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26.11.2007 | Von:
Peter Weibel

Das Museum im Zeitalter von Web 2.0 - Essay

Der Kunsthandel findet inzwischen außerhalb der Museen statt. Ihre Zukunft liegt im Web 2.0 – sofern sie sich diesem öffnen und dem Besucher ermöglichen, selbst zum Kurator zu werden.

Einleitung

Das Museum ist nicht nur ein Supportsystem, das dafür sorgt, dass die Kunstwerke toter oder lebender Künstlerinnen und Künstler nicht verschwinden, also die klassischen Aufgaben des Sammelns und Ausstellens wahrnimmt, sondern darüber hinaus ist es auch eines für die Produktion von Kunstwerken. Es übernimmt gezielt eine absolute Verpflichtung zur Zeitgenossenschaft und weicht der Gegenwart nicht aus, auch wenn diese globale Dimensionen angenommen hat. Indem es junge Künstler bei ihrer aktuellen Produktion unterstützt und stets für aktuelle Positionen Partei ergreift, unterstützt das Museum auch verstorbene Künstler und deren marginalisiertes, exiliertes oder zerstörtes Werk.






Indem es sich um die Zukunft der Kunst sorgt, sorgt sich das Museum auch um deren Vergangenheit. Denn "it is the future that is at issue here, and the archive as an irreducible experience of the future", wie Jacques Derrida schreibt.[1] Das Museum verschließe sich keinem Medium, keiner Kunstform, keiner Gattung, keinem Stil. Das Museum betreibt ein Archiv und damit Zukunft. Für das Labyrinth der Vergangenheit legt es einen Ariadnefaden aus, für die Unübersichtlichkeit der Gegenwart flaggt es Positionsbestimmungen. Es legt einen Kurs fest, es zeigt Entwicklungen, Diachronien, Genealogien und Chronologien. Indem es einen Kurs festlegt, bereitet das Museum einen Diskurs auf, es öffnet Grenzen und Horizonte. Durch das Archiv, durch die Arbeit am kulturellen Gedächtnis, leistet es Übersetzungen von Generationen zu Generationen, von Kulturen zu Kulturen. Es gibt einen Generationenvertrag zwischen toten und lebenden Künstlern, also zwischen Sammlung und Ausstellung.

Das Museum ist eine kontinuierliche Plattform für Diskurse und Wissensverbreitung. Es werden dem Publikum auf einzigartige Weise Zugänge zu den Problemfeldern der Kunst und der Gesellschaft geboten. In seinen Ausstellungen zeigt das Museum dem Publikum auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene nicht nur die Welt der Kunst, sondern auch die Welt, wie sie sich in der Kunst darstellt, also somit die Welt, in der das Publikum lebt. Das Publikum der Ausstellungen soll die Welt erkennen, in der es lebt, sie wiedererkennen und das Museum mit Erkenntnisgewinn verlassen.

Fußnoten

1.
Jacques Derrida, Archive Fever. A Freudian Impression, in: Diacritics, 25 (1995) 2, S. 9 - 63.