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8.2.2007 | Von:
Kathrin Walther
Barbara Schaeffer-Hegel

Karriere mit Kindern?!

Zentrale Ergebnisse der Studie

"Mein Beruf und meine Familie ergänzen sich für mich wunderbar. Mir stellte sich nie die Frage, im Beruf zurückzustecken oder weniger Engagement zu bringen, um mehr private Zeit zu haben. Ich hatte einfach den Wunsch, sowohl mein Kind so viel wie möglich zu sehen als auch beruflich erfolgreich zu sein. Es gab mir sogar einen Kick, dass ich nicht sagen konnte, wenn es mir zu viel wird, dann bleibe ich zu Hause. Meine Familie ist für mich eine unglaubliche Bereicherung. In der Firma lebt man ja oft in einer eigenen Welt mit spezifischen Zielen und Anforderungen, und ich genieße es sehr, eine private Welt dagegen setzen zu können." Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin HP Deutschland, Managerin des Jahres 2005.

Kinder und Karriere können sich gut ergänzen - das unterstreichen die Ergebnisse der Studie "Karrierek(n)ick Kinder". Die interviewten Frauen schöpfen nicht nur Lebensfreude, sondern auch Gewinn aus ihrer Familie - sowohl hinsichtlich ihrer persönlichen Zufriedenheit als auch hinsichtlich ihres beruflichen Erfolgs. So greifen nach Ansicht unserer Interviewpartnerinnen familienbezogene Kompetenzen und Führungskompetenzen ineinander und verstärken sich gegenseitig. Gelassenheit und Organisationsfähigkeit werden durch die Familiengründung gestärkt und kommen den Frauen auch im Beruf zugute. Sie sind gefordert, den eigenen Perfektionismus zu minimieren und stärker als bisher Aufgaben zu delegieren. Durch ihr effizientes Arbeiten unterstützen sie eine moderne Arbeitsorganisation, die zunehmend weniger Anwesenheit als vielmehr Ergebnisse bewertet und die Selbständigkeit im Team fördert. Potenziale von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden besser und früher erkannt. Damit üben Mütter in Führungspositionen eine Vorbildfunktion im Sinne moderner Personalführung und Unternehmensorganisation aus.

Die befragten Frauen sind hoch engagierte und motivierte Führungskräfte. Klarheit über die eigenen Ziele und Werte sowie sehr gute Organisationsfähigkeit und eine hohe Belastbarkeit und Stressresistenz sind aus ihrer Sicht unbedingt notwendig, um die teilweise extrem hohen Anforderungen, die an Mütter in Führungspositionen gestellt werden, über einen längeren Zeitraum erfolgreich zu bewältigen. Ein Leben ohne Berufstätigkeit ist für die meisten Frauen ebenso wenig vorstellbar wie ein Leben ohne Kinder. Dafür nehmen sie bewusst in Kauf, unter starkem zeitlichen Druck zu stehen und - zumindest vorübergehend - über wenig Zeit für eigene Interessen oder Freundschaften zu verfügen. "Ich verdeutliche mir immer wieder, dass ich im Moment einfach nicht so viel zähle. Es geht jetzt nicht darum, dass ich mich in meiner Freizeit verwirkliche, sondern dass wir als Eltern unseren Kindern zur Verfügung stehen. Das ist für jemand, der früher ein hedonistisches Double-income-no-kids-Leben hatte, durchaus ernüchternd. Aber dann sage ich mir: Es ist jetzt nicht meine Zeit, es ist unsere Zeit. Ich bin jetzt Teil eines größeren Ganzen." Abteilungsleiterin, 35 Jahre, drei Kinder, Großunternehmen.

Wir fragten unsere Interviewpartnerinnen, ob sie die Mutterschaft strategisch geplant haben: Gibt es den idealen Zeitpunkt? Nein, sagen die Ergebnisse der Studie. Es gibt zwar eine Tendenz zur späteren Geburt ab einem Alter von 30 Jahren, insgesamt gibt es jedoch kein einheitliches Muster. Eine Frau, die am Ende ihrer Schulzeit ihr erstes Kind bekam, konnte den beruflichen Aufstieg ebenso meistern wie diejenige, die sich zuvor durch verantwortungsvolle Funktionen im Unternehmen quasi unentbehrlich gemacht hatte.

