APUZ Dossier Bild

30.7.2007 | Von:
Dagmar Richter

Das politische Wissen von Grundschülerinnen und -schülern

Politische Kompetenzen fördern

Zeitgemäßer Unterricht versucht, Wissen, Können und Persönlichkeitsbildung miteinander zu verbinden. Der Begriff der Kompetenzen integriert diese Aspekte. Dennoch ist es zur Unterscheidung der Unterrichtsziele und für ihre systematische Förderung sinnvoll, verschiedene Kompetenzdimensionen zu definieren. In naturwissenschaftlichen Fachdidaktiken hat sich die Differenzierung der Kompetenzen in die Dimensionen Fachwissen, Erkenntnisgewinnung, Kommunikation und Bewerten/Beurteilen durchgesetzt. Sie sind auch für die politische Bildung in der Diskussion.[22] Da empirische Studien gezeigt haben, dass das Lernen erfolgreicher stattfinden kann, wenn es domänenspezifisch, also innerhalb eines Faches erfolgt, ist die Klärung fachspezifischer Kompetenzdimensionen eine wichtige Voraussetzung für Vermittlungsprozesse.

Vorrangig sind beim politischen Lernen die Themen, denen die Kinder in ihrem Alltag begegnen. Die Lernenden sollten den Sinn des politischen Unterrichts für ihr eigenes Leben erkennen können. Dafür sind Lernkontexte zu schaffen, die diesen Sinn vermitteln. Dies bedeutet jedoch nicht, dass über alle Unterrichtsthemen situativ entschieden wird und sie damit dem Zufall unterliegen. Für viele Themen lässt sich eine objektive Betroffenheit feststellen, die den Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen ist; diese Themen gehören zu den Inhaltsbereichen Familie, Kinderrechte, Krieg und Frieden, Geld, Konsum, Arbeit, Geschlecht, Gemeinde oder auch Bildung für Nachhaltigkeit. Sie sollten jeweils als aktualisierte Schlüsselprobleme und auf die Situation der Kinder bezogen unterrichtet werden. Hinzu kommen Themen, die sich aus aktuellem Anlass ergeben und beispielsweise durch ihre Medienpräsenz das Interesse der Kinder geweckt haben.

Damit die Themen nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern von den Kindern ein Zusammenhang zwischen ihnen hergestellt, also kumulatives Lernen stattfinden kann, ist es wichtig, Basiskonzepte zu vermitteln. Diese werden auch als Leitideen oder übergeordnete Prinzipien bezeichnet und verdeutlichen die Grundvorstellungen einer Disziplin. Schülerinnen und Schüler sollen mit ihrer Hilfe politische Inhalte beschreiben und strukturieren können; sie dienen als "analytisches Werkzeug". Zudem stellen die Basiskonzepte sicher, dass das Politische an Themen herausgearbeitet wird; sie geben den Lehrkräften Orientierung, indem sie mit ihrer Hilfe Themen auswählen, strukturieren und aufeinander beziehen können. Zurzeit können für die politische Bildung in der Grundschule die Basiskonzepte Macht (im Kontrast zur Autorität) und Öffentlichkeit (als Gegensatz zu Privatheit) als allgemein akzeptiert gelten, die schon in früheren deutschen sowie in internationalen Curricula vorkommen.[23] Als politische Werte werden in"We the People" zudem Gerechtigkeit (ein wichtiges Konzept im Zusammenhang mit "Gemeinwohl") und Verantwortlichkeit (wichtig für "Repräsentativität") gelehrt.

Es ist eine fachdidaktische Forschungsaufgabe, Basiskonzepte für verschiedene Kompetenzniveaus genauer zu beschreiben und empirisch zu validieren. Dabei geht es nicht darum, alle Lernenden auf eine Definition z.B. von Macht als die einzig wahre "einzuschwören", oder um eine erneute "Wissenschaftsorientierung" wie in den 1970er Jahren. Zum einen sind den Lernenden nützliche und sinnvolle Konzepte anzubieten, mit denen sie sich politische Phänomene erklären können. Derart kontextualisiert, verändern sich "reine Definitionen" und verdeutlichen, dass über politische Begriffe diskutiert werden kann. Zum anderen sind möglichst früh Fehlkonzepte zu vermeiden oder auch zu korrigieren, da sie zu Vorurteilen, diskriminierenden Meinungen und letztlich aufgrund falscher Erwartungen zu Politikverdrossenheit führen können. Zudem werden die Unterrichtsthemen (z.B. über Autorität und Macht) auf reale Erfahrungsbereiche der Kinder bezogen (z.B. Machtstrukturen in der Schule), so dass sich Reflexionen über die Phänomene und eigene Erfahrungen gegenseitig bereichern. Die Wissensvermittlung findet eingebettet in die anderen Kompetenzdimensionen statt.

Es finden sich in der Literatur zahlreiche Methoden zur Erkenntnisgewinnung, mit denen sich Kinder das Politische adäquat erarbeiten können. Wichtig ist, dass sie zu Zielen und Inhalten des Unterrichts passen und mit Phasen der Reflexion verbunden werden. Für den Politikunterricht sowohl in der Grundschule als auch auf der gymnasialen Oberstufe fehlt Wirkungsforschung jedoch weitgehend. Daher lässt sich bislang über "bessere" oder "schlechtere" Formen der Erkenntnisgewinnung nur spekulieren oder auf fachunspezifische schulpädagogische Forschungen verweisen.

