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11.5.2007 | Von:
Jan Helmig

Geopolitik - Annäherung an ein schwieriges Konzept

Geopolitische Argumentationen spielen in der Politik eine weiterhin wichtige Rolle. Neben klassischen geopolitischen Konzepten etabliert sich mehr und mehr ein alternatives Verständnis von räumlichen Abgrenzungsprozessen, welches die traditionelle Geopolitik selbst als machtpolitisches Mittel versteht.

Einleitung

Ob im Kampf gegen den Terror, bei Konflikten um Ressourcen oder im Nuklearstreit mit dem Iran: der Begriff der Geopolitik ist in aller Munde und geistert als Schlagwort nicht nur durch akademische Zirkel, sondern findet sich vermehrt auch in Leitartikeln wieder.[1] Doch obwohl die Geopolitik im politischen Meinungsstreit beständig ins Feld geführt wird - sei es alsKronzeugin im "Kampf der Kulturen" oder in der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei -, scheint der Begriff inhaltlich zumeist seltsam anämisch zu bleiben. Ob als akademisches Füllwort oder als feuilletonistische Plattitüde: in den wenigsten Fällen entrinnt die Geopolitik ihrem Schicksal als schiere Worthülse mit wechselhaftem Inhalt. Was genau der Präfix 'geopolitisch' bedeutet, bleibt in vielen Fällen vage und der Phantasie des Lesers überlassen. Jedoch wird durch die beständige Verwendung geopolitischer Argumentationen der Raum zum essenziellen Agens im politischen Geschehen stilisiert. Erklärungen für die großen und kleinen Probleme der Welt werden somit, wie auch die impliziten Lösungen, en passant gleich mitgeliefert. Gerade hierin liegt die besondere Attraktivität geopolitischer Beweisführungen. Je nach politisch-ideologischem Gusto wird Geopolitik nicht nur zum Füllhorn, aus dem sich unterschiedliche Ansprüche, Forderungen und Erklärungen speisen, sondern die entsprechenden pseudo- wissenschaftlichen Begrifflichkeiten werden gleich mitgeliefert. Die potenzielle Beliebigkeit der Geopolitik kommt als schicksalhafte Realpolitik im naturalistischen Gewand daher.






Die häufige und zumeist unreflektierte Verwendung des Begriffs der Geopolitik birgt Anlass genug, sich eingehender mit dem Konzept zu beschäftigen und alternative Verständnisse aufzuzeigen, die sich deutlich von klassischen Konzepten unterscheiden. Denn vielfach herrscht immer noch das Missverständnis, dass es sich bei der Geopolitik um eine stringente Schule oder gar ein feststehendes Theoriekonzept handelt, welches an der Schnittstelle zwischen Politik und Geographie politische Probleme leichtfertig zu lösen vermag. Dass diese Auffassung trügerisch ist, versuchen alternative Verständnisse von Raum und Geopolitik aufzuzeigen, wie sie zunehmend in der Politischen Geographie und den Internationalen Beziehungen Verbreitung finden. Allerdings haben sie bisher nur unzureichend den Sprung über ihre disziplinären Grenzen geschafft. Dabei kann gerade die Auseinandersetzung mit der Geopolitik, insbesondere abseits traditioneller Denkschulen, zu interessanten Beiträgen und alternativen Sichtweisen bei Konflikten um Macht und Raum führen.

Fußnoten

1.
Für Kommentare und Anregungen danke ich Kristina Pezzei und Jörg Mose.