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12.2.2007 | Von:
Wilfried Jilge

Geschichtspolitik in der Ukraine

Politisierung und nationalistische Tendenzen

Die auf die Genozidthese fixierte Hungerdebatte ging auch mit der Konstruktion nationaler (antirussischer) Feindbilder und Stereotypen einher. Die meisten Debattenredner des nationaldemokratischen Lagers und insbesondere der Präsident haben die Genozidthese ausdrücklich nicht ethnisch-exklusiv begründet; unter Bezug auf die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1948 argumentierten sie mit dem Kriterium "national" im Sinne einer politischen Nation, die nicht nur ethnische Ukrainer einschließt. Gleichwohl wurde in einigen Beiträgen der öffentlichen Debatte Russland als dem alleinigen Rechtsnachfolger der UdSSR die unmittelbare Verantwortung für den Holodomor zugeschrieben.[11] Aus historischen und nationalen Stereotypen wurden Schlussfolgerungen für die politische Gegenwart abgeleitet: So sei die (von der Partei der Regionen geforderte) Einführung der russischen Sprache als zweiter Staatssprache der "Versuch, den kulturellen Schlag des Holodomor gegen die Ukrainer auch für die Zukunft festzuschreiben".[12]

Problematisch ist weniger die Aussage zum Status des Russischen denn die Polarisierung aktueller kulturpolitischer Fragen durch Historisierung. Fragwürdig sind diese Tendenzen auch deswegen, weil sie die ukrainische Nation ausschließlich als Opfernation definieren und von jeder eigenen Verantwortung für die totalitäre Vergangenheit zu entlasten suchen. In diese Richtung zielt in einigen Fällen auch die Bezeichnung des Holodomor als "ukrainischer Holocaust", die den Holocaust zugunsten der Hervorhebung und Wahrung des Opferstatus in den Hintergrund drängen soll. Jedoch bedeutet dieser in der ukrainischen Debatte fast eingebürgerte Begriff nicht zwangsläufig eine Abwertung des Holocaust, auch wenn dieser in der Erinnerungskultur der Ukraine und anderen Staaten Ostmitteleuropas einen insgesamt wohl geringeren Stellenwert als die sowjetischen Verbrechen hat:[13] In vielen Fällen signalisiert der Begriff das Bedürfnis nach Anerkennung einer internationalen und vor allem in den westeuropäischen Erinnerungskulturen immer noch wenig bekannten totalitären Vernichtungserfahrung.

Nach Meinung einer Minderheit von ukrainischen Historikern haben eine nationale undmoralisierende Argumentation sowie die legitimationswissenschaftlich-staatsaffirmative Fixierung auf die Genozidthese Auswirkungen auf das Klima in der historischen Forschung der Ukraine: Die in den vergangenen Jahren zunehmende Politisierung könne "dem umfassenden Verständnis des Ausmaßes, der Ursachen und der Folgen der Tragödie nur abträglich" sein.[14]

Fußnoten

11.
Dabei ist zu bedenken, dass ein Teil dieser Beiträge häufig eine direkte Reaktion auf die in Putins Russland gepflegte, apologetische Erinnerung an sowjetische Symbole oder "Helden" darstellt; dazu gehört die positive Neubewertung von Symbolen des Stalinismus (z.B. von Stalins Geheimdienstchef Berija) - eine Entwicklung, die in der Ukraine angesichts der damit einhergehenden autoritären Entwicklung mit Sorge beobachtet wird.
12.
Vgl. den Beitrag des Politologen und Aktivisten der Jugendorganisation Pora, Ostap Kryvdyk, Holodomor bez Ukraïnciv, in: Ukraïns'ka Pravda vom 27.11. 2006; www.pravda.com.ua.
13.
Vgl. zum Zusammenhang von Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine, den Zweiten Weltkrieg und den damit symbolisch häufig verknüpften "ukrainischen Holocaust" Wilfried Jilge, Zmahannja zertv [Konkurrenz der Opfer], in: Krytyka, (2006) 5, S. 14 - 17.
14.
Valerij Vasil'ev, Zwischen Politisierung und Historisierung. Der Holodomor in der ukrainischen Historiographie, in: R. A. Mark/G. Simon (Anm. 3), S. 165 - 182, hier S. 182. Für Hinweise zur jüngsten Entwicklung im Januar 2007 danke ich dem Kiewer Historiker Heorhij Kasianov.