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21.6.2007 | Von:
Anna Akasoy

Glaube und Vernunft im Islam

Diskursive Theologie

Der arabische Begriff, der üblicherweise als "Theologie" übersetzt wird, ist kalam. Kalam, was auch "Rede" oder "Äußerung" bedeutet, bezeichnet die diskursive Verteidigung der islamischen Glaubenslehren gegen Zweifler in den eigenen Reihen und gegen Nicht-Muslime. Diese Tradition entwickelte sich vor allem während des zweiten und dritten Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung. Obwohl die diskursive Theologie durch nicht-islamische Traditionen (Christentum, griechische Philosophie) beeinflusst wurde, beschäftigten sich die mutakallimun, also die kalam-Praktiker, mit genuin islamischen Problemen. Die meisten abstrakteren Debatten im Themenkreis Glaube und Vernunft lassen sich aus den Schriften dieser Gelehrten rekonstruieren.

Der Begriff kalam an sich sagt noch nicht besonders viel aus. Er impliziert keine Lehrmeinung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule, sondern vielmehr eine Tendenz zur Anwendung bestimmter Methoden. Was die mutakallimun gemein haben, ist:

  • der Stellenwert der Vernunft in der Verteidigung religiöser Lehren: verwendet werden rationale und autoritätsgestützte Argumente, wobei letztere die erstgenannten bestätigen; es herrscht eine Harmonie zwischen Religion/Offenbarung und Vernunft;[5]
  • die Einheit Gottes, jede Vielheit in der Beschreibung soll vermieden werden;
  • die Ablehnung anthropomorphischer Eigenschaften Gottes;
  • die absolute Vollkommenheit Gottes.

    Die Methodendiskussionen und inneren Aufspaltungen im kal?m überschnitten sich zum Teil mit Tendenzen in der Rechtswissenschaft. Die Hanbaliten zum Beispiel waren der Anwendung der Vernunft bei der Auslegung der Religion insgesamt abgeneigt, was sich auch in ihren theologischen Ansichten zeigte. Ein zentrales Problem der islamischen Theologie waren etwa die Passagen im Koran, in denen von Gottes Hand die Rede ist und davon, dass er sieht oder auf einem Thron sitzt. Einige suchten allegorische Interpretationen dieser Körperlichkeit. Die Hanbaliten jedoch waren der Ansicht, man solle diese Beschreibungen hinnehmen, ohne danach zu fragen, wie genau dies möglich sein könne, da es sich menschlicher Vorstellung entziehe. Dieses Prinzip ist unter dem Stichwort bi-la kaif bekannt, "ohne (zu fragen) wie".

    Die früheste Gruppe unter den mutakallimun waren die Mu'tazila, die heute oftmals als die Vertreter der rationalen Tradition im Islam par excellence gelten.[6] Die Anfänge dieser Gruppierung liegen in Basra in der ersten Hälfte des 2./8. Jahrhunderts. Die Thesen der Mu'tazila werden üblicherweise in fünf Punkten zusammengefasst:

  • Die Einheit Gottes: Ähnlich wie im kal?m überhaupt, darf Gott nicht mit menschlichen Attributen beschrieben werden.
  • Die Gerechtigkeit Gottes: Gott kann nur gut und gerecht handeln und ist dazu verpflichtet, das Bessere zu wählen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit und Freiheit zu handeln (qudra), die Gott in ihm geschaffen hat. Er handelt frei und wird entsprechend (notwendigerweise gerecht) durch Gott belohnt oder bestraft.
  • Glauben impliziert Handeln nach Maßgabe des Koran; Sünder, die keine Reue zeigen, enden in der Hölle.
  • Ein Sünder ist weder gläubig noch ungläubig, sondern nimmt einen Zwischenstatus ein.
  • Das koranische Gebot, Erlaubtes zu befehlen und Verbotenes zu verhindern, haben die Mu'taziliten zunächst sehr wichtig genommen und streng ausgelegt, da dies auch in ihrem eigenen Sinn war, später verlor dieses Element an Bedeutung.

