenn man sie nicht nur als Ressource für tagesaktuelle Schlachten behandelt.

Vorläufer der Klimaforschung

Gerne werden Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts als Vordenker der heutigen Klimaforschung verortet, aber das funktioniert nur mit erheblichen intellektuellen Verrenkungen. Der Historiker James Rodger Fleming diskutiert Arrhenius zusammen mit Joseph Fourier, John Tyndall und Thomas Chrowder Chamberlin als Exponenten eines kruden Monokausalismus. Sie konzentrierten sich jeweils auf einen einzelnen Aspekt, Arrhenius etwa auf den Anstieg der globalen CO2-Konzentration, und nahmen nur widerwillig zur Kenntnis, dass beim Weltklima auch andere Faktoren eine Rolle spielen.[1] Heute weiß jeder von den Wettervorhersagen, dass es im komplizierten Wechselspiel der Kräfte in der Atmosphäre immer wieder Überraschungen gibt, und die Ungewissheiten wachsen zwangsläufig, wenn man den gesamten Globus und die ferne Zukunft in den Blick nimmt.

Es sind nicht nur die groben Simplifizierungen, in denen sich Arrhenius und seine Zeitgenossen von der heutigen Klimawissenschaft unterscheiden. Sie schrieben auch mit einem anderen Anspruch. Wenn etwa Arrhenius darüber spekulierte, ob eine höhere CO2-Konzentration vielleicht gut für den Planeten wäre, dann handelte es sich letztlich um ein intellektuelles Spiel, das man im fin de siècle auch gerne kulturpessimistisch einfärbte. Mit dem Narrativ vom Aufstieg und Fall der großen Mächte war der gebildete Bürger schon durch das Studium der Antike vertraut. Der heute so selbstverständliche Schritt von der Diagnose zur Bekämpfung des Problems fehlt im damaligen Schrifttum. Es gab ja auch niemanden, an den man klimapolitische Wünsche hätte adressieren können.

Die Zeit um 1900 gilt zwar als eine Blütezeit dessen, was heute Globalisierung heißt, eine Weltpolitik zur Bekämpfung des Klimawandels lag aber jenseits des Horizonts der politischen Möglichkeiten. Von 1914 bis 1945 war die Idee erst recht absurd, danach änderte sich jedoch die Situation: Der Kalte Krieg schuf einen Möglichkeitsrahmen, der bis in die Gegenwart nachwirkt. Wer die Klimadebatte verstehen will, kommt um den Kalten Krieg nicht herum.

Fußnoten

1.
Vgl. James Rodger Fleming, Historical Perspectives on Climate Change, New York 1998, S. 6.
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