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Wettbewerb und Markt sind zu wenig


19.3.2007
Von Politikern wird das Wettbewerbsprinzip gepriesen, und Unternehmer und ihre Interessenverbände verweisen auf die hohe Wettbewerbsintensität. Eine immer größer werdende Verengung der Märkte auf nur noch wenige Anbieter wird von der herrschenden Politik auf Grund der betriebenen Globalisierung heute geradezu gutgeheißen.

Einleitung



Ein dogmatisch gewordener Glaube an das vermeintlich segensreiche Wirken freier (wettbewerblicher) Märkte ist weit verbreitet. Die daraus resultierenden Irrtümer und Illusionen haben sich bei vielen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Medien zu einer Unfähigkeit gesteigert, die Wirklichkeit richtig wahrzunehmen. "Es ist dieser Realitätsverlust, der sie zu unschuldigen Betrügern macht", stellte der vor kurzem verstorbene große US-amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith (1908 - 2006) fest.[1] Die wesentliche Ideologie des heute gegebenen neoliberalen Regimes ist aber die Betonung des Wettbewerbsprinzips und die Forderung nach freien Märkten. Dies würde, ohne staatliche Interventionen und Steuerungen, für die größte ökonomische Effizienz sorgen.




Alles müsse in einer Gesellschaft dem Wettbewerbsprinzip ausgesetzt werden - auch öffentliche Institutionen. Obwohl in der Wirtschaftswissenschaft seit langem bekannt ist, welche immanenten Schwächen dem Wettbewerb anhaften, wird einseitig der einzelwirtschaftliche Effizienzvorteil hervorgehoben und regelmäßig nicht gesagt, dass dem auch beträchtliche gesamtwirtschaftliche Kosten gegenüber stehen; und schon gar nicht wird thematisiert, wer in der Gesellschaft eigentlich den arbeitsteilig generierten Effizienzvorteil erhält - womit die Verteilungsfrage gestellt ist.

Schon der große britische Nationalökonom John Maynard Keynes (1883 - 1946) konnte mit seiner "New Economics" aufzeigen, dass das heute viel gelobte und eingeforderte Markt- und Wettbewerbsprinzip - das "Laissez-Faire", der "Krieg aller gegen alle" oder, wie Karl Marx (1818 - 1883) es formulierte, "ein Kapitalist schlägt viele andere tot" - nicht hinreichend ist, um die immer wieder behaupteten optimalen ökonomischen und gesellschaftlichen Ergebnisse, vor allem eine vollbeschäftigte Wirtschaft, zu realisieren. Wenn auch "Markt" und "Wettbewerb" zu zentralen (blinden) Kampfbegriffen in der wirtschaftlichen Diskussion geworden (pervertiert) sind,[2] so ist dennoch zu konstatieren, dass Privatinteressen und Gesellschaftsinteressen nicht konform gehen und es auch nicht automatisch über eine "invisible hand" (Adam Smith, 1723 - 1790) zu einer gesellschaftlichen Harmonie kommt. Niemand wird bestreiten können, dass hinter jedem Wettbewerb das Motiv des Eigennutzes und kein altruistisches Motiv steht - während eine demokratische Gesellschaft vorrangig auf das Gemeinnützige oder sogar auf das Solidarische setzt. "Wettbewerb lebt von der Konkurrenz - ein demokratisches Gemeinwesen ganz entscheidend von der Kooperation. Wettbewerb schielt auf den kurzfristigen Erfolg - was wäre aber ein Staat wert, der es nicht als eine Pflicht betrachtet, stets die längerfristigen Interessen der gesamten Bevölkerung im Auge zu haben? Der Wettbewerb schafft äußere, fremdbestimmte Zwänge - Demokratie aber braucht das Prinzip der Selbstbestimmung wie die Luft zum Atmen. (...) Wettbewerb hält Ungleichheit aus, ja, braucht sie als Antriebskraft - eine Gesellschaft jedoch bricht auseinander, wenn zuviel Ungleichheit herrscht. Wettbewerb ist gewinnorientiert - aber eine offene demokratische Gesellschaft, die Zukunft gestalten will, braucht Spielraum für das Neue, das Unsichere, das sich nicht sofort und kalkulierbar in Profit Niederschlagende - man denke nur an Bildung und Forschung. Wettbewerb mag zu einzelwirtschaftlicher Effizienz führen, die volkswirtschaftliche Effizienz misst sich am Allgemeinwohl und am allgemeinen Wohlstand, was ohne normativen Rahmen - etwa durch das Prinzip des Sozialstaats - nicht gewährleistet ist, denn der Markt ist wertblind."[3] "Er hat kein Herz", stellt Amerikas bekanntester Ökonom Paul A. Samuelson fest.[4]


Fußnoten

1.
John Kenneth Galbraith, Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft, München 2005, S. 35.
2.
Vgl. Hans Mundorf, Nur noch Markt, das ist zu wenig, Hamburg 2006, S. 162 - 169.
3.
Wolfgang Lieb, Der Wettbewerbs-Republik entgegen, in: Freitag vom 13. 1. 2006.
4.
Paul A. Samuelson, Interview, in: Der Spiegel, Nr. 38/2005.