APUZ Dossier Bild

22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Bis heute ist unklar, wie die mit deutscher Hilfe (mit)ermöglichte Machteroberung der Bolschewiki zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen hat.

Einleitung

Im Bild vom "plombierten Waggon", mit dem Lenin im April 1917 vermittels der Deutschen Reichsbahn in das gärende Russland zurückexpediert wurde, hat sich ein historischer Erinnerungsrest an die besondere, intime Verklammerung des Deutschen und des Russischen Reiches in der Periode von Weltkrieg und Revolution erhalten.
Ausweis, Lenin, 1917, 1918Ein Ausweis Lenins während der Oktoberrevolution (© picture-alliance / AP-images)

Dabei war die Revolutionierungspolitik gegenüber Russland nur eine von vielen Karten des Deutschen Reiches beim Griff nach der Weltmacht. Aber es war diejenige, die im Jahr 1917 (so schien es zumindest) gestochen und die weltgeschichtliche Lage radikal verändert hatte.


Auf welche Weise hat die bolschewistische Revolution auf Deutschland zurückgeschlagen? Das ist in der Geschichtsforschung bis heute weithin unklar. Annahmen über eine tief verwurzelte Kontinuität deutscher Russlandfeindschaft und Slawophobie verbinden sich mit ungeprüften Hypothesen über einen dominanten Antibolschewismus als Grundströmung der Weimarer Politik, der durch die antisemitischen Invektiven Hitlers gegen den "jüdischen Bolschewismus" lediglich eine Zuspitzung oder Aufladung erfahren habe. Eine weiter ausgreifende Betrachtung des Verhältnisses beider Reiche und Gesellschaften in den Jahren vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg zeigt ein sehr viel widersprüchlicheres Bild.[1]

Fußnoten

1.
Vgl. Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900 - 1945, München 2005.