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22.10.2007 | Von:
Norman Naimark

Revolution, Stalinismus und Genozid

Der Rote Terror

Die Russische Revolution war von extremer Gewalt geprägt, die "sich über kurz oder lang mit kaum abgestufter Intensität gegen alle nichtbolschewistischen Akteure" richtete.[37] Als der Bürgerkrieg auf die Revolution folgte, prägte sich diese Kultur der Gewalt tief in die neuen staatlichen Institutionen ein. Lenins radikale Antworten auf die Probleme der Revolution trugen dazu bei. Am 11. August 1918 erteilte er, erzürnt über einen Bauernaufstand von "Kulaken" in Penza, folgenden Befehl:
    "Kameraden! Der Aufstand der fünf Kulaken-Bezirke muss erbarmungslos niedergeschlagen werden. Die Interessen der gesamten Bevölkerung machen dies erforderlich, denn der letzte entscheidende Kampf mit den Kulaken ist bereits überall im Gange. Es muss ein Exempel statuiert werden.
    1. Mindestens einhundert bekannte Kulaken, Reiche, Blutsauger, sind zu erhängen (öffentlich, damit die Leute es sehen).
    2. Ihre Namen sind zu veröffentlichen.
    3. Ihr gesamtes Getreide ist zu konfiszieren.
    4. Geiseln sind zu bestimmen - wie im gestrigen Telegramm angeordnet.
    Das alles hat auf solche Weise zu geschehen, dass in einem Umkreis von mehreren Hundert Werst die Leute sehen, zittern, wissen, schreien; sie strangulieren die Kulaken, diese Blutsauger!
    Telegramm-Empfang ist zu bestätigen und auszuführen.
    Lenin
    Finden Sie wirklich harte Leute"[38]
Solche Aussagen finden sich wiederholt in Lenins Anweisungen. Am 28. April 1919, im Zusammenhang mit einem Druckerstreik, hieß es: "Die Moskauer Tscheka muss unter den Streikenden und deren Delegierten, ohne Rücksicht auf frühere Bedenken, erbarmungslos Verhaftungen durchführen"; als Antwort auf den Widerstand von Priestern gegen die Konfiszierungen von Kirchengütern (19. März 1922): "Je mehr Repräsentanten der reaktionären Priesterschaft und der reaktionären Bourgeoisie wir (...) hinrichten können, desto besser."[39] Lenin begründete den rhetorischen und moralischen Tenor für die Brutalität Stalins in den 1930er Jahren und schuf die Institutionen, die sie ausführten, allen voran die Tscheka, die politische Polizei (7. Dezember 1917). Sie wurde vom Sownarkom (Innenministerium) mit weitestgehenden Befugnissen ausgestattet: "1) um alle Versuche und Akte der Konterrevolution und Sabotage in ganz Russland, aus welchem Viertel sie auch immer kommt, zu unterdrücken und zu liquidieren. 2) um alle Saboteure und Konterrevolutionäre an das Revolutionsgericht zu überführen und Maßnahmen auszuarbeiten, um sie zu bekämpfen (...)."[40]

Der extreme Zentralismus der KPdSU, der dem hierarchisch organisierten Terror der stalinistischen 1930er Jahre innewohnte, ging auf Lenin zurück. Ebenso ließ Lenin Konzentrationslager errichten, in denen echte und vorgebliche Feinde interniert wurden. 1921 gab es bereits 84 Lager in 43 Provinzen, in denen "unzuverlässige Elemente" inhaftiert und "rehabilitiert" wurden.[41] Bereits im September 1918 waren 25 zarische Minister und höhere Beamte gemeinsam mit 765 Weißgardisten erschossen worden. Im Frühsommer 1920, während sich die Weiße Armee und ihre Anhänger aus der Krim zurückzogen, holten die Bolschewiki 50.000 Flüchtlinge ein und ermordeten sie alle. Allein in Sewastopol wurden etwa 12.000 Menschen getötet.

Um den allgegenwärtigen Klassenfeind zu zermalmen, der oft als Laus, Parasit, Küchenschabe oder sonstiges Insekt bezeichnet wurde, forderten Lenin, Sinowjew und andere von der Tscheka, zu foltern, Geiseln zu nehmen und zu töten.[42] Am 16. Juli 1918 massakrierten Bolschewiki aus Jekaterinburg mit Lenins Einverständnis den Zaren und seine Familie, entstellten ihre Gesichter und begruben sie in Massengräbern.[43] Während der Entkosakisierungskampagne von 1919 wurde in Parteierlassen zur Anwendung von "Massenterror" und totaler "Ausrottung" am Don und am Kuban aufgerufen.[44]