Es gibt offenbar weniger den "richtigen Zeitpunkt" als vielmehr die "richtige Haltung". Die interviewten Frauen zeichnet einepragmatische und gleichzeitig proaktive Grundhaltung aus. Sie treten offensiv für ihre Interessen ein - sowohl im beruflichen wie im privaten Umfeld. Dabei verlieren sie jedoch die Anforderungen und Belange ihres Gegenübers nicht aus dem Blick. Ihre Haltung gegenüber dem Unternehmen ist von Kompromissbereitschaft geprägt und lässt sich als "Geben und Nehmen" beschreiben.

Auffällig ist, dass sehr viele der Befragten ihre Berufstätigkeit nach der Geburt des Kindes bzw. der Kinder nur kurz unterbrochen haben. Häufig erfolgte der Widereinstieg direkt nach dem Mutterschutz. Zwei Drittel der befragten Frauen haben ihre Berufstätigkeit nicht länger als sechs Monate unterbrochen. Frauen, die zum Zeitpunkt der Geburt bereits in einer Führungsposition waren, nahmen generell kurze Auszeiten. Unternehmerinnen stiegen oft sogar schon wenige Tage nach der Geburt wieder ein - hier verschmelzen berufliches und privates Leben stark miteinander. "Nach fünf Tagen habe ich wieder im Büro gesessen. Meine Schwiegermutter war im Haus und hat die Kinder betreut. Dadurch, dass der Betrieb neben dem Wohnhaus liegt, gab es da keine räumliche Trennung. Die Kinder wussten immer, wo ich bin. Es ist ja egal, ob ich in der Küche stehe oder im Büro sitze. Wichtig ist, dass die immer rein konnten. Da kannten sie auch nichts, mit Eis verschmiert oder mit Regenschirm und Gummistiefeln kam die Kleine hier rein. Da konnte der Vorstand irgendeines Unternehmens hier sitzen, das war egal. Das wussten meine Kinder, dass ich immer für sie erreichbar bin." Geschäftsführende Gesellschafterin, 55 Jahre, 2 Kinder, mittelständisches Unternehmen.

Frauen, die in großen oder mittelständischen Unternehmen angestellt sind, verfügen in der Regel über weniger Gestaltungsspielraum. Doch haben alle Befragten individuelle Regelungen zur Flexibilisierung von Arbeitzeit und Arbeitsort vereinbaren können. Häufig wird ein Teil der Arbeit in die Abendstunden verschoben und dann am Schreibtisch zu Hause erledigt. Das gibt den Müttern die Freiheit, auf unvorhergesehene Situationen wie die Krankheit des Kindes oder den Ausfall der Kinderbetreuung flexibel zu reagieren und Freizeitaktivitäten mit den Kindern auch einmal in der Woche nachgehen zu können.

Die Möglichkeit, Arbeitszeit in Teilen flexibel gestalten zu können, ist den Befragten erheblich wichtiger als eine Reduzierung. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmerinnen der Studie üben ihre Führungsposition in einer Vollzeittätigkeit aus, deren wöchentlicher Umfang zwischen 40 und 60, in einigen Fällen bei 70 Stunden liegt. Ein Viertel der Frauen hat nach der Rückkehr aus dem Mutterschutz oder der Elternzeit zunächst eine Teilzeittätigkeit ausgeübt, die meist nach einiger Zeit in eine Vollzeittätigkeit überführt wurde. "Ich habe direkt nach dem Mutterschutz wieder angefangen, Vollzeit zu arbeiten. Damals hatte ich die Vereinbarung mit meinem Chef, dass ich nachmittags immer zu einer bestimmten Zeit gehe. Er wusste, wenn er mich nach 16.30 Uhr braucht, erreicht er mich zu Hause oder mobil. Ich war immer zu erreichen. Ihn hat es nicht gestört, wenn Spielplatzgeräusche im Hintergrund zu hören waren." Bereichsleiterin, 41 Jahre, zwei Kinder, Großunternehmen.

Basis der Zufriedenheit unserer Interviewpartnerinnen ist ihre Sicherheit, dass die Betreuung der Kinder gewährleistet ist. Dabei erfordert die Sicherstellung der Kinderbetreuung eine hohe Organisationskompetenz. In der Regel handelt es sich dabei um einen Mix aus öffentlichen oder betrieblichen Kinderbetreuungsangeboten, zusätzlich privat finanzierter Kinderbetreuung sowie der Unterstützung durch den Partner, durch Familienangehörige und durch Freunde und Freundinnen. Die Mütter möchten dabei ihre Kinder nicht nur betreut, sondern auch gefördert wissen. Deshalb ist es aus ihrer Sicht problematisch, dass es keine verbindlichen Qualitätsstandards für die Kindertagespflege gibt. Gerade unter diesem Aspekt halten sie den flächendeckenden Ausbau bedarfsgerechter Kinderbetreuung für absolut dringlich.

