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4.1.2007 | Von:
Horst Möller

Demokratie und Diktatur

Gemeinsame Wurzeln

"Eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesregierung kann nicht in Betracht kommen. Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen zueinander können nur von besonderer Art sein." Dieser Satz in der ersten Regierungserklärung von Willy Brandt als Bundeskanzler am 28. Oktober 1969 charakterisiert treffend das Paradoxon, mit dem wir es zu tun haben: So gegensätzlich beide Staaten und Gesellschaftsordnungen waren, so sehr sie in feindliche Blöcke integriert waren und nur als deren Teil zu analysieren sind, so zweifelsfrei bleibt doch: Beide sind Teil der deutschen Geschichte, und selbst in ihrer Gegensätzlichkeit waren sie aufeinander bezogen. Für die Bundesrepublik galt bis 1989 das für alle Verfassungsorgane verpflichtende Gebot der Wiedervereinigung Deutschlands, sie verstand sich selbst zumindest staatsrechtlich und lange Zeit auch faktisch als Provisorium. Der Titel des bedeutenden Werks von Andreas Wirsching "Abschied vom Provisorium" trifft denn auch für die Jahre 1989/90 den Kern. Aber auch die frühe Magnettheorie, der Konrad Adenauer und Kurt Schumacher gleichermaßen anhingen - die Bundesrepublik müsse so attraktiv werden, dass die DDR gar nicht anders könne, als sich ihr anzuschließen -, zeigt diese Bezüglichkeit beider Staaten.

Auch die DDR hielt anfangs am Ziel der Wiedervereinigung fest, wenngleich unter kommunistischer Herrschaft, lange rang sie auch mit dem Begriff der Nation, bevor sie zur Definition einer "sozialistischen" Nation gelangte. Wie immer man diese Diskussionen im Einzelnen bewertet, die gemeinsamen historischen Voraussetzungen einer tausendjährigen Geschichte, die sich im Begriff der Nation spiegeln - Herkunft, Sprache, christliche Konfession, daraus resultierende gemeinsame Kultur -, wurden durch die Teilung Deutschlands nicht außer Kraft gesetzt: Die Suspendierung der "Staatsnation" bedeutete nicht die Beseitigung der Kulturnation. In der Betonung dieses Zusammenhangs sehe ich weder eine "Renationalisierung" der deutschen Geschichte noch eine Rückkehr zu einer seit einiger Zeit als nationale "Meistererzählung" bezeichneten Historiographie. So modisch dieser Begriff ist, so wenig sagt er aus. Ich verstehe auch die Berührungsängste mit dem Begriff national in diesem Zusammenhang nicht, denn was heißt integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte anderes, als einen gemeinsamen nationalen Bezugspunkt zu wählen? Die hier erkennbaren Reflexe wären ein anderes Thema. Ohnehin bedeutet "Nationalstaat" unter den Bedingungen einer zugunsten der europäischen Integration reduzierten nationalen Souveränität etwas anderes als vorher.

Schließlich definierte sich die DDR als "bessere" Alternative der deutschen Geschichte und entwickelte eine eigene Traditionspflege, die durch das marxistische Geschichtsbild geprägt wurde: Zu dieser sozialistischen Ahnenpflege gehörten die so genannte frühbürgerliche Revolution, die materialistische Minorität innerhalb der Aufklärung, Karl Marx und Friedrich Engels, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, schließlich die KPD in der Weimarer Republik und vor allem der kommunistische Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Mit gewissem Recht konnten diese Entwicklungslinien betont und damit die DDR aus dem Odium befreit werden, sie sei lediglich ein sowjetisches Besatzungsregime. Solche Traditionsbildung bezog zentrale Sektoren der Kultur ein: So wurde die deutsche Klassik und ihr Humanitätsideal in den "Nationalen Gedenkstätten der deutschen Literatur" in Weimar gleichsam zur ideellen Vorgeschichte der DDR verklärt. Mit anderen Worten: Die DDR sah sich selbst als eine der möglichen Konsequenzen der deutschen Geschichte, genauer: als deren fortschrittliche und zukunftsorientierte Alternative. Dieses Selbstverständnis ändert nichts an der Gültigkeit der Interpretation Peter Graf Kielmanseggs, es habe zwei deutsche Staaten gegeben: einen zukunftsfähigen, die Bundesrepublik, und einen ohne Zukunft, die DDR.

