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30.7.2007 | Von:
Stefanie Reiter
Richard Wolf

Politische Bildung für Migrantinnen und Migranten

Migranten können mit herkömmlichen Weiterbildungsangeboten bislang kaum adäquat erreicht werden. Für die Gestaltung zielgruppengerechter Angebote ist eine systematische Evaluation notwendig.

Einleitung

In einer Demokratie ist es wichtig, dass allen gesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit geboten wird, ihre Sichtweisen in den politischen Diskurs einzubringen und dafür zu sorgen, dass ihre Interessen Berücksichtigung finden. Problematisch wird es, wenn breite Bevölkerungsschichten vom politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen bleiben. Dieser Ausschluss kann dadurch erfolgen, dass Gruppen der formale Zugang zur politischen Ebeneverwehrt ist, da sie bestimmte rechtliche Voraussetzungen, etwa die Staatsangehörigkeit, nicht erfüllen. Ein weiterer Grund für geringe Partizipationsmöglichkeiten kann aber auch darin liegen, dass manche Gruppen nicht über ausreichendes Wissen und einschlägige Erfahrungen verfügen, um sich adäquat in den politischen Diskurs einbringen zu können.








Hinsichtlich der in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten treffen in der Regel beide Gründe zu, auch wenn die Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 zumindest den formalen Zugang erleichtert hat. Doch das Problem eines fehlenden breiten Wissens über das politische System und die politischen Partizipationsmöglichkeiten bleibt. Hinzu kommt, dass das Zusammenspiel von schwierigem formalem Zugang und mangelhaftem Wissen zu Frustration, schwindendem Interesse an und schwindender Identifikation mit den politischen Institutionen der Aufnahmegesellschaft führen kann.[1] Die Förderung politischer Partizipation kann somit auch als Integrationsförderung verstanden werden.

Nach der Änderung ihres Erlasses hat sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Januar 2001 für Migrantinnen und Migranten als Adressaten für Maßnahmen der politischen Bildung geöffnet.[2] Die Themen Migration und Integration wurden als Querschnittsthemen nachhaltig verankert.[3] Bevölkerungsteile mit Migrationshintergrund, die bislang verhältnismäßig wenig angesprochen oder erreicht worden sind, werden nicht nur als Zielgruppe, sondern auch als Träger der politischen Bildung verstärkt in den Blick genommen.[4] Um unterschiedliche Zielgruppen erreichen zu können, bedarf es auf deren jeweilige Bedürfnisse zugeschnittener Programme und Konzepte, die sie ansprechen und für die sie sich engagieren. So zeigt sich häufig, dass an klassischen Weiterbildungsangeboten vor allem jene teilnehmen, die bereits gut gebildet sind. Dagegen werden relevante Zielgruppen mit herkömmlichen Angeboten häufig nicht mehr adäquat erreicht.[5]

Für die Gestaltung zielgruppenadäquater Formate und für die Angebotsplanung im Bereich der politischen Bildung für Migranten wäre eine empirisch abgesicherte Datenbasis hilfreich, die Aufschluss über die Angebotslage sowie über Bedürfnisse und Interessen der potenziellen Teilnehmenden liefern könnte. Doch leider ist in Deutschland die Datenlage zur politischen Bildung von Migranten - ebenso wie zum allgemeinen Weiterbildungsverhalten und zu ihren Weiterbildungsinteressen - nach wie vor unzureichend. Während die berufliche Aus- und Weiterbildung von Personen mit Migrationshintergrund auch statistisch erfasst wird, scheint dieser Zielgruppe in Hinblick auf politische Bildung nur wenig Aufmerksamkeit zuzukommen. Die spärlichen Daten lassen sich zudem in der Regel nicht miteinander in Bezug setzen und sind nur mit Vorsicht zu interpretieren. Das hängt zum einen mit der mangelnden Repräsentativität der meisten Untersuchungen zusammen. Zum anderen liegen die Schwierigkeiten hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Daten auch in Definitionsproblemen und wenig eindeutigen Zuordnungskriterien hinsichtlich der Begriffe "Migrationshintergrund" und "politischer Bildung" begründet.[6]

