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21.6.2007 | Von:
Anna Akasoy

Glaube und Vernunft im Islam

Islamische Philosophie

Eine weitere Tradition, die sich während des zweiten und dritten Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung herausbildete, waren die Philosophen (falasifa), die sich vor allem an den Lehren des Aristoteles orientierten.[8] Diese Ausrichtung entstand in Bagdad in dem Milieu, in dem griechische philosophische Werke, vor allem das aristotelische Korpus, ins Arabische übersetzt wurden. Gefördert wurde dies durch die abbasidischen Kalifen, vor allem al-Ma'mun, der das Dogma der Geschaffenheit des Koran propagierte. Der Ruf der Philosophie im Islam sollte unter dieser Verbindung leiden. Die mihna hatte zu einer starken Polarisierung unter den Gelehrten geführt.[9] "Fremde" Wissenschaften wurden von Traditionalisten vor allem deshalb abgelehnt, weil sie diese mit der rationalistischen Politik al-Ma'muns assoziierten.

Die bekanntesten Vertreter der islamischen Philosophie sind al-Kindi (ca. 185 - 252 bzw. 801 - 866), al-Farabi (gestorben 339 bzw. 950), Ibn Sina (= Avicenna, 370 - 428 bzw. 980 - 1037) und Ibn Rusd (= Averroes, 520 - 595 bzw. 1126 - 1198), deren Werke in lateinischer Übersetzung in Westeuropa im Mittelalter rezipiert wurden. Die falasifa waren darum bemüht, die Lehren der koranischen Theologie mit denen der griechischen Philosophie zu harmonisieren. So wurde in einer monotheistisch-neoplatonischen Überformung der aristotelischen Kosmologie zum Beispiel von Gott als dem ersten oder unbewegten Beweger gesprochen. Den falasifa war dabei bewusst, dass der Mehrheit der Muslime in ihrer Zeit die Ansichten des Aristoteles fremd bleiben würden. Einige, darunter al-Farabi, entwickelten als Antwort auf diese Problematik hierarchische Modelle von Wissen und Erkenntnis, die im Idealfall mit der politischen Machtpyramide in eins fallen sollten. Während sich das einfache Volk an die Allegorien der heiligen Schrift halten musste, waren sich die philosophisch verständigen Herrscher bewusst, dass diese religiösen Ausdrücke lediglich Metaphern für philosophische Wahrheiten waren, die sich mit entsprechender intellektueller Begabung auch rational erkennen ließen. Der andalusische Philosoph Ibn Rusd, der unter dem Einfluss al-Farabis stand, vertrat ähnliche Ansichten. Ihm wird die Theorie einer doppelten Wahrheit zugeschrieben, wonach Religion und Philosophie auf verschiedenen Wegen zur selben Wahrheit führen.

Obwohl es sich bei den Philosophen im engeren Sinne nur um recht wenige Autoren handelte, übte ihre Tradition einen erheblichen Einfluss aus. Da der kalam als apologetische Tradition begann, reagierte er stark auf die Argumentationsweise der unterschiedlichen Gegner und bediente sich ihrer Methoden. Unter dem Einfluss der falasifa nahmen die mutakallimun etwa methodologische Einführungen in ihre theologischen Werke auf. Weiterhin systematisierten sie ihre Ansichten und entwickelten ein theoretisches Fachvokabular. So unterschieden sie etwa zwischen Erkenntnissen, welche die Vernunft alleine erreichen kann ('aqliyat = "vernünftige Dinge" bzw. wenn es um Gotteserkenntnis geht, ilahiyat = "göttliche Dinge") und solchen, die sich nur der Offenbarung entnehmen lassen (sam'iyat = "gehörte Dinge").

Wie bereits erwähnt, waren die mutakallimin darum bemüht, ihre autoritätsgestützten Argumente durch rationale zu ergänzen. Die griechische Philosophie gab ihnen dabei wichtige Werkzeuge an die Hand. Die Vernunft stand dabei allerdings im Dienste der religiösen Wahrheit. Die Prämisse, welche die mutakallimun voraussetzten, war die einer grundsätzlichen Harmonie von koranischer Offenbarung und rationaler Erkenntnis. Eine Vernunfterkenntnis, die besagt, dass es keinen Gott gibt oder dass Muhammad nicht sein Prophet ist, war damit ausgeschlossen. Nur vereinzelte Autoren, wie Abu Bakr ar-Razi (250 - 313 oder 323 bzw. 854 - 925 oder 935), lehnten die Idee der Prophetie ab, ohne dabei aber so weit zu gehen, auch die Existenz Gottes abzustreiten.

Fußnoten

8.
Vgl. Ulrich Rudolph, Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2004.
9.
Vgl. D. Gutas (Anm. 7), S. 163.