Für die Bundesrepublik lassen sich ähnliche Rekurse auf die Klassik und andere ideen- und kulturgeschichtliche Voraussetzungen feststellen. Indem sie sich auf liberale Verfassungs- und Rechtstraditionen der deutschen Geschichte vor 1933, auf die Revolution von 1848/49, auf die Weimarer Verfassung, auf parlamentarische und parteipolitische Vorläufer und ebenfalls auf den Widerstand gegen Hitler - vor allem den christlichen sowie den militärischen Widerstand, auch den demokratischer Politiker - bezog, definierte sich ihre neue politische Ethik ebenfalls im Rekurs auf Tendenzen der Geschichte. Neben diese positive Konnotation trat eine negative - die Abgrenzung: Der antitotalitäre Grundkonsens aller demokratischer Parteien richtete sich nicht allein gegen die totalitären Diktaturen des Nationalsozialismus und des Bolschewismus, sondern auch gegen die DDR-Diktatur. Auch hier findet sich eine direkte Bezüglichkeit. Beide denkbar gegensätzlichen Staaten bildeten also füreinander das Gegen- und Schreckbild und begründeten dies unter anderem historisch im Rekurs auf die gemeinsame deutsche Geschichte, wobei das Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands eine zentrale Rolle spielte.

Während die DDR jegliche Verantwortung für das NS-Regime von sich wies und die Bundesrepublik immer wieder des Neonazismus und Militarismus bezichtigte, sah sich die Bundesrepublik in der gesamtstaatlichen Verantwortung für dieses negative Erbe und zahlte im Unterschied zur DDR Entschädigungszahlungen in großer Höhe, bis zur Wiedervereinigung mit den bis dahin eingegangenen weiteren Verpflichtungen etwa 130 Milliarden DM. Die DDR verstand sich als antifaschistisch nicht nur in dem Sinne, in dem die Bundesrepublik dies auch tat, sondern bezichtigte die Bundesrepublik faschistischer Tendenzen. Die DDR bestand buchstäblich aus lauter Antifaschisten und nahm für sich in Anspruch, die Linien des - kommunistischen - Widerstands gegen Hitler zu verlängern. Jurek Becker hat einmal gespottet: Es gab während des NS-Regimes 10 000 Widerstandskämpfer, und zwei Millionen davon lebten später in der DDR.

Wie andere Autoren auch meine ich, dass der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und die katastrophale Niederlage des deutschen Nationalstaats in seiner nationalsozialistischen Variante als gemeinsamer Ausgangspunkt für Ost und West konstitutiv war: Deshalb war dieser historische Bezug für die Nachkriegspolitik und die deutsche Erinnerungskultur, aus der heraus sich eine Nation ebenfalls konstituiert, entscheidend. Doch setzt hier wie sonst eine integrierte Geschichte voraus, eine hinreichende Kenntnis der jeweiligen Entwicklung zu haben. Diese ist aber noch längst nicht erreicht, wie allein schon ein Blick auf die vielberufene "Vergangenheitsbewältigung" zeigt: Hier hat man sich viel zu lange mit Stereotypen begnügt, die den eigenen politischen Prämissen entsprachen. Wie wir aber aus jüngsten Veröffentlichungen über die DDR sehen, hat sie diese "Vergangenheitsbewältigung" in einer Weise politisch instrumentalisiert, dass es kaum möglich ist, ihre Abrechnung mit dem Nationalsozialismus als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen, die einer vermeintlichen bis in die 1960er Jahre dauernden Verdrängung im Westen gegenüberzustellen wäre.

Ein Projekt, welches das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin gemeinsam mit dem Archiv von Yad Vashem durchführt, erbrachte allein für unseren ersten Bearbeitungsteil der alten Bundesrepublik 37 000 Ermittlungsverfahren gegen ca. 165 000 Personen in den Jahren 1949 bis 1989. Dass der prozentuale Anteil der tatsächlich durchgeführten Strafverfahren im Verhältnis zu den Ermittlungsverfahren in der DDR größer war, lag an den Voraussetzungen einer politischen und nicht rechtsstaatlichen Justiz. Trotz dieser vorläufigen Einschätzung wird man die Sammlung der einschlägigen DDR-Akten und ihre Auswertung, an denen wir derzeit arbeiten, abwarten müssen.

Grundsätzlich aber zeigt sich hier: Eine gelungene "asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte", wie Konrad Jarausch und Christoph Kleßmann das nennen, setzt weiterhin die separate Erforschung der Teile voraus, bevor sie aufeinander bezogen werden können. Und da handelt es sich durchaus um Phänomene, die mit diesem Begriff zu charakterisieren sind, immer wieder aber auch um solche, die mit dem Begriff Parallelgeschichte kaum zu fassen sind, weil entgegengesetzte Wege eingeschlagen wurden, für die in manchen Bereichen eher die Begriffe Dualismus oder Dialektik treffend sind - Teilgeschichten, die aber oftmals auch völlig unverbunden waren.