Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Harald Welzer

Wissen wird überbewertet. Nachhaltigkeitstransformation ist eine Sache der Praxis

"Meine total verrückte Reise um die Welt", war am 12. September 2017 eine ganzseitige Reportage in der "Bild"-Zeitung überschrieben. Darin berichtete der Reporter Michael Quandt, dass er in nur fünf Tagen "vier Kontinente, acht Städte" bereist und dafür 40.200 Flugkilometer zurückgelegt habe – und weil er ausschließlich Billigflieger benutzt hatte, kostete das Ganze lediglich 1.827 Euro. Seine Schilderungen waren gespickt mit Ausflugsberichten – Dromedarreiten in Dubai und Shave-Ice-Essen in Waikiki Beach, selbstverständlich alles belegt durch die obligaten Instagram-Fotos.

Ein ebenfalls ganzseitiger Artikel in der Sektion "Technik & Motor" der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) informierte am 14. Mai 2019 über die neue "Königsdisziplin des Yachtbaus", sogenannte Explorer-Schiffe. Die sind gedacht für aktive, abenteuerlustige und sehr reiche Menschen, die sich gern in unbekannte Gefilde wie die Arktis aufmachen. Die Schiffe haben eine Menge zu bieten: "Die Sea-Explorer 75 wird Suiten für bis zu zwölf Passagiere zur Verfügung stellen. Das erste Exemplar, exakt 76,9 Meter lang und 14 Meter breit, ist in Bau. Der Käufer, passionierter Skifahrer, Wellenreiter und Taucher, wird ein Arsenal an Sport- und Spaßgeräten dabeihaben, Surfequipment, Tauchkammer, Tauchbegleitboot, Skiraum mitsamt Lawinensicherheitsausrüstung, zwei Schneemobile, vier Jetski, U-Boot, Rettungsboot, Edel-Tender, zwei Außenborder-Schlauchboote. Die beiden Hubschrauber vom Typ Airbus ACH 125 bringt ein gut elf Meter messender Lift vom Doppelhangar im Bauch des Schiffes aufs zertifizierte Helideck. Maximales Startgewicht 4.000 Kilogramm."

Beide Geschichten berichten von heute je nach Einkommensgruppe unterschiedlich gegebenen Varianten der Vergrößerung von Weltreichweite. Mit diesem Begriff hat der Soziologe Hartmut Rosa ein Merkmal der Moderne bezeichnet: Mit wachsendem Wohlstand und jeweils neuer Technologie wächst die Möglichkeit der Einzelnen, über die Welt zu verfügen. Galt es vor 100 Jahren nicht als ungewöhnlich, wenn jemand noch nie aus seinem Dorf oder zumindest nicht über die nächstgrößere Stadt hinausgekommen war, wäre das heute eine absolute und erklärungsbedürftige Ausnahme. Fernerfahrungen machten bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein vor allem Soldaten auf Feldzügen, alle anderen blieben, bis auf ein paar sehr reiche Menschen, ihr Leben lang zu Hause. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Deutschland der Massentourismus, zunächst mit Italien als Sehnsuchtsland, dann je nach Preislage Spanien, Tunesien und die Türkei. Während der NS-Zeit hatten die "Kraft durch Freude"-Reisen den Massentourismus schon angespielt, im Wirtschaftswunder ging es dann richtig los und hört seither nicht auf. Das Beispiel des "Bild"-Reporters zeigt eindrücklich, dass selbst Weltreisen heute keine exklusive Angelegenheit mehr für Oberschichten sind. Das wiederum ist für die Superreichen unerfreulich, zählt doch solche Steigerung von Weltreichweite zum Statuskonsum, und wenn das alle machen, schwindet der Distinktionsgewinn. Man muss folgerichtig aufrüsten – und macht das mit den Explorer-Schiffen. Aber der Massenkonsum zieht selbstverständlich nach: Auch mit "Hurtigruten" kann man jetzt auf den Spuren Roald Amundsens per Kreuzfahrt in vermeintlich unberührte Gebiete vordringen.

Warum erzähle ich das alles? Erstens deshalb, weil die ökologischen Probleme der Gegenwart und der Klimawandel nicht zuletzt exakt darauf zurückgehen, dass expansiver Luxuskonsum besonders dann seine zerstörerischen Wirkungen entfaltet, wenn er zum Massenkonsum wird. Selbstverständlich ist der Besitzer der Explorer 75 ein Umweltzerstörer ganz außergewöhnlicher Größenordnung, aber was Hunderttausende Billigtouristen auf dessen Spuren anrichten, übertrifft seine Umweltwirkungen um ein Vielfaches. Zweitens, und das ist für die folgenden Überlegungen der wichtigere Aspekt, werden die "Bild"- und die "FAZ"-Geschichten ja deswegen erzählt, weil sie die vergrößerte Weltreichweite als gute Geschichten erzählen, zur Nachahmung empfohlen. Exakt auf diese Weise werden "imperiale Lebensweisen", wie die Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen solchen Weltgebrauch genannt haben, als erstrebenswert propagiert. Gesteigerter Weltverbrauch gilt in den Medien wie in der Werbung wie in der Wirtschaft wie in der Politik nach wie vor als wünschenswert und wird entsprechend subventioniert und beworben. Das "Traumschiff" gilt bis heute den Mehrheiten genauso wenig als Albtraum oder auch nur als Anachronismus wie der auf monströse Größe geschwollene Stadtgeländewagen, der wandfüllende Großbildschirm oder die riesenhafte Landhausküche, in der nie gekocht wird – im Gegenteil: Sie evozieren bei den meisten ein spontanes Gefühl des "Habenwollens".

Und das sollen sie ja auch: Denn die Standardökonomie geht wie die Standardpolitik nach wie vor davon aus, dass Wachstum volkswirtschaftlich nicht nur notwendig sei, sondern auch unabdingbar, will man die Gesellschaft stabil halten. Würde man statt "Wachstum" jedes Mal "gesteigerter Verbrauch" sagen, würde die zugrundeliegende Problematik sofort etwas deutlicher: Denn die Logik permanenter Steigerung des Weltverbrauchs ist es ja, was das zivilisatorische Modell des 20. Jahrhunderts im 21. in ganz erhebliche Schwierigkeiten bringt.

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