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30.7.2007 | Von:
Joachim Detjen

Politische Bildung für bildungsferne Milieus

Konsum-Materialisten und Hedonisten bringen der politischen Bildung wenig Interesse entgegen. Manche Vorschläge zur Bewältigung dieses Dilemmas sind problematisch.

Einleitung

Seit einiger Zeit bereitet ein alles andere als neuer, aber lange wenig beachteter Sachverhalt den Verantwortungsträgern der politischen Bildung erhebliche Sorgen: Ein Segment der Gesellschaft, das sich großenteils aus den unteren Sozialschichten zusammensetzt, scheint sich ihren Bemühungen weitgehend zu entziehen. Die Angehörigen dieser Schichten verfügen in der Regel über niedrige Bildungsabschlüsse. Ihr Fernsehkonsum ist deutlich höher und deutlich weniger anspruchsvoll als der von Angehörigen höherer Schichten. Sie sind politisch uninformiert, sozial wenig engagiert, partizipatorisch passiv[1] und deshalb für die politische Bildung kaum ansprechbar. Die Kinder dieser Milieus fallen durch Sprachbarrieren, Lernschwierigkeiten, schlechte Schulleistungen und häufig durch abweichende Verhaltensweisen auf. Im Schuljahr 2002/03 verließen etwa acht Prozent die Hauptschule ohne und etwa 25 Prozent mit Abschluss. Diese Jugendlichen wären als relativ "bildungsfern" zu bezeichnen. Es handelt sich insgesamt um ein Drittel aller deutschen Schulabgänger.

Empirische Studien weisen immer wieder nach, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und politischem Interesse gibt.[2] Nach wie vor ist es besser gebildeten Jugendlichen vorbehalten, sich als politisch interessiert zu charakterisieren. Man kann sogar davon sprechen, dass sich das politische Interesse von besser gebildeten Eltern auf ihre Kinder sozial vererbt. Typischerweise sind die für politisch interessierte Jugendliche charakteristischen wichtigsten Freizeitbeschäftigungen "Bücher lesen", sich "in Projekten, Initiativen und Vereinen engagieren" und sich "künstlerisch betätigen".

Das niedrige Bildungsniveau der Bildungsfernen korreliert demgegenüber mit Sprach- und Gesprächsarmut sowie einer eher niedrigen politischen Urteilskompetenz. Das geringe politische Interesse resultiert aus nur sporadisch vorhandenem Wissen über Politik: Wer nicht weiß, was sich hinter der politischen Oberfläche verbirgt, wird von diesem Bereich auch nicht angezogen.[3] Charakteristisch für desinteressierte Jugendliche ist weiterhin die Aussage, dass politische Betätigung eher langweilig sei. Hier spiegelt sich sowohl der fehlende Bezug zur Politik als auch die Einschätzung, dass man durch politische Aktivität keinen Einfluss nehmen könne.[4]

Auf niedrige Bildungsabschlüsse folgen häufig unsichere berufliche Karrieren und prekäre Lebenslagen. Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen führt wiederum häufig zu Unzufriedenheit mit der Demokratie sowie zu Distanz gegenüber dem Gemeinwesen. Je unsicherer die Zukunft erscheint, desto mehr wird die Politik abgelehnt.

Zweifellos ist die politische Stabilität eines Landes gefährdet, wenn einem erheblichen Teil seiner Bürgerinnen und Bürger der Staat fremd bleibt und Apathie sowie antidemokratische Ressentiments verbreitet sind. Dieser Prozess bahnt sich möglicherweise früh an, so dass die politische Bildung der Problemgruppe der Desinteressierten Aufmerksamkeit schenken sollte, denn man darf einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft nicht für die Demokratie verloren geben.

Fußnoten

1.
Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nennt neun politische Milieus. Für das untere Drittel ergeben sich folgende Einstellungen zur Politik: 1. Selbstgenügsame Traditionalisten: ausgesprochen politikfern; unterdurchschnittliches politisches Interesse und Teilnahmeverhalten; wenig Zutrauen in die Problemlösungskompetenz der Politik; große Probleme, die Sprache der Politiker zu verstehen. 2. Autoritätsorientierte Geringqualifizierte: wenig Politikinteresse; unterdurchschnittliches politisches Kommunikationsverhalten; wenig gesellschaftspolitisches Engagement; große Distanz zu Politik und Politikern. 3. Abgehängtes Prekariat: unterdurchschnittliches Politikinteresse, passives Kommunikations- und Teilhabeverhalten. Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007, S. 80ff.
2.
Vgl. Wolfgang Gaiser/Martina Gille/Johann de Rijke/Sabine Sardei-Biermann, Zur Entwicklung der Politischen Kultur bei deutschen Jugendlichen in West- und Ostdeutschland. Ergebnisse des DJI-Jugendsurvey von 1992 bis 2003, in: Hans Merkens/Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Jahrbuch Jugendforschung, 5. Ausgabe, Wiesbaden 2005, S. 172, S. 191; Ulrich Schneekloth, Politik und Gesellschaft: Einstellungen, Engagement, Bewältigungsprobleme, in: Shell Deutschland (Hrsg.), Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck, Frankfurt/M. 2006, S. 106, S. 118, S. 123.
3.
Vgl. Helmut Fend, Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, Bern-Stuttgart-Toronto 1991, S. 211f.
4.
Vgl. U. Schneekloth (Anm. 2), S. 129. Ebenso Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Partizipation und politisches Engagement, in: Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinigten Deutschland, Opladen 2000, S. 281ff.