    Die Geschichte der Mu'taziliten und ihrer Ideen ist untrennbar verbunden mit der Machtposition, die sie am Hof des bereits erwähnten abbasidischen Kalifen al-Ma'mun (Regierungszeit 204 - 218 bzw. 819 - 833) innehatten. Dieser propagierte die Lehre der Geschaffenheit des Koran. Gelehrte, die dem widersprachen und den Koran als ewig betrachteten, wurden hart bestraft. Diese Episode der islamischen Geschichte wird als mihna ("Inquisition") bezeichnet. Im Hintergrund von al-Ma'muns Politik stand das Bemühen, die Autorität zur Interpretation religiöser Quellen zu zentralisieren, eine Tendenz, die sich auch auf anderen Gebieten (Verwaltung, Militär) zeigte.[7] Al-Ma'mun wollte die Interpretationshoheit von den religiösen Gelehrten und unteren sozialen Schichten in die Kreise der Mächtigen verlagern. Der Orientierung an den Lehrmeinungen menschlicher Autoritäten, wie sie unter den religiösen Gelehrten üblich war, setzte er die Verwendung der Vernunft entgegen - eine Überzeugung, die sich mit der der Mu'taziliten deckte. Ein gemeinsamer rationaler Zugang erlaubte es dem Kalifen, die Überlegenheit seiner Interpretation zu beweisen.

    Unter dem Kalifen al-Mutawakkil kam es 234/848 zu einer Umkehr und zu einer Reaktion gegen die Mu'taziliten und ihren Rationalismus. Unter den Protagonisten der Opposition war Ah. mad ibn H. anbal (gestorben 241/855), der Begründer der hanbalitischen Rechtsschule, der seinerzeit ausgepeitscht und eingesperrt worden war. Nach diesen Ereignissen stand die rationale Auslegung der islamischen Quellen nach Art der Mu'taziliten unter keinem guten Stern. Trotzdem folgte die Blütezeit erst noch - sie dauerte vom Ende des 3./9. Jahrhunderts bis zur Mitte des 5./11. Jahrhunderts.

    Die dominierende Schule im kalam waren allerdings die As'ariten (benannt nach Abu al-Hasan al-As'ari, gestorben 324/935), deren Überzeugungen den Lehren der Mu'tazila in zentralen Punkten diametral entgegenstanden. Hauptbestreben der As'ariten war es, der Allmacht Gottes absolutes Gewicht zu verleihen. Während die Mu'taziliten davon ausgingen, dass Gott gut handeln muss, ist für die As'ariten allein die Tatsache, dass es Gott ist, der handelt, die das Handeln zu einem guten Handeln macht. Gott kann alles und darf in seinem Handeln nicht hinterfragt werden. Auch in der Frage der Willensfreiheit vertraten die As'ariten andere Prinzipien: Da alles von Gott geschaffen ist und Gott das einzige Wirkprinzip ist, sind auch die menschlichen Handlungen von Gott geschaffen und werden vom Menschen lediglich erworben. Dasselbe Prinzip von Gott als dem einzig Wirkenden führte in Fragen allgemeiner Kausalität zum so genannten Okkasionalismus. Nicht Naturgesetze bestimmen, dass ein Stein herunterfällt, sondern jeder einzelne Moment des Fallens wird von Gott geschaffen. Wenn Gott wollte, könnte er den Stein auch wieder nach oben schweben lassen. Was wir in dieser Welt beobachten können, ist lediglich die Gewohnheit Gottes, die uns davon ausgehen lässt, dass Steine immer nach unten fallen. Diese Abwesenheit jeglicher Wirkautonomie und die Leugnung unabhängiger Naturgesetze kann als Barriere für die Vernunft verstanden werden, Ereignisse in dieser Welt zu deuten. Es handelt sich jedoch nicht um eine absolute Barriere, entscheidend ist die Erkenntnis, dass letzten Endes Gott die einzige Wirkursache ist.

    Viele Kernprobleme der islamischen Theologie lassen sich in den beiden Gegensätzen Immanenz und Transzendenz bzw. Einheit und Vielheit Gottes ausdrücken: Inwieweit greift Gott in die Welt ein? Inwieweit lässt Er sich mit menschlichen Eigenschaften beschreiben? Ist Gott überhaupt zu beschreiben, oder steht dem Seine Einheit entgegen? Andere Probleme fallen in die Kategorie "Macht und Autonomie des Menschen": Ist der Mensch Agens seiner Handlungen, und inwieweit ist er dafür verantwortlich? Kann er entsprechend dafür bestraft werden, sowohl in dieser als auch in der nächsten Welt? Bei allen diesen Fragen spielt die Vernunft eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Herangehensweisen der unterschiedlichen Gruppierungen zu charakterisieren und gegeneinander abzugrenzen. Gelehrten, die sich gegen eine starke Verwendung der Vernunft wandten, kam es darauf an, die Allmacht Gottes zu verteidigen. Der Schöpfer sollte nicht dem Zwang ausgesetzt sein, nach Maßgabe eines menschlichen Vernunftbegriffs handeln zu müssen. Das eigentliche Wesen Gottes war dem menschlichen Verstand schlicht und ergreifend nicht zugänglich.

