Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Ralf Fücks

Aufbruch in die ökologische Moderne. Vom Raubbau an der Natur zur Kooperation mit der Natur

Die Auseinandersetzung um den Klimawandel ist in eine neue Phase getreten: Die Alarmzeichen einer immer rascheren Veränderung der Ökosphäre nehmen zu, und gleichzeitig wird diese zu einem bestimmenden politischen Faktor. Hunderttausende junger Leute sind Vorreiter einer "Klima-APO", und sie ziehen die Älteren mit sich. Klimaschutz war bei der Europawahl 2019 ein zentrales Motiv und birgt auch mit Blick auf Deutschland das Potenzial, die politische Landschaft umzupflügen. Umweltpolitik ist kein Nischenthema mehr, sondern wird zur neuen Zentralachse der Politik.

Aktuell halten fast 60 Prozent der Bevölkerung den Klimawandel für das drängendste Problem unserer Zeit – so die Ergebnisse einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen aus dem September 2019. Dieser Wert wurde bislang nur übertroffen von früheren Sorgen vor Arbeitslosigkeit sowie der Unruhe um die Flüchtlingspolitik 2015/16. Während der Konflikt um die Flüchtlingspolitik durch ein Bündel von integrativen und restriktiven Maßnahmen eingedämmt werden konnte, ist eine Entschärfung bei der Klimafrage nicht in Sicht. Wie die Reaktionen auf das jüngst beschlossene "Klimapaket" der Bundesregierung zeigen, nimmt die Auseinandersetzung noch an Heftigkeit zu. Wenn die Kluft zwischen klimapolitischer Ungeduld in der Gesellschaft und der Trägheit von Politik und Wirtschaft tiefer wird, kann daraus eine Legitimationskrise unseres Gesellschaftsmodells entstehen, das auf der Kombination von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft beruht. Wer beide zukunftsfest machen will, muss sich der ökologischen Herausforderung stellen.

Die industrielle Moderne basiert bislang auf der scheinbar unbegrenzten Verfügbarkeit fossiler Energien. Sie waren der Treibstoff für eine ungeheure Steigerung von Produktion und Konsum und eine immer weiter ausgreifende Mobilität. Gleichzeitig haben die Industrialisierung der vormaligen "Dritten Welt" und der expansive Lebensstil der wachsenden globalen Mittelschicht zu einem dramatischen Anstieg des Energieverbrauchs geführt. Seine Hauptquellen sind Kohle und Öl. Rund die Hälfte aller fossilen Energieträger, die seit Beginn der Industrialisierung verfeuert wurden, fallen in die vergangenen 30 Jahre.

Historisch betrachtet sind die Vorreiter der industriellen Moderne – Europa und die USA – für den Löwenanteil der steigenden CO2-Konzentration in der Atmosphäre verantwortlich. Inzwischen sind die bevölkerungsreichen neuen Industrienationen Asiens an ihnen vorbeigezogen: China steht heute für rund 28 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, Indien folgt nach den USA bereits auf Rang drei. Japan hat seinen CO2-Ausstoß seit 1960 verfünffacht. Deutschland ist das einzige Land unter den sechs weltgrößten "Klimasündern", dessen CO2-Emissionen in diesem Zeitraum in etwa gleich geblieben sind. Im Verhältnis zum Basisjahr 1990 sind sie sogar um rund 30 Prozent gesunken. Der Anteil der Bundesrepublik an der globalen Wirtschaftsleistung beträgt etwa 3,2 Prozent, an den Treibhausgasemissionen 2 Prozent. Dennoch liegen die deutschen CO2-Emissionen pro Kopf über dem europäischen Durchschnitt. Das liegt vor allem am hohen Anteil der Kohle am Energiemix. Schweden kommt mit seiner Kombination aus Wasserkraft und Atomenergie nur auf die Hälfte des deutschen Werts.

Einem Zauberlehrling gleich hat die industrielle Moderne einen Prozess globaler Erwärmung in Gang gesetzt. Er führt uns in einer historisch kurzen Frist aus der relativ stabilen Klimazone der vergangenen zehntausend Jahre hinaus, in der sich die menschliche Zivilisation entwickeln konnte. In den zurückliegenden 200 Jahren stieg die mittlere globale Temperatur um 1,1 Grad; der Trend geht steil nach oben. Die Erwärmung der Arktis und das Schmelzen des Grönland-Eises verlaufen schneller als vermutet, ein Hitzesommer jagt den nächsten. Wir müssen um die künftigen Lebensbedingungen auf unserem Heimatplaneten fürchten. Wenn der Treibhauseffekt außer Kontrolle gerät, wird das die Lebenswelt von Milliarden Menschen gefährden. Die dramatischen Folgen eines sich selbst verstärkenden Klimawandels sind oft genug beschrieben worden, ebenso ihre sicherheitspolitische Dimension. Umweltbedingte Massenmigration und Konflikte um knappe Wasserreserven bergen ein erhebliches Gewaltpotenzial.