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1917/1937 und das heutige Russland


22.10.2007
Die Verantwortung für die Vermittlung und Erhaltung der Wahrheit über die Sowjetzeit ist heute nahezu die wichtigste Aufgabe für die Zivilgesellschaft in Russland.

Einleitung



1917 und 1937 sind tragische Daten, die die russische Geschichte der neuesten Zeit geprägt haben. Es sind der Jahrestag des bolschewistischen Umsturzes im Oktober 1917 und der folgenden Revolution sowie der Beginn des Großen Terrors 1937. Welche Rolle spielen diese Daten im Bewusstsein der heutigen Einwohner Russlands, in ihrem kollektiven und kulturellen Gedächtnis?[1]


Die Ereignisse vom Oktober 1917 sind bis heute umstritten und werden gegensätzlich beurteilt. Die Skala der Bewertungen reicht von der "großen sozialistischen Revolution" bis zur "Machtergreifung" durch eine Gruppe von Extremisten oder einen Haufen Fremder und zu einer Verschwörung von Freimaurern. Den Sturm des Winterpalasts durch die Bolschewiki in Petrograd kann man als Umsturz bezeichnen. Danach begann die Revolution, die in kürzester Zeit das politische System, die Struktur der Gesellschaft, die Eigentumsverhältnisse und die geistige Atmosphäre in Russland veränderte.
7. November 2007, Gedenken Oktoberrevolution, Lenin-Portrait, MoskauLenin-Verehrerin bei einer Kundgebung aus Anlass des 90. Jahrestags der Oktoberrevolution am 7. November 2017 in Moskau. (© picture-alliance / dpa)

Zeitzeugen und Akteure der Ereignisse sind längst nicht mehr am Leben, nur Einzelne von ihnen haben noch den Beginn von Gorbatschows Perestroika erlebt. Aber die historische Bewertung der "Energie des Irrtums" derer, die sich am Prozess des revolutionären Umbruchs von 1917 bis in die 1930er Jahre hinein beteiligt haben, ist wichtig. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren, aufgewachsen unter dem Einfluss radikaler linker Strömungen und Praktiken (der ältere Bruder Lenins, ein überzeugter Anhänger von Terrormethoden, wurde 1887 wegen Vorbereitung eines Attentats auf den Zaren hingerichtet), verstanden sich die russischen Radikalen als Marxisten, die sich die Errichtung einer revolutionären Diktatur zum Ziel setzten. 1917 hatten viele eine langjährige Haft in zaristischen Gefängnissen und Verbannungsorten und ein Leben in der Emigration hinter sich. Im Unterschied zu den Akteuren der von ihnen gestürzten Provisorischen Regierung, die nach der Februarrevolution 1917 an die Macht gekommen waren, waren sie weder im beruflichen noch im gesellschaftlichen Leben des vorrevolutionären Russlands integriert. Auch Lenin hatte über zehn Jahre außerhalb Russlands verbracht.

Diese Personen (mit ihrem Führer, der 1924 starb) kamen entweder noch in den 1920er Jahren ums Leben, oder sie machten der neuen Stalin'schen Kohorte von Führern Platz, die jünger waren und der sozialen und kulturellen Peripherie entstammten. Sie waren noch weniger gebildet, hatten den Bürgerkrieg mitgemacht und waren davon überzeugt, jegliches Problem mit Entschlossenheit lösen zu können. Sie ließen sich leicht in den Stalin'schen Apparat eingliedern. Die Generation derer, die den Oktober organisiert hatten, wurde in den Jahren der Parteisäuberungen verdrängt und verschwand in der Periode des Großen Terrors 1937/38 endgültig von der Bühne.


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Russischen: Vera Ammer, Euskirchen. Diesem Text aus dem Jahr 2007 liegt folgende Literatur zu Grunde: Boris Dubin, Zit' v Rossii na rubeze stoletij (Leben in Russland zur Jahrhundertwende), Moskau 2007; Jurij Levada, Iscem celoveka (Wir suchen den Menschen), Moskau 2006; Otcy i deti. Pokolenceskij analiz sovremennoj Rossii. Sbornik statej (Väter und Söhne. Eine Generationenanalyse des heutigen Russland. Aufsatzsammlung), Moskau 2005; I. Karacuba/I. Kurukin/N. Sokolov, Vybiraja svoju istoriju (Die Wahl unserer Geschichte), Moskau 2005; 1937. Stat'i i dokumenty (Aufsätze und Dokumente), Moskau 2007.