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12.2.2007 | Von:
Oksana Sabuschko

Welcome to Ukraine - Essay

Europa lebt mental noch immer im Kalten Krieg. Der Erfahrungsschatz eines Landes, das lange um seine Identität kämpfen musste, sollte im gesamteuropäischen Bewusstsein nicht fehlen.

Einleitung

Im ukrainischen Fernsehen war im Herbst 2006 in einer äußerst populären Sendereihe über Korruption eine aufschlussreiche Einspielung zu sehen. Es ging um den Bau einer neuen Schutzummantelung, des so genannten Sarkophags, für den berühmt-berüchtigten Reaktor 4 des 1986 explodierten Atomkraftwerks Tschernobyl - um eben jene Schutzhülle, die mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft bis 2007 fertig gestellt sein soll. Doch wann sie tatsächlich und ob sie überhaupt einmal fertig wird, ist bis heute unklar. Auf dem Fernsehschirm diskutierten drei dem Äußeren nach westeuropäische Geschäftsleute (nicht etwa irgendwelche Mafiosi) im Büro des Direktors des Atomkraftwerks Tschernobyl. Sie sprachen mit unterschiedlichem Akzent Russisch. Das ist kein Wunder, denn in der Ukraine sprechen alle, selbst die dort geborenen Russen, Russisch mit Akzent. Der Ausländer unter den dreien ließ sich problemlos identifizieren: der Vertreter einer deutschen Dienstleistungsgruppe für die Nuklearindustrie. Er machte seinen ukrainischen Kollegen einen Vorschlag, wie man den Kostenplan zum Bau eines Werkes für die Entsorgung radioaktiver Abfälle erstellt und bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung dafür 20 Millionen Euro beantragt, von denen er 500 000 direkt auf die Konten seiner Gesprächspartner zu überweisen versprach.[1]




Der Deutsche raschelte mit den Papieren, erklärte das Prozedere, nannte Zahlen. Die Ukrainer stöhnten erschrocken: "Oh Gott!". Die Szene wirkte fast biblisch: das uralte Thema der Versuchung der kleinen Dämonen. Es war schade, dass die Einspielung abbrach (das Gangsterstück gelang nicht, irgendetwas lief bei der deutschen Firma schief); der Direktor des Atomkraftwerks (der in der Einspielung gestöhnt und geächzt hatte) bestätigte, wenn auch sichtbar nervös im weiteren Verlauf der Sendung: "Ja, es gab eine solche Unterredung." Dagegen lehnte in einer anderen Einspielung der Leiter des Büros der Europäischen Kommission in der Ukraine jegliches Interview zu EU-Verstrickungen in dieser Korruptionsaffäre ab. Er wirkte auf dem Fernsehschirm sehr eindrucksvoll: rasantes Auftreten, hageres, intelligentes Gesicht, zusammengekniffene Augen, ironisch, der Anflug eines verächtlichen Lächelns - man wurde unwillkürlich an die Kardinäle auf Bildern El Grecos erinnert-, und quasi aus dem Mundwinkel: - No comments. - No comments?, fragte der Journalist irritiert nach. - No comments, bestätigte der Europäische Kommissionsleiter und lächelte, eine Machtdemonstration, ein Triumph der Gleichgültigkeit.

Wer sind wir denn, dass er uns eine Antwort schuldig wäre? Oder gar, und das klingt vermessen, eine Rechtfertigung? Offen gestanden, als Schriftstellerin erfreute mich dieser Vorfall, erschien er mir doch wie eine Kopie einer Szene in meinem neuen Roman, dessen Heldin eine Journalistin ist und all jenes erlebt, was noch nicht völlig abgestumpfte Vertreter ihres Metiers in einer Welt erleben, die von verantwortungslosen Machtmenschen beherrscht wird.

Es gibt freilich ein "Aber". In psychologischer Hinsicht wird die Verantwortungslosigkeit der Regierenden in der Ukraine vor allem als nationales Problem angesehen, als Erblast der Sowjetvergangenheit und als Kinderkrankheit einer noch jungen Demokratie. Deshalb waren die ukrainischen Zuschauer äußerst verstört von der Enthüllung, dass sich auch innerhalb der Grenzen der Schengen-Staaten die Vertreter gewachsener und reifer europäischer Demokratien zuweilen so wie unsere ukrainischen Mafiosi verhalten. Was der Moderator der Sendung mit kindlicher Beleidigung in der Stimme so kommentierte: Die Korruption in der Ukraine ist wirklich eine üble Sache, doch die Korruption in der EU, ja, das ist natürlich etwas ganz anderes. Oder?


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Ukrainischen: Dr. Alexander Kratochvil, Greifswald.