APUZ Dossier Bild

31.1.2007 | Von:
Manfred Brocker

Die Christliche Rechte in den USA

Erfolgsbilanz

Überblickt man die 30 Jahre ihrer Existenz, so hat die Christliche Rechte einen Lern- und Anpassungsprozess durchlaufen, der ihre organisatorische Struktur gestärkt und ihr Strategienrepertoire erweitert hat. Sehr viel besser als in den Anfangsjahren gelingt es ihr heute, Mitglieder langfristig an sich zu binden, stabile Finanzierungsquellen aufzutun und sich als seriöser "Mitspieler" im politischen Prozess in Szene zu setzen.[28]

Doch trotz der erfolgreichen Anpassung an die Funktionsimperative des politischen Systems und der positiven innerorganisatorischen Entwicklung blieben größere Erfolge bei der Durchsetzung der Agenda aus. Zwar zeigten ihre Lobbyaktivitäten bisweilen durchaus Wirkung: So wurden gesetzgeberische Maßnahmen zum Schutz von Homosexuellen vor Diskriminierung im Kongress wiederholt blockiert; "Abstinence only"-Programme" (statt des früheren Sexualkundeunterrichts) werden inzwischen an vielen öffentlichen Schulen durchgeführt und vom Kongress finanziell unterstützt. Das milliardenschwere Programm zur Bekämpfung von AIDS in Afrika und der Karibik wurde im Kongress so formuliert, dass vor- und außereheliche Enthaltsamkeit als Leitbild vermittelt werden muss. Zudem reaktivierte Bush die "Mexico City Policy", wonach keine staatlichen Gelder an Organisationen fließen dürfen, die in ihren Familienplanungsprogrammen Abtreibung nicht ausschließen. Aus eben diesem Grund wurde dem "UN Fund for Population Activities" die Zuweisung von bereits bewilligten Mitteln durch den Präsidenten verweigert. Weiterhin erhebt der "International Religious Freedom Act" von 1998 die Verteidigung der Religionsfreiheit zu einem wesentlichen Ziel der amerikanischen Außenpolitik.

Ihre zentralen Anliegen aber konnte die Christliche Rechte letztlich nicht durchsetzen: So bleibt das Schulgebet an den öffentlichen Schulen verboten, und auch die Abtreibungsentscheidung des Obersten Bundesgerichts von 1973 (Roe v. Wade) erfuhr keine Revision. Weder wurde die Pornographie vollständig illegalisiert noch der Zugang zu ihr via Internet oder Kabelfernsehen effektiv eingeschränkt. Darwins Evolutionstheorie wird weiterhin an den öffentlichen Schulen unterrichtet, die zudem nach wie vor "säkular humanistische" Lehrbücher verwenden und ihre Curricula multikulturell ausrichten.

Zwar gelang es der Christlichen Rechten, die öffentliche Diskussion über die Bedeutung von Werten und die Grundlagen der Moral wiederzubeleben und zu intensivieren. Tatsächlich ist die "religiöse Rede" ("God Talk") in der Öffentlichkeit längst wieder hoffähig geworden, und selbst viele demokratische Bewerber präsentierten sich in ihren Wahlkämpfen 2006 häufig als "people of faith". Doch Auswirkungen auf den sozialen und politischen Wandel in den USA hatte all dies nicht. Vielmehr zeigen Umfragen, dass die Einstellung der amerikanischen Bevölkerung zur Stellung der Frau in der Gesellschaft, zur Homosexualität, zur Pornographie und zu anderen soziomoralischen Fragen (mit Ausnahme der Abtreibung) nach der Jahrtausendwende liberaler ist als 30 Jahre zuvor, als die Christliche Rechte ihre Anhänger politisch zu mobilisieren begann.[29] Das selbst gesteckte Ziel, die in der "jüdisch-christlichen Tradition" der USA begründete Werteordnung gegen das Vordringen "individualistisch-hedonistischer" Auffassungen und Lebensformen zu verteidigen oder diesen Trend gar umzukehren, hat sie damit eindeutig verfehlt. Im Hinblick auf ihren gesamtgesellschaftlichen Einfluss, so lässt sich abschließend sagen, fällt die Christliche Rechte deutlich hinter andere soziale Bewegungen des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise die Bürgerrechts- oder die Frauenbewegung zurück.

Fußnoten

28.
Vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 283ff.
29.
Dies gilt vor allem für die jüngeren Alterskohorten; vgl. C. Wilcox (Anm. 5), S. 147-153; Brookings Institution (Anm. 27), S. 56ff.; Carolyn Lochhead, Bush rallies the right on same-sex marriage, in: San Francisco Chronicle vom 6. 6. 2006, S. A1.