Kommunikation ist eine wesentliche Kompetenzdimension für politische Bildung in jeder Altersstufe. Hierzu gehören das Erschließen von Informationen und die Kompetenz, sie sachbezogen darstellen und austauschen zu können. Beobachtungen sind in geeigneten Präsentationen (Vortrag, Rollenspiel, Wandzeitung) wiederzugeben. Ziel ist, eigene Interessen und Bedürfnisse adäquat auszudrücken, sich aktiv für eine Position einzusetzen oder einen Standpunkt in einer Diskussion argumentativ vertreten zu können. In Kommunikationen kann auch über die Fachkonzepte gestritten werden. Nicht jedes Konzept ist eindeutig definiert, sie sind Produkte menschlichen Denkens über öffentliche Dimensionen des Zusammenlebens. Insofern gehören Verhandlungs- und Aushandlungsprozesse zum politischen Lernen. Insbesondere philosophische Gespräche unterstützen die sachorientierten Zugangsweisen, indem Kinder über Fragen der Gerechtigkeit, Verantwortung oder Freiheit nachdenken.[24]

Politische Bewertung bzw. Urteilskompetenz ist das erklärte Ziel politischen Lernens. Politische Urteile beziehen sich auf eine empirische Situation, für die "wertorientiert Stellung bezogen wird", die das "Gedeihen des Gemeinwesens" berücksichtigt und die Partei ergreift. Sie sind insofern vom Moralurteil zu unterscheiden, das kontextunabhängig "unbedingte Geltung" anstrebt.[25] Auch hier zeigt sich die Bedeutung der Basiskonzepte - in diesem Fall insbesondere von Öffentlichkeit und Repräsentativität bzw. Verantwortlichkeit. Sie erlauben eine Differenzierung zwischen politischen und anderen Urteilen.

In der Literatur finden sich manchmal noch weitere Kompetenzdimensionen wie Konfliktfähigkeit und Perspektivenübernahme. Sie sind ohne Zweifel wichtig, aber hier im Zusammenhang mit politischem Lernen nicht berücksichtigt, da sie zu den (fachunspezifischen) basalen Kompetenzen gehören, die beispielsweise auch im Deutsch- und Religionsunterricht angestrebt werden.[26] Politische Bildung ist ein Bereich der Allgemeinbildung und insofern mit den basalen Kompetenzdimensionen verwoben. Auch beim politischen Lernen sind Konfliktfähigkeit und Perspektivenübernahme zu fördern. Das Spezifische des Unterrichtsfaches bezeichnen sie jedoch nicht.

Mit Blick auf andere Staaten lässt sich feststellen, dass in Deutschland Nachholbedarf besteht. So ist das amerikanische Curriculum "We the People" in dem Sinne vorbildlich, als es kumulatives Lernen ermöglicht, die Schülerinnen und Schüler bei jedem Lernschritt über das zu Lernende informiert, auf einer Metaebene zur Reflexion über das Gelernte anregt und den Lernenden verschiedene Möglichkeiten gibt, ihren Lernerfolg zu überprüfen. Politische Bildung, die den Anspruch an Emanzipation und Aufklärung stellt, muss diesen auch beim Lernprozess selbst einlösen.

Die skizzierten Forschungen zeigen, dass es möglich, wichtig und sinnvoll ist, politische Bildung in der Grundschule zu stärken. Dann hätte auch der eingangs zitierte Viertklässler eine Chance, beispielsweise zu erfahren, dass Kriege nicht nur aufgrund einzelner Politiker stattfinden, sondern Interessengruppen daran mitwirken, oder dass das Regieren demokratischen Kontrollen unterliegt - und er könnte seinen Zorn über den Krieg auch als politische Kritik formulieren. Vielleicht erhalten Kinder dann sogar mehr Gehör in der Gesellschaft.

Fußnoten

22.
Vgl. Georg Weißeno, Standards für die politische Bildung, in: APuZ, (2005) 12, S. 32 - 38.
23.
Vgl. die Angaben in Anm. 9 sowie: Center for Civic Education (CCE), Learning About Foundations of Democracy. Teacher's Guide for Primary Grades, Calabasas, CA 2000, und die Umsetzung in den Teilcurricula zu "We the People".
24.
Vgl. Markus Tiedemann, Schulung der Urteilskraft - Mit Kindern über Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung philosophieren, in: D. Richter (Anm. 1), S. 321ff.
25.
Vgl. Joachim Detjen, Politische Urteilskompetenz, in: Georg Weißeno/Klaus-Peter Hufer/Hans-Werner Kuhn/Peter Massing/Dagmar Richter (Hrsg.), Wörterbuch Politische Bildung, Schwalbach/Ts. (i.E.).
26.
Vgl. Eckhard Klieme u.a., Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards - Eine Expertise, 2003, S. 55; www.dipf.de.