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12.2.2007 | Von:
Wilfried Jilge

Geschichtspolitik in der Ukraine

Ambivalenz nationaler Geschichtspolitik

Trotz der exklusiv-nationalistischen Tendenzen ist für viele ukrainische Wissenschaftler und Intellektuelle, die der Genozidthese folgen, die historische Aufarbeitung der Hungersnot kein Grund für zwischennationale Schuldzuweisungen; vielmehr gilt sie als ein historisches Argument für die Demokratisierung und Westorientierung der Ukraine. Ein Beispiel ist die Geschichtspolitik Viktor Juschtschenkos in seiner Zeit als Oppositionsführer der Jahre 2003/2004. Im Rahmen des Gedenkens zum 70. Jahrestag des Holodomor 2003 unterstrich er die Bedeutung einer freien Presse und einer in Europa integrierten Ukraine: In einem solchen Land hätte kein Regime die Hungersnot verschweigen und den Notleidenden Hilfe verwehren können. In demokratisch-emanzipatorischer Absicht nutzte Juschtschenko das Thema zu einer Kritik am autoritären Regime Kutschmas, ohne durch Schuldzuweisungen an "die Russen" in die Falle der staatlichen Propaganda gegen die"faschistischen Nationalisten" zu tappen. Auch in anderen historischen Fragen verband der damalige Oppositionsführer Schlüsselelemente des antisowjetisch-nationalen Geschichtsbildes mit einem demokratisch ausgerichteten Reformprogramm und konnte der Opposition so auch Wähler außerhalb der nationalbewussten Westukraine erschließen.

Mit dem Rollenwechsel Jutschtschenkos vom Oppositionsführer zum Präsidenten haben sich die Bedeutungen seiner Geschichtspolitik gerade im Bezug auf das Thema Hungersnot verschoben: Im Vordergrund stehen Werte wie "Konsolidierung", "Einheit der Nation" und - eng damit verbunden - die politisch-moralische Legitimation der präsidialen Führung und der sie unterstützenden politischen Kräfte. Gleichwohl lässt sich diese Geschichtspolitik nicht auf eine machtpolitische Inszenierung der Staatsmacht reduzieren: Die christlich-religiös eingefärbten Zeremonien zum Gedenken an die Opfer des Holodomor im November 2005 und insbesondere im November 2006, die in Kiew unter dem Motto "Zünde eine Kerze an" stattfanden, illustrierten das verbreitete Bedürfnis der Bevölkerung, der Tragödie zu gedenken: Tausende Kiewer stellten vor dem Denkmal zum Holodomor auf dem Platz vor dem Michaelskloster eine Kerze zum Andenken an die Opfer der Hungersnot auf. Die vom Präsidenten anlässlich des Gedenktages eröffnete und stark besuchte Ausstellung "Freigegebene Erinnerung" im "Ukrainischen Haus" in Kiew präsentierte geheime Dokumente der sowjetischen Geheimpolizei NKWD zur Hungersnot und zu den politischen Repressionen des Stalinismus. Diese und ähnliche Ausstellungen in den Regionen sollten mittels der Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit die Intoleranz gegenüber jeder Form von Gewalt und die demokratische Entwicklung fördern.

Im Kontrast zu dem demokratischen und moralisch-patriotischem Impetus stehen jedoch einige strukturelle Kontinuitäten zwischen der Geschichtspolitik des Kutschma-Regimes einerseits und der heutigen Präsidialadministration sowie der Regierung andererseits. Ein Beispiel ist die nicht immer transparente Genese der Gründung des INP: Der Posten des Direktors und seiner Stellvertreter wurde entweder mit Politikern aus dem Umkreis des Präsidenten und des nationaldemokratischen Lagers oder mit "guten Patrioten" besetzt, die durchweg keine Historiker sind. Vor allem aber ist das Institut, das in der nationalen Gedenkstätte untergebracht werden soll, bisher eine rein virtuelle Veranstaltung ohne Adresse und Finanzierung; seine Genese entzieht sich weitgehend der Öffentlichkeit.[15] Insgesamt drängt sich daher der Eindruck auf, dass eine stark moralisierende Geschichtspolitik und ihre monumentalen Gedenkformen die Perpetuierung eines dieoffizielle Kulturpolitik kennzeichnenden postsowjetischen Klientelwesens und dessen Verhaltensweisen verschleiern sollen.

Fußnoten

15.
Zum Direktor ernannte der Präsident Ihor Juchnowsky, der von 1990 bis 2006 für die Nationalbewegung Ruch und später für den "Block Viktor Juschtschschenko Unsere Ukraine'" im Parlament saß und heute Mitglied des Rates der Präsidentenpartei "Volksunion Unsere Ukraine`" ist. Juchnowsky ist Physiker und leitet eines der Institute für Physik an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Dem Physiker, der bereits als Abgeordneter mit geschichtspolitischen Fragen befasst war und dort eine moderate Haltung einnahm, darf ein ernsthaftes Interesse an der Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit unterstellt werden. Bemerkenswert ist, dass der wissenschaftliche Sekretär des Instituts zum Stellvertreter ernannt wurde. Zum weiteren Stellvertreter wurde der Vorsitzende der Kiewer Organisation der Vasyl Stus-Gesellschaft "Memorial" ernannt. Krucyk war von 1994 - 1998 als Mitglied des Kongresses der Ukrainischen Nationalisten Abgeordneter im ukrainischen Parlament.