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21.6.2007 | Von:
Anna Akasoy

Glaube und Vernunft im Islam

Die Grundlagen des Rechts - usul al-fiqh

Der Islam wird häufig als Orthopraxie beschrieben, in der das richtige Handeln im Mittelpunkt steht, im Unterschied zum Christentum, das durch eine Orthodoxie gekennzeichnet sein soll, in der es auf die richtige Lehre ankommt - eine Beschreibung, die nicht unberechtigt ist. Für einen gläubigen Muslim ist die Teilnahme am Leben in einem islamischen Gemeinwesen beispielsweise von großer Bedeutung, ebenso die Erfüllung der Rituale. Insbesondere aber kommt der Rechtswissenschaft (fiqh) eine zentrale Rolle zu, bei rituellen Fragen ebenso wie bei Problemen des täglichen Lebens, der öffentlichen Ordnung und bei solchen politischer Autorität. Das islamische Gesetz (sari'a) haben wir uns dabei als lebendige Praxis vorzustellen, nicht als kodifizierten Gesetzestext. Aufgrund der enormen Bedeutung der Rechtswissenschaft innerhalb der islamischen Religion ist diese ein wichtiger erster Anhaltspunkt für die Rolle der Vernunft. Die entscheidende Frage lautet hier: Auf welche Quellen stützt sich die Rechtswissenschaft und mit welchen Mitteln interpretiert sie diese?

Im sunnitischen Islam gibt es vier Rechtsschulen (madahib), deren Entstehung auf das dritte/neunte Jahrhundert zurückgeht und die sich vor allem durch ihre Methoden unterscheiden sowie dadurch, welchen Quellen sie welche Bedeutung zumessen. Für alle vier Schulen sind der Koran und die sunna die wichtigsten Quellen. Die Malikiten orientieren sich zudem stark an der Rechtspraxis in Medina, wo sich die historischen Umstände der Prophetenzeit am besten erhalten haben sollen. Die Hanafiten stehen im Ruf, die liberalste Schule zu sein. Für sie ist das individuelle Bemühen bei der Rechtsfindung (igtihad) von großer Bedeutung.[4] Die Schafiiten sind in dieser Hinsicht "konservativer", und die Hanbaliten schließlich halten sich am stärksten an eine wörtliche Auslegung der Quellen und gelten als die konservativste aller Gruppen. Methodenkonservatismus geht dabei mit einer konservativen Moral oft Hand in Hand, jedoch nicht immer.

Selbst bei denjenigen Juristen, die dem Gebrauch der Vernunft gegenüber aufgeschlossen waren, lässt sich jedoch erkennen, dass sich hinter der Vernunft in der klassischen islamischen Tradition nicht das Konzept einer autonomen Instanz verbirgt, das uns heute so selbstverständlich ist. Für einen modernen Betrachter steht die Vernunft hier eindeutig im Dienst einer autoritätsgestützten religiösen Wahrheit.

Fußnoten

4.
Zu der Problematik des "geschlossenen Tores" der individuellen Urteilsfindung vgl. Tilman Nagel, Die Festung des Glaubens. Triumph und Scheitern des islamischen Rationalismus im 11. Jahrhundert, München 1988.