    Besonders interessant für unser Thema ist die Frage, wer unter welchen Bedingungen als Gläubiger zählen kann. Die Diskussionen der mittelalterlichen Theologen kreisten hier u.a. um drei Begriffe: iman (Glaube), tasdiq (Für-wahr-Halten bzw. Als-wahr-Bestätigen) und taqlid (unkritische Übernahme von Ansichten). Der Begriff des Glaubens umfasste dabei drei Komponenten, die oben bereits angedeutet wurden: die innere Überzeugung, den mündlichen Ausdruck und das Befolgen der Gebote. Die verschiedenen Schulen unterscheiden sich darin, wie sie diese Elemente jeweils interpretieren und gewichten, wenn es um die Bestimmung geht, ob jemand ein Gläubiger, d.h. ein Muslim ist oder nicht.

    Einige Gruppen legten großen Wert auf die Taten als direkten und integralen Ausdruck des Glaubens. Bisweilen wurde ein bestimmter Glaubenskanon definiert. Andere zentrale Fragen waren z.B., ob der Glauben ab- und zunehmen kann und ob es Grade des Glaubens gibt. Es gab auch unterschiedliche Ansichten von der Verantwortung des Menschen, inwieweit dieser als Agens seines Glaubens gelten kann oder ob der Glaube nicht vielmehr direkt durch Gott im Menschen geschaffen wird. Auch hinsichtlich der Konsequenzen gingen die Meinungen auseinander. Die meisten waren davon überzeugt, dass jemand, der auch nur ein wenig Glauben in sich trage, auch ins Paradies kommen würde - was dieses bisschen Glaube allerdings bedeutet bzw. ob und wie es sich erkennbar äußert, waren ganz andere Fragen. Nach Ansicht der meisten Gelehrten (mit Ausnahme der Mu'taziliten) konnte Gott ohnehin nicht dazu verpflichtet sein, gläubige Menschen ins Paradies einzulassen. Auch dies war ein von den von Menschen wahrnehmbaren Verhältnissen gänzlich unabhängiger Akt Gottes.

    Mögliche Konflikte mit der Vernunft kommen in solchen Debatten seltener vor; im Gegenteil, die Theologen diskutierten, inwieweit sicheres Wissen notwendiger Bestandteil des Glaubens ist. Bei den Hanafiten findet sich etwa zusätzlich zu den drei oben genannten Elementen die Notwendigkeit, dass ein Gläubiger Wissen um die Wahrheit der Glaubenssätze im Herzen trägt. Das Gegenteil wurde als taqlid beschrieben, als blinder Gehorsam gegenüber einer (menschlichen) Autorität. Die Kehrseite davon war, dass einfache Menschen den Status eines Gläubigen nicht in Anspruch nehmen konnten (takfir al-'awamm, d. h. das Bezeichnen einfacher Menschen als Ungläubige) - ähnliche Probleme ergaben sich bei Muslimen, die den Koran nicht im arabischen Original lesen konnten.

  • Fußnoten

    5.
    Während des Mittelalters setzte sich auch unter Christen die Tendenz zur Verwendung rationaler Argumente in der interreligiösen Begegnung durch. Missionare wie der Katalane Raimundus Lullus (1232 - 1316) verstanden, dass sie mit Verweisen auf ihre eigene Heilige Schrift wenig erreichten, da diese von Nicht-Christen nicht anerkannt wurde. Alleine die Vernunft konnte als gemeinsame Grundlage dienen. Vgl. Matthias Lutz-Bachmann/Alexander Fidora (Hrsg.), Juden, Christen und Muslime. Religionsdialoge im Mittelalter, Darmstadt 2004.
    6.
    Zu den Mu`tazila vgl. Richard C. Martin, Defenders of Reason in Islam. Mu'tazilism from Medieval School to Modern Symbol, Oxford 1997.
    7.
    Vgl. Dimitri Gutas, Greek Thought, Arabic Culture. The Graeco-Arabic Translation Movement in Baghdad and Early 'Abbâsid Society (2nd-4th/8th-10th Centuries), London 1998, S. 79f.