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31.1.2007 | Von:
Manfred Brocker

Die Christliche Rechte in den USA

Die Christliche Rechte

Bis in die 1970er Jahre hinein war der amerikanische Evangelikalismus weitgehend unpolitisch. Erst danach kam es - in Reaktion auf die Protestaktivitäten linksliberaler sozialer Bewegungen wie der Studenten-, Friedens-, Frauen- und Homosexuellenbewegung, auf die Entstehung einer studentisch geprägten "Gegenkultur" mit ihrer Ablehnung von protestantischer Leistungsethik und bürgerlicher Sexualmoral und vor allem aufgrund verschiedener Urteile des Obersten Bundesgerichts, die das Morgengebet und die Bibellektüre an öffentlichen Schulen verboten und die Abtreibung legalisierten - zu einer (partiellen) politischen Mobilisierung.[6]

Fundamentalistische Radio- und Fernsehprediger wie Jerry Falwell, James Robison und Timothy LaHaye riefen jetzt eigene Organisationen ins Leben und warben unter ihren Zuschauern und in ihren Gemeinden Mitglieder und Aktivisten an. Seit Ende der 1980er Jahre betätigten sich zudem Geistliche und Laien anderer evangelikaler Strömungen als politische Unternehmer und gründeten Organisationen wie "Christian Coalition", "Family Research Council" und "American Family Association". Neben "Fundamentalisten" wurden so nun zunehmend auch "Neo-Evangelikale", "Pfingstler" und " Charismatiker" in größerer Zahl politisch aktiv.

Besonders effektiv agierte in den 1990er Jahren die "Christian Coalition", die der Fernsehprediger Pat Robertson nach seiner gescheiterten Präsidentschaftskandidatur 1988 ins Leben gerufen hatte. Ihren enormen Erfolg verdankte sie ihrem lokalen, dezentralisierten Aufbau. Während ältere Organisationen wie die kurzlebige "Moral Majority" allein auf der nationalen Bühne politisch tätig geworden waren und langfristig kaum Mitglieder an sich hatten binden können, gründeten Robertson und sein Generalsekretär Ralph Reed gezielt lokale und regionale Untergliederungen, für deren Leitungsgremien sie keine Geistlichen, sondern Geschäftsleute, Hausfrauen, Lehrer und Pensionäre rekrutierten.

Bis 1998 wuchs die "Christian Coalition" stetig: Die Zahl ihrer Mitglieder stieg von 25 000 im Jahr 1990 auf 2,1 Millionen im Jahr 1998. Danach allerdings verlor sie deutlich an Zuspruch. Innerorganisatorische Querelen und personalpolitische Fehlentscheidungen des Gründers verursachten den Niedergang der in den 1990er Jahren öffentlichkeitswirksamsten Gruppierung. Im Ganzen veränderte sich dadurch die Zahl der Anhänger der Christlichen Rechten allerdings kaum: Ähnlich einem System kommunizierender Röhren konnten die Verluste dort durch steigende Mitgliederzahlen bei anderen Gruppierungen aufgefangen werden. Insgesamt dürften heute etwa sechs Millionen Bürgerinnen und Bürger als Mitglieder und 100 000 bis 150 000 als Aktivisten zur Christlichen Rechten zu zählen sein; mehr als 15 Prozent aller Wähler bekunden in Umfragen Sympathien für die Organisationen.[7]

Von Beginn an versuchte die Christliche Rechte auf die Grundstrukturen der soziokulturellen Normierung Einfluss zu nehmen. Doch während in den achtziger Jahren der Kampf für die moralische Erneuerung der Gesellschaft als Feldzug gegen den Liberalismus, Humanismus, Feminismus und Säkularismus verstanden worden war, dominieren seit den neunziger Jahren konkretere politische Forderungen die Programme. Innenpolitisches Ziel der Christlichen Rechten ist es, durch ein Verbot der "Homo-Ehe",[8] der Internet-Pornographie und des (Internet-) Glücksspiels, ein Verbot der Abtreibung,[9] der Euthanasie, der Stammzellforschung und des Klonens, die Wiedereinführung des Schulgebets, die Berücksichtigung der biblischen Schöpfungsgeschichte (statt der Darwin'schen Evolutionstheorie) im Biologieunterricht, die staatliche Förderung religiöser (evangelikaler) Privatschulen u.a. die christlich-protestantisch geprägte "Leitkultur" der USA in ihrem Sinne wieder herzustellen und den seit den 1960er Jahren beschleunigten Prozess der soziokulturellen Modernisierung und Liberalisierung aufzuhalten bzw. umzukehren. Sie betrachten Amerika als erwählte Nation, deren christliche Grundlagen erhalten werden müssten, um Gottes Schutz und Gnade nicht zu verlieren.

