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Deutschsprachige Literatur und der Holocaust


29.11.2007
Die NS-Vernichtungspolitik hatte alle Kultur in Frage gestellt, die deutschsprachige in besonderer Weise. Die Chance zur Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden verstrich ungenutzt.

Einleitung



Am 2. August 1966 fand eine Plenarsitzung des Jüdischen Weltkongresses zum Thema "Deutsche und Juden" in Brüssel statt. Im Vorfeld hatte es im Präsidium erhebliche Widerstände gegen diese Sondersitzung gegeben. So war die Befürchtung geäußert worden, eine solche Zusammenkunft drohe eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt unangemessene Rehabilitation der Deutschen zu befördern; auch seien "die, welche den Deutschen wirklich begegnen müssten, (...) die ermordeten sechs Millionen, die aber nicht mehr da sind". Eine Mehrheit im Präsidium mit ihrem Vorsitzenden Nahum Goldmann hatte sich jedoch unter Hinweis darauf, "dass, sofern ein Problem irgendwo existiert, es das beste ist, dieses offen zu diskutieren", durchsetzen können.[1]




Gershom Scholem zog in seinem Referat eine kritische Bilanz der historischen Beziehungen zwischen Juden und Deutschen, verwies auf "die entschlossene Verleugnung der jüdischen Nationalität als eines Partners"[2] durch die Deutschen, aber auch durch eine "Avantgarde der Juden" im Prozess der Emanzipation, und auf die "verspätete Geschäftigkeit", mit der jetzt "so gern und in reichlich fahrlässiger Weise" von "der sogenannten deutsch-jüdischen Symbiose" gesprochen werde. "Ob der Abgrund, den unsagbares, unausdenkbares Geschehen aufgerissen hat, geschlossen werden kann, wer vermöchte es zu sagen?" Scholem schloss mit den Worten: "Nur im Eingedenken des Vergangenen, das niemals ganz von uns durchdrungen werden wird, kann neue Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden, auf Versöhnung der Geschiedenen keimen."[3]


Fußnoten

1.
Zit. nach: Abraham Melzer (Hrsg.), Deutsche und Juden - ein unlösbares Problem. Reden zum Jüdischen Weltkongreß 1966, Düsseldorf 1966, S. 6, S. 8.
2.
Gershom Scholem, Juden und Deutsche, in: ders., Judaica 2, Frankfurt/M. 1995, S. 25.
3.
Ebd., S. 40, 25, 45, 46.