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22.10.2007 | Von:
Norman Naimark

Revolution, Stalinismus und Genozid

Stalinismus und Völkermord

Fortan war es schwierig für Wissenschaftler, über Genozid als Produkt des sowjetischen Systems zu sprechen. Die Sowjets waren bemüht, sowohl in der UNO als auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen "politische Gruppen" als zu wenig definierbar darzustellen.[15] Und dennoch hat die Sowjetunion in den vielen Fällen stalinistischen Massenmordes gerade solche Kategorien geschaffen. Die über 30.000 "Kulaken", die erschossen wurden, und die zwei Millionen, die während der Kollektivierung in den Hohen Norden, nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden, sollten eine identifizierbare soziale und politische Kategorie reicher Bauern darstellen, im Gegensatz zu den armen und mittelständischen.[16] In Wirklichkeit handelte es sich um eine erfundene Gruppe von echten und vermeintlichen Gegnern der Kollektivierung. Ebenso wurden die Millionen, die den "Großen Säuberungen" 1937/38 zum Opfer fielen, frei erfundenen Gruppen aus echten und vermeintlichen Gegnern zugeordnet. 700.000 Menschen wurden zwischen August 1937 und Anfang November 1938 hingerichtet oder auf andere Weise getötet, durchschnittlich 1.500 pro Tag.[17] Nach objektiven moralischen Kriterien hätten die Angriffe der stalinistischen Regierung auf ihr eigenes Volk in die Völkermordkonvention aufgenommen werden müssen.

Es gibt eine zentrale Schwierigkeit bei der Diskussion der Frage, ob die stalinistischen Massenmorde als Genozid zu bezeichnen sind: der implizite Vergleich mit dem Holocaust. Niemand zweifelt daran, dass die Nazis Völkermord begangen haben. Gerade weil die Sowjetunion großen Anteil daran hatte, dass der Krieg gegen NS-Deutschland gewonnen wurde, und weil sie in diesem Kampf rund 27 Millionen Menschen verloren hatte, scheute man davor zurück, die sowjetischen Verbrechen in eine Reihe mit jenen der Nazis zu stellen.

Doch beginnen wir unsere Skizze des stalinistischen Genozids mit einem Rückblick auf die Geschichte der ukrainischen Hungersnot (Holodomor). Robert Conquest hat Pionierarbeit geleistet; mittlerweile gibt es umfangreiche Dokumentationen und Analysen.[18] Unmittelbarer Hintergrund der Hungersnot war die "Zweite Revolution", die von Stalin ab 1928 unternommen wurde. Der Staat finanzierte das halsbrecherische Tempo der Industrialisierung, indem er die Bauern in Kolchosen organisierte und die Getreideernten kontrollierte. Es sei unumgänglich, so das Regime, die "Kulaken" (Großbauern) anzugreifen (Dekulakisierung) und diese vermeintliche Oberschicht gewaltsam zu vertreiben. Im Zuge dieses blutigen und dysfunktionalen Prozesses wurden Getreidelieferungen blockiert, und mit zunehmender Selbstverständlichkeit wurde Getreide gewaltsam beschlagnahmt. 1931 machte das requirierte Getreide in den größten Anbauregionen der Ukraine und des nördlichen Kaukasus bereits bis zu 46 Prozent der gesamten Ernte aus.[19] Viele Bauern mussten aufgrund der Getreideknappheit ihr Vieh schlachten. Passiver Widerstand von Seiten der Bauernschaft veranlasste Stalin dazu, ihr noch höhere Requirierungsquoten aufzuerlegen. Kolchosen, die noch Samenkornreserven für die Ernte im kommenden Jahr besaßen, mussten diese an die Behörden abgeben. Beinahe die Hälfte aller Bauernaufstände gegen die Kollektivierung im Jahre 1930 fanden in der Ukraine statt. Stalin befürchtete, dass es polnische Agenten und ukrainische Nationalisten auf die Sowjetrepublik abgesehen hätten: "Wir könnten die Ukraine verlieren", schrieb er am 11. August 1932 an Lasar Kaganowitsch.[20]