Außenpolitisch vertrat die Christliche Rechte lange Zeit eher eine isolationistische denn eine aktiv-interventionistische Position: Amerika wurde als "exemplar nation" gesehen, als Vorbild für die Welt, nicht als " crusader state". Der 11. September 2001 und der Beginn des Irakkrieges bewirkten jedoch - parallel zum allgemeinen Trend in der Bevölkerung - eine Änderung ihrer Haltung und führten zu einer Allianz mit den Neo-Konservativen, die eine unilaterale Politik der Interventionen befürworten.[10] Diese Verbindung ist erstaunlich, da beide Gruppen in ideologischer Hinsicht und bei der Beurteilung anderer politischer Fragen durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten.[11]

Eher typisch für die Christliche Rechte ist die Ablehnung Internationaler Organisationen (wie der UNO, UNESCO etc.), die in ihren Augen die Souveränität der USA bedrohen und durch Konferenzen und das Lancieren internationaler Konventionen eine "säkular-liberale", "antichristliche" Politik betreiben. Genannt werden etwa die UN-Konferenz über die Rechte der Frauen und über Bevölkerungspolitik, die UN-Konvention über die Rechte der Kinder oder das UN-Biosphären-Programm.

Starke Unterstützung findet bei der Christlichen Rechten der Staat Israel. Die Forderung nach einer israelfreundlichen Politik der US-Regierung wird dabei eschatologisch begründet: Danach gilt die Gründung des Staates Israel als Zeichen für die bevorstehende Wiederkehr Christi, die ohne die Existenz eines jüdischen Staates in seinen biblischen Grenzen nicht erfolgen könne. Insofern spricht man sich u.a. gegen die Rückgabe besetzten Landes und gegen die Gründung eines eigenen Palästinenserstaates aus.

Weiterhin setzt sich die Christliche Rechte für die Religionsfreiheit "in Übersee" ein und protestiert gegen "Christenverfolgungen" in China und in muslimischen Ländern wie dem Sudan, gegen die nach ihrer Auffassung Handelssanktionen verhängt werden sollten. Insbesondere der Islam ist seit den Anschlägen des 11. September 2001 zu einem neuen Feindbild avanciert. Führer der Christlichen Rechten sehen in ihm eine "böse, unmenschliche Religion", die einen "Heiligen Krieg" gegen den ("christlichen") Westen führe.[12] Diese Herausforderung müsse man annehmen und sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen.

Fußnoten

6.
Vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 35ff.
7.
Vgl. Clyde Wilcox, Whither the Christian Right? The Elections and Beyond, in: ders./Stephen J. Wayne (Eds.), The Election of the Century, Armonk, N. Y.-London 2002, S. 116f.
8.
84 Prozent der weißen Evangelikalen missbilligen die Zulassung von gleichgeschlechtlichen Ehen, 73 Prozent sprechen sich auch gegen "eingetragene Lebenspartnerschaften" für Homosexuelle aus. Der Unterschied zum Bevölkerungsdurchschnitt ist in dieser Frage allerdings nicht besonders groß: Nur 25 Prozent unterstützen die "Homo-Ehe", 35 Prozent die eingetragene Lebenspartnerschaft ("civil union"); vgl. David Brooks, The Values-Vote Myth, in: New York Times on the Web, 6. 11. 2004 (14. 11. 2005).
9.
Evangelikale lehnen mehrheitlich das in den USA bestehende (sehr liberale) Abtreibungsrecht ab, doch für ein ausnahmsloses Verbot plädiert nur eine Minderheit; vgl. C. Wilcox (Anm. 5), S. 49ff.
10.
In der Außenpolitik räumen jetzt 40 Prozent der Evangelikalen dem Aufbau militärischer Stärke die oberste Priorität ein und 30 Prozent dem Kampf gegen den Terrorismus; vgl. Poll: America's Evangelicals More and More Mainstream But Insecure, in: Religion & Ethics News Weekly vom 16. 4. 2004; http://www.pbs.org/wnet/religionandethics/week733/p-release.html (16. 11. 2006).
11.
Vgl. Tarek Mitri, In Gottes Namen? Politik und Religion in den USA, Frankfurt/M. 2005, S. 131ff.; Stefan Halper/Jonathan Clark, America Alone. The Neo-Conservatives and the Global Order, Cambridge 2004, S. 18ff.
12.
Martin Kilian, Eine böse, verdorbene Religion, in: Die Weltwoche, (2003) 7; http://www.weltwoche.ch; Verbal Attacks on Muslims by Conservative Christians, in: http://www.religioustolerance.org/reac_ter 18.htm (15. 11. 2006).