Zu den wenigen verfügbaren Datenquellen zur Weiterbildungsbeteiligung von Migranten zählen das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) als Langzeituntersuchung zur Weiterbildungsbeteiligung der deutschen Wohnbevölkerung im Alter von 19 bis 64 Jahren sowie Einzelangaben aus Volkshochschulstatistiken. Andere bundesweite Datenquellen liefern kaum Auskunft zu Nationalität bzw. Migrationshintergrund und Weiterbildungsverhalten, wenngleich das 2000 gestartete Projekt "Verbund Weiterbildungsstatistik" des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) einen Versuch darstellt, auf den Erfahrungen mit der Volkshochschulstatistik aufzubauen und das Angebot an Maßnahmen zur politischen Bildung durch die Entwicklung eines regelmäßigen und zuverlässigen Erhebungs- und Auswertungsverfahrens systematisch statistisch zu erfassen. Neben Entscheidungsproblemen über die Zuordnung von Veranstaltungen zu einzelnen Kategorien politischer Bildung gibt es derzeit jedoch Vorbehalte bezüglich der Repräsentativität dieser Daten.[7] Doch es existieren keine anderen Daten, welche die Trägerstrukturen im Bereich Weiterbildung erfassen. Die Weiterbildungsstatistik im Verbund wird kontinuierlich ausgebaut, um langfristig alle Einrichtungen der beteiligten Weiterbildungsträger zu umfassen.[8] Das Vorhaben stellt einen wichtigen Schritt zur Erstellung einer fundierten Datenlage im Bereich der politischen Bildung dar.

Neben bundesweiten Erhebungsdaten existieren regionale Daten wie beispielsweise die Wohnungs- und Haushaltserhebung "Leben und Wohnen in Nürnberg 2001", welche ebenfalls Hinweise auf die Weiterbildungsbeteiligung von Migranten liefern können.[9] Aus den angeführten bundesweiten und regional begrenzten Studien geht eine im Vergleich zu deutschen Bürgern tendenziell geringere Beteiligung von Personen mit Migrationshintergrund an allgemeinen Weiterbildungsveranstaltungen und Angeboten zur politischen Bildung hervor.

Fußnoten

1.
Vgl. Claudia Diehl/Julia Urbahn, Die soziale und politische Partizipation von Zuwanderern in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, FES Library, 1999.
2.
Vgl. Heidi Behrens/Jan Motte, "... dass aus Immigranten Bürgerinnen und Bürger werden.", in: dies. (Hrsg.), Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Zugänge - Konzepte - Erfahrungen, Schwalbach/Ts. 2006, S. 19.
3.
Dieser Beitrag beruht auf der von der bpb in Auftrag gegebenen Expertise, die von den Autoren im November 2006 erstellt wurde: Maßnahmen zur politischen Bildung für Migrantinnen und Migranten; www.bpb.de/files/2AELAY.pdf (4.6. 2007).
4.
Vgl. Bernd Hübinger, Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft: Neue Aufgabenfelder und Perspektiven, Tagung am 9.5. 2003 in Düsseldorf; www.bpb.de/files/L0PRT9.pdf (1.6. 2007).
5.
Vgl. Gerhild Brüning, Benachteiligte in der Weiterbildung, in: dies./Helmut Kuwan (Hrsg.), Benachteiligte und Bildungsferne - Empfehlungen für die Weiterbildung, hrsg. vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, Bielefeld 2002, S. 7. Vgl. auch H. Behrens/J. Motte (Anm. 2), S. 18.
6.
Zur Diskussion der beiden Begriffe vgl. unsere Expertise (Anm. 3).
7.
Die Repräsentativität ist begrenzt, zudem decken die Daten des Verbunds Weiterbildungsstatistik nur etwa 12,9 % aller deutschen Weiterbildungseinrichtungen ab. Betrachtet man den Bereich der allgemeinen Weiterbildung, so umfasst die Statistik nach Angaben der Autorin gut ein Drittel der Teilnahmefälle. Vgl. Elisabeth Reichart, Verbund Weiterbildungsstatistik liefert regelmäßig Institutionendaten zur allgemeinen Weiterbildung, in: DIE-Fakten. Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn 2006; www.die-bonn.de/esprid/ dokumente/doc-2006/ reichart06_02.pdf (4.6. 2007).
8.
Vgl. ebd., S. 4.
9.
So haben nach dieser statistischen Erhebung von den 458 Ausländern, die sich zum Besuch von Bildungsveranstaltungen äußerten, 19,5 % in den vergangenen zwei Jahren einen Kurs besucht. Im Vergleich dazu hatten 30,5 % der 3 666 befragten Deutschen an einem Kurs teilgenommen. Unter den Kursteilnehmern hatte weniger als 1 % der ausländischen Teilnehmer einen Kurs auf dem Gebiet "Politik und Gesellschaft" besucht, in der deutschen Vergleichsgruppe waren es 3 %. Vgl. Amt für Statistik und Stadtforschung Nürnberg, Ergebnisse der Wohnungs- und Haushaltserhebung "Leben und Wohnen in Nürnberg 2001", Nürnberg 2002.