Unsere Interviewpartnerinnen berichten von einer großen Zufriedenheit mit der Entwicklung ihrer Kinder. Sie erleben diese als sehr selbständig und kontaktfreudig und sind überzeugt, dass sich ihr Lebensmodell positiv auf die Kinder ausgewirkt hat. Natürlich gab es auch schwierige Situationen, in denen die Kinder insbesondere über zu wenig Zeit geklagt haben und es nicht leicht war, ihnen zu erklären, warum die eigene Familie anders lebt als die Kinder in ihrem Umfeld. Langfristig betrachtet erhielten die Frauen jedoch viele positive Rückmeldungen der Kinder und erlebten oft, dass sie für diese eine Vorbildfunktion ausüben.

Von elementarer Bedeutung für die erfolgreiche Vereinbarung von Kindern und Karriere ist die Unterstützung des Partners. Es gehört zu den auffälligsten Befunden der Studie, dass die Partner in der Mehrzahl der Fälle nicht nur die Karriere der befragten Frauen akzeptieren und moralisch unterstützen, sondern dass sie sich partnerschaftlich mit ihnen in die Familienpflichten teilen. Zwei Drittel der Väter kümmert sich stärker oder zu gleichen Teilen um den Haushalt und die Betreuung der Kinder. 14 Prozent der Partner haben Elternzeit in Anspruch genommen - eine Quote, die weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt von knapp fünf Prozent liegt. Viele Partner haben sich nach der Familiengründung bewusst Arbeitsbedingungen geschaffen, die es ihnen ermöglichen, Familienpflichten nachzugehen. Jedoch ist es nicht allen Männern gelungen, entsprechende Wünsche im eigenen Unternehmen durchzusetzen. Die Studie zeigt, dass es für Männer schwieriger ist als für Frauen, sich berufliche Freiräume zur Vereinbarung von Kindern und Karriere zu schaffen. "Im Beruf war es für mich sehr schwierig. Meine Kollegen und das Management konnten meinen Wunsch nach mehr Flexibilität zugunsten der Familie nur schwer akzeptieren. Das war für meine Frau wesentlich einfacher. Umgekehrt, im privaten Bereich, erhalte ich viel Anerkennung. Bei ihr wird es dagegen als selbstverständlich angesehen, dass sie sich um die Familie kümmert. Niemand lobt sie dafür oder hebt das besonders hervor." Referatsleiter, 37 Jahre, ein Kind, Großunternehmen.

In vielen Unternehmen gibt es inzwischen gute Ansätze zur Förderung der Familienfreundlichkeit. Trotzdem berichten unsere Interviewpartnerinnen, dass es noch keinen selbstverständlichen Umgang mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt. So mussten die befragten Mütter in Führungspositionen vereinbarkeitsfreundliche Regelungen immer wieder selbst vorschlagen und einfordern. Unterstützende Beratung oder ein professionelles Personalmanagement, das den Umgang mit Vereinbarkeit systematisiert, gab es kaum.

Die dezidierte Förderung durch (informelle) Mentoren oder durch die Personalabteilung wurde in vielen Fällen als entscheidend für die eigene berufliche Weiterentwicklung erlebt, da sich die Frauen mit starken Widerständen im beruflichen Umfeld konfrontiert sahen. Häufig wurde ihnen mit der Geburt eines Kindes automatisch ein nachlassendes Interesse an beruflichem Erfolg unterstellt. Sie mussten sehr deutlich signalisieren, dass sie ihre beruflichen Ambitionen auch mit Familie verfolgen und ihre Leistung weiter ins Unternehmen einbringen wollen. "Die Vorwürfe von außen waren teilweise extrem. Warum schaffst Du Dir Kinder an, wenn du Dich nicht um sie kümmerst?` Das ist so schlimm gewesen, dass ich über Jahre meine Kinder gar nicht erwähnt habe. Viele Kollegen haben nie erfahren, dass ich Kinder habe. Es war eine bewusste Entscheidung, das nicht zu sagen. Ich wollte mich schützen. Denn sonst fragen alle entsetzt, wie ich das hinkriege, und dann kommt man permanent in eine Verteidigungsposition. Das wollte ich vermeiden." Geschäftsführerin, 44 Jahre, zwei Kinder, Großunternehmen.