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2.11.2007 | Von:
Peter Strohschneider

Freiraum für Geisteswissenschaften

Zu den strukturellen Voraussetzungen des Gelingens von Geisteswissenschaften gehören eine Verbesserung ihrer institutionellen Rahmenbedingungen, Vielfalt in der Förderung ihrer Arbeitsformen sowie Mehrsprachigkeit und gleichzeitig eine neue Reflexion auf ihre konstitutive gesellschaftliche Funktion.

Einleitung

Nicht erst seit Beginn des ihnen gewidmeten Wissenschaftsjahrs 2007 sind die Geisteswissenschaften in Deutschland Gegenstand und die Geisteswissenschaftler Beteiligte einer öffentlichen Diskussion, die sich von den Debatten über ihre Lage in vorangegangenen Jahren deutlich unterscheidet.

Statt vor allem Klage über schwindende Ressourcen, verlorenen gesellschaftlichen Einfluss oder die Vormachtstellung der Naturwissenschaften zu führen, werden neuerdings zunehmend die wissenschaftliche Qualität der geisteswissenschaftlichen Fächer, geeignete Kriterien zur Bewertung ihrer Forschungsleistungen oder angemessene Förderungsprogramme diskutiert.

Zu einem wieder erstarkenden Selbstbewusstsein, aber auch zu mehr Präzision bei der Bestimmung von Mängeln und bei Vorschlägen zu deren Behebung haben die Initiativen von VW- und Thyssen-Stiftung ("Pro Geisteswissenschaften"), die Förderinitiativen von DFG und BMBF und nicht zuletzt die im Januar 2006 vom Wissenschaftsrat veröffentlichten "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" erheblich beigetragen. Rhetorische Abrüstung macht Leistungen und Defizite der Geisteswissenschaften inzwischen in einer Weise sachlich verhandelbar, die in den meisten Wissenschaften selbstverständlich ist. Geisteswissenschaften, die sich bisweilen darin gefielen, sich in prinzipieller Differenz gegenüber den anderen Wissenschaften zu beschreiben, werden mehr und mehr zu Wissenschaften unter Wissenschaften. Was sie von anderen Wissenschaften unterscheidet, das ist kategorial völlig vergleichbar mit denjenigen Unterschieden, welche etwa zwischen Molekularbiologie und Maschinenbau oder zwischen Ozeanographie und Theoretischer Physik bestehen und dort als ganz unproblematisch akzeptiert werden. Eine Selbstbeschreibung als "Wissenschaften unter Wissenschaften" ist für die Geisteswissenschaften eine Rücknahme von strukturellen Überforderungen und zugleich ein ambitionierter Anspruch. Hinsichtlich der für geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre erforderlichen Freiräume folgt nämlich aus dieser Selbstbeschreibung: Weder können solche Freiräume von den Geisteswissenschaften im Namen höherer Rechte exklusiv eingefordert, noch auch könnten sie von anderen gönnerhaft zugestanden werden.

"Freiraum" kann hier und im Weiteren als Chiffre dienen für all jene Bedingungen, welche die Geisteswissenschaften zur Entfaltung ihrer Kreativität und Produktivität strukturell benötigen. Insofern wird auf die Frage nach Freiräumen für die Geisteswissenschaften auch keine nur auf den Einzelnen bezogene Antwort gesucht; unbegrenzte Zeit in einer so wohl ausgestatteten wie temperierten Bibliothek wäre ohnehin in manchen Fällen Antwort genug. Vielmehr geht es mir für die Geisteswissenschaften insgesamt um die Skizze einer Antwort auf die Frage, wie sich die Bedingungen ihres Gelingens strukturell verbessern lassen. Unter diese fallen sowohl solche, die die Geisteswissenschaften mit anderen Wissenschaften teilen, als auch solche, die für sie spezifisch sind.

Mit Blick auf vier unterschiedliche Dimensionen soll von solchen Bedingungen hier in aller Kürze die Rede sein, nämlich hinsichtlich erstens des institutionellen Orts der Geisteswissenschaften, sodann zweitens ihrer Arbeitsformen und drittens der Mehrsprachigkeit ihrer wissenschaftlichen Praxis, sowie schließlich viertens hinsichtlich des öffentlichen Diskurses über ihren Nutzen.