APUZ Dossier Bild

22.10.2007 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution galt als Fanal einer neuen Zeit. Im heutigen Russland dient der Rückgriff auf die Zeit des Sowjetimperiums zur Legitimation einer nationalen Idee.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution galt als Fanal einer neuen Zeit. Das feudalistische Regime des Zaren war am Ende. "Das russische Wunder" diente der kommunistischen Bewegung und linken Intellektuellen weltweit als Vorbild. Als die Bolschewiki unter der Führung Lenins 1917 die Macht errungen hatten, propagierten sie das Ende aller Ausbeutung und setzten auf die proletarische Weltrevolution. Große Hoffnungen verband Lenin mit der weit fortgeschrittenen revolutionären "Klassenlage" in Deutschland. Doch dort gelangten die Nationalsozialisten an die Macht. Der Sieg gegen Hitler im Großen Vaterländischen Krieg wurde zum nationalen Mythos der Sowjetunion.

Ende der 1980er Jahre bröckelte zuerst der Kordon aus Satellitenstaaten, bevor die Sowjetunion selbst zerfiel. Funde aus den bis dahin nicht zugänglichen Archiven belegen, welche Schreckensherrschaft Stalin errichtet hatte. Auch vom Bild des "guten Lenin" bleibt wenig, hatten die Bolschewiki doch schon unmittelbar nach dem Umsturz den "Roten Terror" ausgerufen. Die "Entkulakisierung" hatte furchtbare Hungersnöte zur Folge. Die Chiffre "1937" steht für unermessliches Leid, für Schauprozesse, Massenverhaftungen, Hinrichtungen und Deportationen. Das Gulag-System wurde nach Stalins Tod abgeschafft, doch auf die kurze Periode des "Tauwetters" folgten lange Jahre der Stagnation.

Im heutigen Russland dient der Rückgriff auf die Zeit des Sowjetimperiums zur Legitimation einer nationalen Idee. Die Popularität Lenins und Stalins steigt wieder. In der "gelenkten Demokratie" haben es Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen schwer, die Aufarbeitung und kritische Bewertung der neueren russischen Geschichte voranzutreiben.