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2.11.2007 | Von:
Belwe, Katharina

Editorial

Eine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wird weder dem Charakter des Wissens noch dem der Wissenschaft gerecht. Die Grenzen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen sind durchlässiger, Grenzüberschreitungen unverzichtbar geworden.

Das Jahr der Geisteswissenschaften neigt sich seinem Ende zu. Wurde das Ziel erreicht, den Menschen ihre gesellschaftliche Bedeutung stärker ins Bewusstsein zu rufen? Ist es gelungen, die vielfältigen Bereiche geisteswissenschaftlicher Forschung und Lehre sowie die damit verbundenen beruflichen Möglichkeiten ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken? Werden die Geisteswissenschaften als "Wissenschaften unter Wissenschaften" wahrgenommen oder doch in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, denen in den Jahren 2000 bis 2006 jeweils ein eigenes Jahr gewidmet worden war? Rangieren sie möglicherweise auch hinsichtlich der Erwartungen ökonomischen Nutzens und gesellschaftlicher Relevanz hinter diesen, denen beides nicht selten pauschal unterstellt wird?

Die in diesem Jahr geführten Diskussionen haben gezeigt, dass es heute nicht mehr darum gehen sollte, solche Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften hervorzuheben oder gar zu pflegen. Eine Trennung zwischen den "zwei Kulturen" wird weder dem Charakter des Wissens noch dem der Wissenschaft gerecht. Die Grenzen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen sind durchlässiger, Grenzüberschreitungen längst unverzichtbar geworden. Interdisziplinarität ist nicht nur in der Hirnforschung der Königsweg zu neuer Erkenntnis.

Im Zeitalter globaler Veränderungen muss die Rolle der Geisteswissenschaften noch genauer definiert werden. Mit Blick auf den Klimawandel käme es beispielsweise darauf an, gemeinsam mit den Naturwissenschaften über Strategien globaler Steuerung nachzudenken und darauf basierend nachdrückliche Forderungen an die Politik zu richten.