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30.7.2007 | Von:
Benedikt Sturzenhecker

"Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit

"Sehen und anerkennen", "Jugendlichen eine Stimme geben" und "Demokratischen Konflikt ermöglichen" lauten die Handlungsvorschläge, um sich in der Kinder- und Jugendarbeit politischem Handeln anzunähern.

Einleitung

Im Folgenden mache ich möglichst konkrete Vorschläge, wie man sich in der Kinder- und Jugendarbeit mit "politikfernen" Jugendlichen politischem Handeln annähern kann. Die Kategorie der Bildungs- bzw. "Politikfernen" scheint mir als defizitorientierte Grobklassifizierung von sehr differenzierten Jugendszenen pädagogisch riskant. Ich benutze sie daher nur unter Vorbehalt.






Kinder- und Jugendarbeit hat die Aufgabe politischer Bildung. Das Sozialgesetzbuch (SGB) VIII sieht in Paragraph 11 die Entwicklung von "Selbstbestimmung" und "gesellschaftlicher Mitverantwortung" als Ziel von Jugendarbeit vor. Kinder und Jugendliche sollen sich als Subjekte (Selbstbestimmung) politischen Handelns (gesellschaftliche Mitverantwortung) erfahren, ihre (politischen) Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten erweitern und sich Kompetenzen politisch-demokratischen Handelns und Mitentscheidens aneignen. Kinder- und Jugendarbeit kennt kein Curriculum, keine Teilnahmepflicht, keinen Methodenkanon. So kann sie sich auf die Bildungsbewegungen der Subjekte einlassen und diese fördern. Sie ist Bildung "in Freiheit zur Freiheit".[1]

Politische Bildung verstehe ich als politisches Handeln. Damit geht es zunächst nicht um politische Aufklärung oder Wissensvermittlung; diese Handlungsweisen sollten den Inhalten und Prozessen des jeweiligen exemplarischen politischen Handelns folgen und nicht theoretisch von solchen abgekoppelt geschehen. Politisches Handeln verstehe ich als Handeln, in dem Akteure ihre Interessen in einem Gemeinwesen (in einer pädagogischen Einrichtung, einem Stadtteil, einer Kommune, einer Gesellschaft) öffentlich einbringen, einfordern, diskutieren und in einem demokratischen Entscheidungsprozess bearbeiten. Diese Prozesse (politics) müssen die formalen Verfahren und Institutionen von Demokratie und Politik einbeziehen (polity) und geschehen auf Themenfeldern mit spezifischen Strategien (policy).

Die Subjektwerdung (Selbstbestimmung) ist von der Entwicklung gesellschaftlicher Mitverantwortung, also von politischem Handeln, nicht zu trennen. Prozesse und Bedingungen von Subjektwerdung (einschließlich ihrer Behinderungen/Begrenzungen) geschehen nicht isoliert von sozialen Lebensbedingungen und Einflüssen, sondern immer schon in einem (umkämpften, sich wandelnden) politischen Raum (z.B. Folgen der Hartz-IV-Gesetzgebung für die Verarmung von Kindern; institutionelle Diskriminierung von Kindern mit Migrationshintergrund in der Schule).

Die Aneignung eines Subjektstatus in pädagogischen, jugendarbeiterischen Settings ist auch politisch zu nennen, weil sie in einer öffentlichen Polis eines pädagogischen Ortes stattfindet. In diesem Sinne ist Pädagogisches nicht "privat", sondern immer (einrichtungs-) öffentlich, interessen- und machtbezogen und somit politisch. Also lässt sich die Assistenz bei der (Subjekt-)Bildung als Eröffnung eines politisches Settings, als Schaffung von Rahmenbedingungen politischen Handelns in einer pädagogischen Einrichtung verstehen. Auf die Subjektentwicklung bezogenes sozialpädagogisches Handeln und die auf Aneignung politischer Kompetenzen bezogene politische Bildung gehen Hand in Hand. Versteht man politische Bildung als Demokratiebildung und Partizipation als Praxis ihrer Aneignung, wird man Demokratie als gemeinsame Entscheidung aller relevanten Fragen in einer (Jugendarbeits-)Einrichtung zu ermöglichen versuchen. Dabei müssen Übergänge ermöglicht werden zwischen politischem Handeln in der "Innen-Polis" einer pädagogischen Einrichtung und der "Außen-Polis" von Stadtteil, Kommune und Gesellschaft. Jugendarbeit kann dabei Anregungen von verwandten demokratiepädagogischen Ansätzen der Schulpädagogik erhalten, z.B. durch die "Gemeindedetektive"[2] oder das "Projekt aktive Bürger".[3]

Fußnoten

1.
Ich bedanke mich bei Heike Schlottau und Christian Welniak für Diskussionen und Hinweise zu diesem Text. Eine Langfassung dieses Textes steht bereit unter http://www.soziale-arbeit-und- gesundheit.fh-kiel.de/Neu_SUG_Home/ Organisation_Personen/Hauptamtliche/ daten_bsturzenhecker/index.php (20. 6. 2007). Vgl. Helmut Kentler, Was ist Jugendarbeit, München 1964.
2.
Vgl. Anne Sliwka/Susanne Frank, Service Learning. Verantwortung lernen in Schule und Gemeinde, Weinheim-Basel 2004.
3.
Vgl. Klaus Koopmann, Projekt aktive Bürger. Sich demokratisch durchsetzen lernen. Eine Arbeitsmappe, Mülheim 2001.