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29.11.2007 | Von:
Carsten L. Wilke

Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa

Die Integration des Judentums in den modernen Staat hielt mit der rechtlichen Einbürgerung nicht Schritt. Die Rechtsunmittelbarkeit löste ihn zugleich aus der Rechtsautonomie.

Einleitung

Vor zweihundert Jahren eröffnete eine deutsche Verfassung erstmals die juristische Möglichkeit eines gleichberechtigten jüdischen, muslimischen oder nichtkonfessionellen Staatsbürgers. Es war die Verfassung des kurzlebigen Königreichs Westphalen, das Napoleons Bruder Jérôme von Kassel aus regierte: Am 15. November 1807 wurde in ihr "die Gleichheit aller Unterthanen vor dem Gesetze, und die freie Ausübung des Gottesdienstes der verschiedenen Religions-Gesellschaften" verkündet. Die Verfassung setzte neue Maßstäbe, weil sie die Religionsausübung aller Glaubensgemeinschaften, auch der minderheitlichen, als ein Rechtsgut festhielt, das nicht nur gegen Verfolgung verteidigt, sondern durch staatliche Anstrengungen gefördert werden müsse. Westphalen gab den jüdischen Gemeinden 1808 eine einheitliche, zentrale Ordnung mit einem Konsistorium an der Spitze. Damit wurde ein Organisationsmodell nachgeahmt, das im selben Jahr in Paris durch die Versammlung der jüdischen Notabeln und durch den Großen Sanhedrin beschlossen worden war. Die Juden waren nun nicht nur als Privatpersonen, sondern auch als Gemeinde "eingebürgert".






Im historischen Bewusstsein in Deutschland hat das Erbe der so genannten Franzosenzeit allerdings kaum einen Platz gefunden, so wichtig manche ihrer Errungenschaften auch bis heute sein mögen. Es ist daher angeraten, die nationalen Schemata zu meiden und die Emanzipationsvorgänge als europäische zu betrachten. Die Unabhängigkeit der Staatsbürgerrechte vom christlichen Bekenntnis verbreitete sich von Frankreich aus über Europa, nicht selten gegen starken Widerstand. Die von Paris ausgehende Bewegung hatte ihre geistigen Wurzeln in der jüdischen Aufklärung in Berlin und Triest. Das Kasseler Konsistorium importierte Prinzipien des Pariser Sanhedrin, doch gerade dieser Sanhedrin war umgekehrt einer Idee des Braunschweiger Kammeragenten und späteren Kasseler Konsistorialrats Israel Jacobson zu verdanken.

Die Integration des Judentums in die kirchenpolitische Landschaft des modernen Staates hielt mit der rechtlichen Einbürgerung seiner Bekenner nicht Schritt, beide Entwicklungen waren über weite Strecken sogar gegenläufig. Die Rechtsunmittelbarkeit des Staatsbürgers im modernen Staat, eine Frucht der Französischen Revolution, erhob jeden einzelnen Juden aus jahrhundertealter erzwungener Randexistenz, löste ihn aber zugleich auch aus der Bindung, die über siebzehn Jahrhunderte der Diaspora seine Identität als Jude verbürgt hatte, nämlich die Gültigkeit des biblisch-talmudischen Gesetzes und damit die Rechtsautonomie.[1]

Nur in wenigen Ländern erlaubte es die Rechtskontinuität den jüdischen Vertretungen, sich in die neuen Zeitverhältnisse zu retten. Das 1760 gegründete Board of Deputies of British Jews vertritt noch heute die gemeinsamen Belange der Juden Großbritanniens, und ihr religiöses Leben untersteht wie im 18. Jahrhundert dem gesamtbritischen Chief Rabbi. Durch Gleichstellung mit der anglikanischen Staatskirche hat die jüdische Gemeinschaft in jüngerer Zeit auch das Recht auf Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und auf Anerkennung rabbinischer Eheschließungen erworben. Nur wenige Rabbinate Europas können auf eine ähnliche episkopal-zentralistische Tradition zurückblicken, am ehesten noch das türkische Oberrabbinat in Istanbul.

Im übrigen Europa überlebten die innerjüdischen Autoritäten den Untergang ihrer Rechtsautonomie nicht. Die drei möglichen Positionen standen einander schon im Revolutionsjahr 1789 gegenüber. Die jüdischen Vertreter wünschten die Quadratur des Kreises - eine moderne Staatsbürgerschaft unter Beibehaltung der alten Gemeindestrukturen. Die katholische Rechte lehnte das eine wie das andere ab. Aufgrund des rückständigen, unaufgeklärten, ja staatsfeindlichen, mit einem Wort: "asiatischen" Charakters der jüdischen Religions- und Morallehren könnten seine Bekenner im Gemeinwesen allenfalls als Individuen ohne politische Mitwirkungsrechte geduldet werden. Die liberale Mittelposition des Marquis de Clermont-Tonnerre, nach der ein Ausnahmerecht weder zugunsten der Juden noch gegen sie zulässig sei, ist berühmt geworden: "Man muss den Juden als Nation alles verweigern und den Juden als Individuen alles gewähren."[2]

Fußnoten

1.
Der Text beruht auf einem Vortrag auf dem Steinheim-Kolloquium 2007: "Zweierlei Integration: Vom Großen Sanhedrin zur Deutschen Islamkonferenz, 1807 - 2007".
2.
Zit. nach: Pierre Birnbaum, L' Aigle et la Synagogue. Napoléon, les Juifs et l'État, Paris 2007, S. 55.