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21.6.2007 | Von:
Anna Akasoy

Glaube und Vernunft im Islam

Die Grundlagen der Religion - usul ad-din

In gewisser Weise mit den Grundlagen des Rechts verwandt sind die usul ad-din, die Grundlagen oder Wurzeln der Religion. Ein weiterer Grund, warum es heißt, der Islam sei vorwiegend eine Orthopraxie und keine Orthodoxie, ist, dass es keine Theologie im Sinne einer Dogmenwissenschaft wie im Katholizismus gibt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine systematische Wissenschaft von Gott oder keine klaren Minimalanforderungen an den Glauben eines Muslims gäbe, deren Details intensiv diskutiert wurden. Mit den usul ad-din können solche Minimalanforderungen gemeint sein, von denen auch als 'aqa'id ("Glaubenssätze") die Rede ist. Wir haben es hier mit folgenden Lehren zu tun:

  • Das islamische Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott und Muhammad ist Sein Prophet.
  • Die Endlichkeit der Welt: Dass die Welt einen Anfang und ein Ende hat, ist nach islamischer Tradition eine der großen Neuerungen gegenüber den Vorstellungen der vor-islamischen beduinischen Araber. Dasselbe trifft zu auf:
  • Die Geschaffenheit der Welt durch Gott.
  • Mit dem Ende der Welt gehen die körperliche Auferstehung aller Menschen, ihr Urteil und ihr ewiger Verbleib in Paradies oder Hölle einher. Hier werden auch die politischen Implikationen islamischer Theologie offenbar, etwa in der Frage, ob man zur ewigen Hölle verdammte Sünder schon in dieser Welt erkennen kann und welche Konsequenzen dies hat, z.B. ob diese überhaupt noch als Muslime bezeichnet werden können.
  • Andere Fragen betreffen die Theodizee (der mögliche Konflikt zwischen Gottes Allmacht und Gerechtigkeit) und die politische Ordnung der islamischen Gesellschaft, vor allem aber die Attribute Gottes und das Verhältnis zu seiner Schöpfung.

    Von allen Muslimen wird ein Bekenntnis zu diesen Glaubenssätzen verlangt. Die Meinungen gehen jedoch auseinander bei der Frage, welche Anforderungen dieses Bekenntnis zu erfüllen hat. Reicht etwa ein innerliches Bekenntnis "mit dem Herzen", oder ist auch ein äußerliches, formales Bekenntnis "mit der Zunge" notwendig? Inwieweit muss sich ein Gläubiger an die Gesetze des Islam halten und die Rituale erfüllen? Ist es möglich, durch große Sünden seinen Status als Gläubiger, d.h. als Muslim zu verlieren? Aber auch: Inwieweit muss man wissen, dass ein Glaubenssatz wahr ist, um an ihn glauben zu können? In den verschiedenen Tendenzen bei den Antworten auf diese Fragen zeigt sich die ganze Bandbreite islamischer Definitionen des Glaubensbegriffs, die weiter unten im Detail ausgeführt werden.