Am 27. November 1932 betonte Stalin, wie wichtig es sei, "Kolchosenbauern und Kolchosen", die sich den Beschlagnahmen widersetzten, "KO zu schlagen".[21] Inzwischen hatte die Hungersnot alle ländlichen Gebiete der Ukraine erfasst, im Norden auch das Gebiet um den Kuban, das einen großen ukrainischen Bevölkerungsanteil aufwies. Die Grenzen zwischen der Ukraine und Russland wurden abgeriegelt; Stalin war erbost, dass "mehrere Zehntausend ukrainische Kolchosenbauern" schon "in alle europäischen Teile der UdSSR" geflohen waren und "unsere Kolchosen mit ihrem Gejammer und Gewinsel demoralisieren".[22] Ukrainischen Bauern wurde der Zutritt in die Städte verwehrt; Angebote aus dem Ausland für Lebensmittelspenden an die Ukraine wurden abgewiesen: Die Regierung bestritt, dass es eine Hungersnot gab. Als sich die Krise 1933 zuspitzte, schoben Stalin, Molotow, Kaganowitsch und andere die Schuld für die Hungersnot auf die Ukrainer.[23] Die Qualen der Landbevölkerung drangen bis zum Kreml vor, doch Stalin tat nichts dagegen. Vier bis sechs Millionen Ukrainer starben.

Kann die ukrainische Hungersnot als Genozid bezeichnet werden? Es gibt viele Beweise dafür, dass die sowjetische Regierung die Umstände, die zur Hungersnot führten und es den Ukrainern unmöglich machten, sich Nahrung zu beschaffen, stillschweigend geduldet hat.[24] Die internationale Rechtswissenschaft stellte jüngst im Zusammenhang mit den Prozessen gegen die serbischen Kriegsverbrecher, die das Massaker an bosnischen Muslimen in Srebrenica (Juli 1995) verübt hatten, fest, dass schon die Tat als Völkermord anzusehen sei, ohne dass nachgewiesen werden müsse, dass sich Einzeltäter schuldig gemacht hätten.[25] Es scheint keine ausreichenden Beweise dafür zu geben, um Stalin persönlich des Völkermordes zu überführen, obgleich er verantwortlich handelte und gut unterrichtet über die schrecklichen Folgen seines Handelns war.

Kennzeichnend für den Genozid an den Ukrainern war brutale Gewalt gegen die Bevölkerung. Jörg Baberowski vermutet, dass dieser Hang zur Gewalt aus dem kaukasischen Hintergrund Stalins und vieler seiner Handlanger herrührte, und dass der Anklang, den sie in den unteren Rängen der Partei und der Geheimpolizei gefunden hat, auf die Rückständigkeit der russischen Bauern zurückzuführen sei.[26] Auffallend ist die Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid, die die sowjetischen Regierungskreise in der Zeit Stalins an den Tag legten. Während ukrainische Bauern täglich zu Zehntausenden verhungerten, zeigte der Kreml nicht das geringste Mitgefühl. Stalin, Molotow, Kaganowitsch und andere erklärten die ukrainischen Bauern zu "Feinden des Volkes", die den Tod verdient hätten.

Dieselbe Abgestumpftheit gegenüber dem Tod und dem Leiden herrschte in der Leitung des Gulag-Systems. Nicholas Werth hat die "Tragödie von Nasino" rekonstruiert: An die 5.000 "sozial schädliche Elemente" wurden als "Sondersiedler" nach Sibirien deportiert und nach ihrer Überstellung von Tomsk am 18. Mai 1933 auf der Insel Nasino ausgesetzt.[27] Ein Drittel war bereits stark abgemagert und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Als der Hunger immer schlimmer wurde, breitete sich Kannibalismus aus. Die tragischen Umstände, die zur Entstehung der berüchtigten "Kannibaleninsel" führten, hinderten die Behörden nicht daran, am 27. Mai einen weiteren Konvoi von 1.200 "sozial schädlichen Elementen" aus Tomsk überzusetzen. Einige Deportierte versuchten zu fliehen, indem sie improvisierte Flöße bauten, aber die meisten ertranken oder wurden erschossen. Im Juli, als sich die Lage endlich besserte, waren nur mehr 2.200 Menschen am Leben.[28]