Lenin überwachte auch die Umwandlung des Rechtssystems in eine "Waffe des Massenterrors" gegen Klassenfeinde.[45] Als die Revolutionstribunale in ihrem Umgang mit politischen Feinden nicht hart genug vorgingen, erließ Lenin die Verordnung "Das sozialistische Vaterland in Gefahr!", in der befohlen wurde, alle "feindlichen Agenten, Profiteure, Hooligans und konterrevolutionäre Agitatoren" "auf der Stelle" zu erschießen. Die Tscheka gab den Gerichten spezielle Anweisungen, nicht kleinlich zu sein: "Zuerst müssen Sie ihn fragen, welcher Klasse er angehört, nach seiner sozialen Herkunft, Ausbildung und Beruf. Das sind die Fragen, die das Schicksal des Angeklagten bestimmen müssen. Das ist die Bedeutung des Roten Terrors."[46]

Aus der Literatur, die den Streit um Lenins Nachfolge nach seinem Tod im Januar 1924 dokumentiert, scheint hervorzugehen, dass Lenin trotz einiger Zweifel Stalin als seinen Nachfolger ansah. Zudem entsprach Stalin mehr als jeder andere den Wünschen der Parteimitglieder, als er Ende der 1920er Jahre in Lenins Fußstapfen trat.[47] Wir wissen nicht, wie Lenin gehandelt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Wie wir gesehen haben, war er nicht weniger brutal als Stalin und nicht weniger willens, zur Erreichung seiner Ziele Gewalt einzusetzen. Man könnte einwenden, dass bei Lenin noch eine Art von Beziehung zwischen gewalttätigem Mittel und Zweck bestand, was den Genozid unwahrscheinlicher machte, als das unter Stalin der Fall war.

Trotz der Argumente, mit denen der hohe Blutzoll im Stalinismus bisweilen erklärt wird - der bevorstehende Krieg, Stalins Angst vor Terrorismus, die Notwendigkeit, die Wirtschaft aufzubauen, soziale Ambitionen der unteren und mittleren Parteiränge -, die Massenmorde unter Stalin waren ein zutiefst irrationaler und psychotischer Akt.[48] Lenin mag bereit gewesen sein, leichtfertig zu töten, um seine Ziele zu erreichen. Stalin besaß die Persönlichkeit eines Völkermörders. Durch die bolschewistische Revolution, die er angeführt hatte, hatte Lenin Stalin mit den Institutionen und der Ideologie ausgestattet, die das Furchtbarste möglich machten.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Doris Tempfer-Naar, Krustetten/Österreich

Fußnoten

37.
Manfred Hildermeier, Die Sowjetunion 1917 - 1991, München 2001, S. 18f.
38.
Dok. 24, Brief an V. V. Kuraev, E. B. Bosh, A. E. Minkin, in: Richard Pipes (Ed.), The Unknown Lenin. From the Secret Archive, New Haven 1996, S. 50; Hervorhebungen im Original.
39.
Vgl. Dok. 35, Resolutionsentwurf von Kamenev und Lenin bezüglich des Druckerstreiks, S. 66; Dok. 94, Brief an Molotow und an Politbüro-Mitglieder, S. 153f., in: ebd.
40.
Zit. nach: Robert Gellately, Lenin, Stalin, and Hitler, New York 2007, S. 46f.
41.
Vgl. A. Applebaum (Anm. 29), S. XVI.
42.
Vgl. J. Baberowski (Anm. 16), S. 33 - 41; A. Yakovlev (Anm. 3), S. 20f.
43.
Vgl. Donald J. Raleigh, The Russian Civil War, 1917 - 1922, in: R. G. Suny (Anm. 1), vol. III, S. 145.
44.
Vgl. Peter Holquist, The Logic of Violence in Soviet Totalitarianism, in: Amir Weiner (Ed.), Landscaping the Human Garden, Stanford 2003, S. 25f. Zwischen 300 000 und 500 000 Kosaken wurden bei diesen Kampagnen getötet.
45.
Vgl. Orlando Figes, A People's Tragedy. A History of the Russian Revolution, New York 1996, S. 534.
46.
Ebd., S.535 f.
47.
Vgl. R. Pipes (Anm. 38), S. 8 - 10; Robert Service, Stalin: A Biography, Cambridge, Mass. 2005, S. 189f., S. 208 - 226. "Stenogramme" aus dem Politbüro belegen Stalins großes Geschick, sich nach Lenins Tod als erster Parteidiener zu präsentieren, vgl. die Beiträge von Robert Service und Hiroaki Kuromiya in Paul Gregory/Norman Naimark (Eds.), The "Lost" Politburo Transcripts (i. E.).
48.
Vgl. O. V. Khlevniuk (Anm. 17), S. 148, und R. Overy (Anm. 30), S. 176ff.

Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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