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4.1.2007 | Von:
Horst Möller

Demokratie und Diktatur

Für eine integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte sind eine Auswahl der phasenbeschränkten Themen und die Wertentscheidung angesichts des Gegensatzes von Demokratie und Diktatur unverzichtbar.

Einleitung

Ist es möglich, trotz der fundamentalen Gegensätzlichkeit von Demokratie und Diktatur, trotz der Zugehörigkeit der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zu gegensätzlichen und potenziell feindseligen politischen und militärischen Blöcken, eine integrierte gesamtdeutsche Nachkriegsgeschichte zu schreiben? Anders gefragt: War die Geschichte der DDR nicht in gleichem Maße deutsche Geschichte wie die der alten Bundesrepublik? Spielten die Analogien zwischen den Staaten der Europäischen Union und der NATO einerseits sowie des COMECON und des Warschauer Pakts andererseits eine größere Rolle als die deutsch-deutschen Gemeinsamkeiten? Und schließlich: Wie abhängig war die DDR von der Sowjetunion, wie groß ihre Autonomie gegenüber der imperialen Hegemonialmacht des Ostblocks?






In der Historiographie herrschte lange der Eindruck vor, die Geschichte der Bundesrepublik sei Teil der Geschichte Westeuropas, die der DDR sei ein Forschungsfeld für Osteuropa- oder für Kommunismushistoriker. Zwar wurde die Besatzungszeit bis 1949 noch gemeinsam behandelt, zwar wurden die internationalen Beziehungen und vor allem die Sicherheitspolitik noch unter Einbeziehung beider deutscher Nachkriegsstaaten dargestellt, doch schon die fünfziger Jahre wurden bis zu Ernst Deuerleins Buch "Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 - 1955" (1963/1964) normalerweise getrennt für beide Staaten abgehandelt. Erst Thilo Vogelsangs Band in der vom Institut für Zeitgeschichte publizierten dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts widmete sich unter dem Titel "Das geteilte Deutschland" konsequent beiden deutschen Staaten, in der 1. Auflage 1966 bis zu den sechziger Jahren, in der 9. und letzten zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Auflage 1978 bis einschließlich der siebziger Jahre.

Seitdem sind eine Reihe von Autoren diesem Beispiel gefolgt, beispielsweise Adolf M. Birke, am stärksten, aber ungleichgewichtig Christoph Kleßmann, sowie Peter Graf Kielmansegg. Doch sind die Mehrzahl der einschlägigen Veröffentlichungen nach wie vor entweder der Bundesrepublik oder der DDR gewidmet, was sich nicht allein aus der Spezialisierung der Forschung erklärt, sondern aus der Differenz der west- und der ostdeutschen Entwicklung, die einer gemeinsamen Untersuchung auch scheinbar analoger Themen widerstrebt. Anders als Konrad Jarausch in seinem lesenswerten Aufsatz "Die Teile als Ganzes erkennen. Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten" glaube ich nicht, dass dieser Tatbestand auch auf eine "Unbeweglichkeit der Wissenschaft" zurückgeht, sondern sehe die fundamentale Gegensätzlichkeit beider politischer Systeme und die Integration in konträre Blöcke als entscheidend an.

Auch identische Begriffe, etwa die Termini "demokratisch", "Wahlen", "Partei", zeigen das plastisch: Am unaufhebbaren Gegensatz von Demokratie und Diktatur ändert auch die Tatsache nichts, dass sich unter beiden Phänomenen unterschiedliche Herrschaftstypen subsumieren lassen. Jede Verwischung dieser fundamentalen Dichotomie, jedes Spielen mit Begriffen verkennt, dass die Entscheidung für die Demokratie die Entscheidung für eine Wertordnung ist und es in Diktaturen zwar Nischen gibt, aber prinzipiell keinen Sektor, der vom politischen System Autonomie beanspruchen dürfte, wenn die Herrschenden sie nicht selbst - aus welchen Gründen auch immer - zulassen. In einer Demokratie ist die Opposition legal, in ihr gibt es keinen legitimen Widerstand, in der Diktatur ist Opposition illegal und folglich ist Widerstand legitim.