Zwischen dem Beginn der "Zweiten Revolution" und 1953, dem Todesjahr Stalins, gingen rund 18 Millionen Menschen durch den Gulag; weitere sechs Millionen wurden als "Sondersiedler" ins Exil geschickt. Auf seinem Höhepunkt 1950 gehörten mehr als sechs Millionen einem Teil des weitläufigen "Archipels Gulag" an.[29] Die Zahl der Toten in der Zeit zwischen 1934, als mit den Aufzeichnungen begonnen wurde, und 1953 betrug über eine Million; die meisten starben an Unterkühlung, Überarbeitung oder Hunger.[30] Wie die schrecklichen Todesfälle bei der "Tragödie von Nasino" und während der ukrainischen Hungersnot war der Tod im Gulag von Gleichgültigkeit und lähmender Brutalität des Systems begleitet. Und doch unterschied sich der Gulag von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten: "Im Gulag starben sowjetische Häftlinge gewöhnlich nicht aufgrund der Effizienz derer, die sie gefangen nahmen, sondern auch als Folge grober Ineffizienz und Vernachlässigung."[31]

Das Vorgehen Stalins gegenüber als "feindlich" definierten Nationalitäten kommt dem Verständnis von Völkermord, wie er in der UN-Konvention von 1948 definiert wird, am nächsten. Im Februar 1944 ließen Stalin und Beria fast 500.000 Tschetschenen und Inguschen, die gesamte Bevölkerung dieser beiden verwandten Völker, nach Kasachstan und Kirgisien deportieren, weil sie angeblich mit den Nazis kollaboriert hätten.[32] Nach Angaben tschetschenischer Historiker starben fast 40 Prozent der Deportierten unterwegs oder kurz nachdem sie an ihrem Zielort angekommen waren. Wie auf Nasino wurden auch die Tschetschenen in unbewohnte Gegenden verfrachtet, und der Proviant, der zur Verfügung gestellt werden sollte, kam nie an. Wie auf Nasino beklagten Berichterstatter des Geheimdienstes NKWD die Inkompetenz ihrer Kameraden und die mangelnde Effizienz der Annahmestellen. Die wahren Schuldigen waren jene, die an der Spitze des Systems standen, Stalin, Beria und andere, deren größtes Anliegen es war, die Tschetschenen und Inguschen aus dem Nordkaukasus zu vertreiben.

Die Deportationen der "bestraften Völker" und deren hohe Todesrate im Exil kommen dem Wesen und rechtlichen Status eines Genozids sehr nahe.[33] Noch bedeutsamer sind die Hinrichtungen einer beträchtlichen Zahl von Angehörigen nationaler Minderheiten, die während der "Großen Säuberungen" zahlenmäßig mehr gelitten haben als die Russen.[34] Das ungeheuerlichste Beispiel stalinistischen Genozids dieser Art war die von Stalin und Beria angeordnete Hinrichtung von 22.000 polnischen Offizieren und Funktionsträgern im März 1940. Als die Sowjets 1939 Ostpolen (das heutige westliche Weißrussland und die westliche Ukraine) besetzt hatten, internierten sie polnische Männer und deportierten deren Familien nach Kasachstan und Zentralasien. Beria behauptete, die Offiziere seien "Todfeinde der Sowjetmacht" und müssten eliminiert werden.[35] Offiziere des NKWD und der Roten Armee exekutierten die Polen in Ostaschkow, Starobelsk und Katyn; Stalin beschuldigte die Nazis. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurden Beweise für Stalins und Berias Beteiligung an den Hinrichtungen offen gelegt.[36]

