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9.8.2007 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Der Angriff auf Raum und Zeit

Vermarktlichung und Globalisierung gehen mit Beschleunigung einher. Diese ist Folge der Zeitverdichtung, die durch die Parallelisierung von Abläufen und Prozessen in Gang gesetzt wird. Das ändert unseren gewohnten Umgang mit Raum und Zeit gravierend.

Einleitung

Der Fall: Wie vereinbart, kommt Herr Dr. Habermann jeden Freitag um 14:00 Uhr in die Beratung von Frau Dr. Wedekind. Heute jedoch ist er nicht pünktlich. Frau Dr. Wedekind wartet auf ihren Klienten. Um 14:10 Uhr erreicht sie ein Anruf von Dr. Habermann: "Entschuldigen Sie bitte, Frau Dr. Wedekind, ich kann heute leider nicht pünktlich bei Ihnen sein, da ich in einem Verkehrsstau stecke. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir ja mit der Beratung sogleich schon mal beginnen."






Die Grenzen von Raum und Zeit sind in Bewegung. Ihr ehemals starres Regime steht zur Disposition. Beratung kann überallstattfinden, nicht nur in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten. Ohne den Fuß vom Gaspedal nehmen zu müssen, lassen sich in der Europäischen Union inzwischen die Staatsgrenzen überwinden. Weitgehend "entortet" und "entzeitlicht" ist heute auch das, was man kauft, was man isst und trinkt, und vieles von dem, was es zu erfahren und zu erleben gibt. Das Orts-, das Zeitgebundene wird hingegen zur "Folklore".

Grenzen fallen auch an anderen Orten: Tankstellen etwa, ehemals ausschließlich dazu da, Kraftstoffe, Dienstleistungen und Produkte zur Autopflege anzubieten, machen inzwischen einen Großteil ihres Umsatzes mit Gebrauchs- und Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs: rund um die Uhr und mit der Folge, dass Tankwarte jetzt mitunter mehr Brötchen backen als die dafür ausgebildeten Bäcker. In Einzelhandelsgeschäften kann man dafür neuerdings im Gegenzug auch Autos, Autozubehörteile und sogar Immobilien kaufen, im Stehkaffee Versicherungspolicen, Goldschmuck und Gartenmöbel erstehen. Dementsprechend hat sich die Erwartung all derer, die etwas einkaufen, und jener, die vom Stress des Alltags in den Urlaub fliehen, auf die möglichst vollständige Nutzung der angebotenen Optionsvielfalt ausgerichtet. Wer etwa eine Urlaubsreise plant, dem geht es nur noch selten ausschließlich um die Befriedigung des Erholungsbedürfnisses. Bevorzugt wird heute eine Kombination von Kultur, Erholung, Bildung, Unterhaltung und wahlweise auch Wellness. So hofft man einerseits Zeit zu sparen, andererseits das Leben zu intensivieren - so weit, bis man sich sicher ist, zwei Leben in einem leben zu können.

Entgrenzung allüberall, auch an unseren Verkehrsknotenpunkten, insbesondere an Bahnhöfen und Airports: Die Zentren der Mobilität werden zu Einkaufs-, Unterhaltungs- und Begegnungsarealen, die zugleich viele Möglichkeiten offerieren, sich auf schnellem Weg zur nächsten Option davonzumachen: meist aber nur dorthin, wo es genauso aussieht und wo ebenso viele Wahlmöglichkeiten warten wie an jenem Ort, dem man soeben entflohen ist. Die Tore zur Welt sind selbst zur Welt geworden und stellen sich dabei meist recht einfältig dar: überall die gleiche eintönige Auswahl an Produkten und Leistungen in gleichen oder einander ähnelnden Geschäften - überall dieselbe Hast. Junge Menschen wachsen in die Gesellschaft der Entgrenzung von Ort und Zeit mit all ihren technischen Möglichkeiten hinein: Dank der Erfolgsgeschichte des Walkman können sie zu jeder Zeit an jedem Ort in die Welt von Bibi Blocksberg und Momo eintauchen. 79 Prozent aller 6- bis 13-Jährigen besitzen in Deutschland eines dieser Illusionsgeräte.

Karl Marx hatte diese Entwicklung vorhergesehen. Im ersten Buch des Kapitals schreibt er von der "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes". Und in der Tat - die Entgrenzung, der wir gern das Etikett der "Globalisierung" aufkleben, ist ein Ergebnis des "Weltweitwerdens" kapitalistischer Marktdynamiken. Sie ist in erster Linie auf jene räumlichen und zeitlichen Prozesse gerichtet, die das Ziel haben, die Dinge und die Abläufe zu beschleunigen.

Der britische Gesellschaftsanalytiker Antony Giddens beschreibt die Tendenz zur Entgrenzung mit dem Begriff der "Entbettung". Er kennzeichnet damit das "Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte, Raum-Zeit-Spannungen übergreifende Umstrukturierung". Dies führt, so Giddens, zu jener Form der Globalisierung, die sich als "Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen" darstellt, "durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt."[1]

Weniger denn je wird der Raum über Grenzen definiert und verortet. Die Medien- und die Informationstechnologie und deren rasante Verbreitung haben ihn "verflüssigt", entmaterialisiert und virtualisiert. Er wird "getötet" - eine Formulierung, die bereits Heinrich Heine anlässlich der inzwischen mehr als 150 Jahre zurückliegenden Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Rouen einfiel.

Fußnoten

1.
Antony Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M. 1995, S. 33 und 85.