APUZ Dossier Bild

24.7.2007 | Von:
Rainer Erb

Organisierte Antisemiten

Geschichtsrevisionismus gehört zur Grundhaltung der deutschen Rechtsextremisten. Im Wettbewerb um Wählerstimmen wird dieses Thema an Unterorganisationen ausgelagert. Offener Antisemitismus verspricht in der kritisch aufmerksamen Öffentlichkeit keinen Erfolg, daher werden Umwegstrategien eingeschlagen.

Einleitung

Angesichts von weit verbreiteten Vorurteilen gegen Juden und den Staat Israel, von Friedhofsschändungen und anderen antisemitisch motivierten Gewalttaten, von aggressiven Pamphleten zur Leugnung des Holocausts, soll dieser Beitrag die Aufmerksamkeit auf Formen des politisch organisierten Antisemitismus richten. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Unterscheidung von antijüdischer Hetze und Diskriminierung nach dem Grad ihrer Einbettung in Organisationen und nach dem Grad ihrer ideologischen Geschlossenheit.






Organisierter Antisemitismus unterscheidet sich von privaten antijüdischen Einstellungen in mehrfacher Hinsicht. Als antisemitische Akteure rücken nicht mehr Individuen oder kleine Gruppen von Personen in den Blick, die sich gelegentlich, spontan oder situationsbedingt in dieser Richtung äußern. Vielmehr liegt der Fokus auf fester gefügten Personenzusammenschlüssen, die kontinuierlich, zielgerichtet und unverschlüsselt mittels einer strategisch platzierten Propaganda eine Politik gegen Juden, ihre Anwesenheit in Deutschland, ihr Eigentum und ihre körperliche Unversehrtheit in Wort, Schrift und Beispiel verfolgen. Organisationen, die ihre Praktiken in der Regel über bürokratische Verfahren vermitteln, üben Hetze und Diskriminierung direkt und intentional aus. Sie können diese aufgrund ihrer Routine sogar ohne erkennbare Intention des einzelnen Mitglieds verbreiten. Bei der Mitgliedschaft in einer antisemitisch ausgerichteten Organisation kommt es dann nicht mehr auf die individuelle Absicht des Einzelnen an - die Mitgliedschaft bzw. die Teilnahme genügt, um den Organisationszweck zu verbreiten.

Antisemitische Organisationen verpflichten alle Mitglieder auf dieselben Regeln. Die Identifikation mit einem Kollektiv, die Stimulation zum "Abwehr"-Kampf und Gewaltphantasien sind in die moralischen Werte und Normen der Gruppe eingefügt. In derartigen Zusammenschlüssen bildet Antisemitismus eine kohärente Ideologie, die mit einer Ursachendeutung und mit einer Lösungsperspektive ausgestattet ist. Das unterscheidet organisierten Antisemitismus von antijüdischen Vorurteilen und Klischees, die fragmentiert weiterhin in der Bevölkerung verbreitet sind, sich dort aber nicht zu einer Ideologie oder Weltanschauung verdichten.[1]

Wegen ihrer kriminellen Gefahr wird sich dieser Beitrag auf rechtsextreme Organisationen konzentrieren. Zwar gibt es in der extremen Linken ebenfalls Antisemitismus und Antizionismus, der Israel das Existenzrecht abspricht ("das künstliche Zionistengebilde") und die harte israelische Palästinenserpolitik mit dem Völkermord der Nationalsozialisten gleichsetzt. Doch die Leugnung der NS-Verbrechen, die den Rechtsextremismus wesentlich kennzeichnet, findet sich auf der Linken nicht. Linksradikale Imperialismuskritik ist außenpolitisch gegen die USA und den Staat Israel gerichtet, konstruiert aber keine wesenhafte Fremdheit der Juden, die in einem unauflösbaren Antagonismus zu holistischen Kollektiven wie Volk, Rasse oder Abendland steht.[2] Außerdem findet bei Globalisierungsgegnern und in der Linken kontinuierlich eine teils heftig geführte Debatte darüber statt, wie Antisemitismus und Israelfeindschaft in der Gesellschaft und in den eigenen Reihen zu bekämpfen seien und welche strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus bestehen.[3] Dieser interne Streit fehlt bei den Rechten völlig. Rechtsextremistisch eingestellte Personen, die nicht antisemitisch sind, sind marginal, hingegen sind die Antisemiten unter den Linken eine Minderheit. Deshalb ist der organisierte Rechtsextremismus zugleich organisierter Antisemitismus. Damit wird die Aufmerksamkeit auf einen "Extrempunkt" im wörtlichen Sinne gelenkt, auf ein politisches Extrem, das besonders aggressiv, aber zugleich auch stark eingeengt und begrenzt ist.

Der analytische Zugang ist die organisationstheoretische Perspektive, denn wenn Organisationen Mitglieder aufnehmen, dann findet eine "strukturelle Assimilation" statt und keine individuelle. Diejenigen, die eine Mitgliedschaft beantragen bzw. die als Mitglied aufgenommen werden, definieren sich durch ihre prinzipielle Ähnlichkeit, d.h. sie betonen das Gemeinsame der Ideologie, nicht das Trennende (z.B. in tagespolitischen Fragen). Über die Mitgliedschaft wird die Motivlage der Mitglieder generalisiert, so dass sich die Organisation von den individuellen Motivlagen löst.

Fußnoten

1.
Zu einem neuen Vorschlag zur Gruppierung antisemitischer Einstellungsmuster vgl. Wolfgang Frindte, Neuer Antisemitismus? Empirische Studien zu Formen und Facetten gewandelter antisemitischer Einstellungen in Deutschland, in: Rudolf Egg (Hrsg.), Extremistische Kriminalität: Kriminologie und Prävention, Wiesbaden 2006, S. 127 - 147, und die dort angegebene Literatur.
2.
Mit einer anderen Wertung Klaus Holz, Die Gegenwart des Antisemitismus, Hamburg 2005, S. 30ff.
3.
Zur Debatte über Antisemitismus in neuen Kontexten nach dem 11. September 2001 und dem Irakkrieg vgl. Thomas Haury, Der neue Antisemitismusstreit derdeutschen Linken, in: Doron Rabinovici/Ulrich Speck/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004, S. 143 - 167.