Fußnoten

15.
Vgl. insbes. A.N. Trainin, Bor'ba s genotsidom kak mezhdunarodym prestupleniem, in: Sovetskoe Gosudarstvo i Pravo, (1948) 5, S. 1 - 16, und M.N. Andriukhin, Genotsid-tiagchashee prestuplenie protiv chelovechestva, Moskau 1961, S. 72 - 93.
16.
Vgl. Jörg Baberowski, Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S. 126.
17.
Vgl. Oleg V. Khlevniuk, The History of the Gulag, New Haven 2004, S. 140, S. 166.
18.
Vgl. Robert Conquest, The Harvest of Sorrow: Soviet Collectivization and the Terror-Famine, New York 1986. Quellen: Yuri Shapoval (Ed.), The Famine-Genocide of 1932 - 1933 in Soviet-Ukraine, Kingston 2005; S. V. Kul'chits'kii (Hrsg.), Kolektivizatsiia i golod na ukraini 1929 - 1933, Kiew 1992; ders. (Hrsg.), Golodomor 1932 - 1933 rr. v Ukraini; prychyny i naslidki, Kiew 2005. Eine Diskussion in Europe-Asia Studies, 57 (2005) 6, 58 (2006) 4 und 59 (2007) 4 zwischen Robert Davis und Steven Wheatcroft einerseits und Michael Ellman andererseits macht deutlich, wie problematisch es ist, die Hungersnot als Genozid zu beurteilen.
19.
Vgl. Nicholas Werth, Strategies of Violence in the Stalinist USSR, in: Henry Russo (Ed.), Stalinism and Nazism, Lincoln 2004, S. 80.
20.
Vgl. Hiroaki Kuromiya, Stalin: Profiles in Power, Harlow 2005, S. 111f.
21.
Michael Ellman, Stalin and the Soviet Famine, in: Europe-Asia Studies, 59 (2007) 4, S. 689.
22.
Zit. nach: Terry Martin, The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923 - 1939, Ithaca 2001, S. 301.
23.
Vgl. ebd., S. 306f.
24.
Vgl. die Aussagen in: Report to Congress, Commission on the Ukraine Famine, Washington, D.C. 1988, S. 235 - 507.
25.
Vgl. Norman M. Naimark, Srebrenica in the History of Genocide, in: Mary Chamberlain/Selma Leydesdorff (Eds.), Memory and Narrative (i.E.).
26.
Vgl. J. Baberowski (Anm. 16), S. 8 - 10. Siehe auch ders. (Hrsg.), Moderne Zeiten? Krieg, Revolution und Gewalt im 20. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 9, und ders./Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror, Bonn 2006, S. 16 - 19.
27.
Vgl. zu den "Sondersiedlern" während der Hungersnot Lynne Viola, The Unknown Gulag, New York 2007, S. 134 - 137.
28.
Vgl. Nicholas Werth, Cannibal Island, Princeton 2007, S. 129 - 163.
29.
Vgl. Anne Applebaum, Gulag: A History, New York 2003, S. XVII.
30.
Vgl. Richard Overy, The Dictators: Hitler's Germany and Stalin's Russia, New York 2004, S. 195f.
31.
A. Applebaum (Anm. 29), S.XXXIX.
32.
Vgl. Norman M. Naimark, Fires of Hatred: Ethnic Cleansing in 20th Century Europe, Cambridge, Mass. 2001, S. 84 - 107.
33.
Vgl. Alexander Nekrich, The Punished Peoples: The Deportation and Fate of Soviet Minorities at the End of the Second World War, New York 1978. Siehe auch N. F. Bugai, L. Beriia - I. Stalinu: "Soglasno vashemu ukazaniiu", Moskau 1995; Eric D. Weitz, A Century of Genocide, Princeton 2003, S. 53 - 102.
34.
Fast ein Drittel der Opfer der Großen Säuberungen, 800 000 Menschen, wurden aus nationalen Gründen verhaftet, deportiert oder hingerichtet; vgl. Terry Martin, The Origins of Soviet Ethnic Cleansing, in: Journal of Modern History, 70 (1998) 4, S. 855 - 858.
35.
Vgl. J. Baberowski/A. Doering-Manteuffel (Anm. 26), S. 69. Siehe auch Bernd Bonwetsch, Der GULAG und die Frage des Völkermords, in: J. Baberowski (Anm. 26), S. 122f.
36.
Vgl. zum Beispiel R. G. Pikhoia, A. Geishtor et al., Katyn': Plenniki neob'iavlennoi voiny: Dokumenty i materialy, Moskau 1997.

Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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