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4.1.2007 | Von:
Günther Heydemann

Integrale deutsche Nachkriegsgeschichte

Es stellt ein schwieriges historiographisches Problem dar, eine integrale deutsche Nachkriegsgeschichte zu verfassen. Sperrt sich die Historie der Historiographie? Oder handelt es sich um eine "Krise der Geschichtsschreibung"?

Einleitung

Ob man Josef W. Stalins bombastischem Diktum folgt, die Gründung der DDR stelle einen "Wendepunkt in der Geschichte Europas" dar,[1] oder eher dem sarkastischen Ausspruch von Stefan Heym, die DDR verkörpere nach ihrem Ende nur noch eine "Fußnote in der Geschichte" - die historische Wahrheit liegt nicht einmal in der Mitte. Doch worin besteht die geschichtliche Relevanz des SED-Staates? Wie ist die DDR international und national während ihrer vierzigjährigen Existenz zu verorten, und auf welche Weise kann der zweite deutsche Staat historiographisch angemessen beschrieben und beurteilt werden?






Obwohl es hierzu bereits seit Jahren eine intensive Debatte gibt, konnten diese Fragen bis heute nicht abschließend beantwortet werden. Es fehlt nicht an umfassenden Darstellungen.[2] Doch offensichtlich stellt es nach wie vor ein schwieriges historiographisches Problem dar, eine integrale deutsche Nachkriegsgeschichte zu verfassen. Sperrt sich die Historie der Historiographie? Oder handelt es sich weniger um eine "Krise der Geschichte" als vielmehr um eine "Krise der Geschichtsschreibung", wie dies schon vor längerem Joachim Fest konstatiert hat? Denn letztlich muss es "aller Geschichtsschreibung, die den Namen verdient", darum gehen, "dem gesamten Erkenntnismaterial einer Zeit Ordnung, Zusammenhang und Form zu geben, in dem Bewusstsein, dass jedes Werk auf Öffentlichkeit zielt".[3] Weshalb ist es deutschen Historikern bisher nur ansatzweise gelungen, eine "Meistererzählung" gemeinsamer deutscher Nachkriegsgeschichte vorzulegen, die doch trotz ihrer diametralen Doppelung immer auch die Geschichte aller Deutschen war?

Dass die angemessene Einbeziehung der Geschichte der SBZ/DDR in die jüngste deutsche Geschichte das entscheidende Problem darstellt, wird kaum verwundern. Schon seit längerem wird ihre Historisierung, d.h. ihre stärkere Einbettung in den Gesamtverlauf deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert gefordert. Ihre außerordentlich intensive Erforschung seit 1990 hat nicht selten zu einer historiographischen Vereinzelung geführt, in welcher der historische Kontext manchmal marginalisiert wurde. Doch wenn Geschichte erzählen zugleich immer auch heißt, die Vorgeschichte zu erzählen, dann gilt das vielleicht ganz besonders für die jeweils spezifische Entwicklung beider deutscher Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.[4] Dieser zentrale historische Tatbestand wird in der wissenschaftlichen Debatte um die Konzeption einer deutschen Nachkriegsgeschichte bisweilen unterbelichtet - tatsächlich aber reicht er bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts zurück. Hier handelt es sich um historische Vorbedingungen bzw. -belastungen, von denen nach dem Ende des Krieges die bis 1949 noch nicht einmal existenten beiden deutschen Staaten betroffen waren.

Zunächst schlägt der extrem diskontinuierliche Verlauf deutscher Geschichte zu Buche - ein Faktor von essentieller (Nach-)Wirkung für die deutsche Geschichte insgesamt. Im Verlauf der vergangenen 130 Jahre ist sie von einer "Kontinuität der Brüche" (Rudolf Vierhaus) gekennzeichnet; das stellt ihr historisches Charakteristikum dar. Genannt seien nur die Daten 1870/71, 1914/18, 1933, 1945/49, 1989/90. Diese Jahreszahlen mögen auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, sie sind es aber keineswegs, wenn man sich kollektive und individuelle Biographien während dieses Zeitraums vor Augen hält. Die inzwischen fast ausgestorbene Generation von Deutschen, die noch im Kaiserreich geboren wurde und in der Weimarer Republik aufgewachsen ist, haben als Kinder und Jugendliche die NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg erlebt; nach Kriegsende setzten sie ihr Leben in einer der vier Besatzungszonen fort. Mit Gründung der beiden deutschen Staaten im Herbst 1949 haben sie ihr Leben dann entweder in der Bundesrepublik oder in der DDR verbracht- manche z. T. auch in beiden Staaten, um dann nach 40 Jahren der Teilung Deutschlands durch die friedliche, demokratische Revolution in der DDR vom Herbst 1989 seit dem 3. Oktober 1990 wieder in einem deutschen Nationalstaat zu leben. Im Verlauf ihrer Biographie haben einige von ihnen somit in sechs verschiedenen Staaten bzw. Staatswesen (i.e. Besatzungszonen) gelebt, fünf Staatsformen erlebt und dabei zwei Weltkriege überlebt. Für eine kollektive Mehrheit von Deutschen dieser Generation(en) stellt das eine vergleichsweise "normale" Biographie dar; gleichwohl blieben sie trotz der mehrmaligen Staatswechsel hinsichtlich ihrer Staatsangehörigkeit immer Deutsche.

Nicht wenige Angehörige dieser Alterskohorte sahen sich in der gleichen Zeit auch mehrfach gezwungen, ihre Staatsangehörigkeit zu wechseln. Wer z.B. noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs in Westpreußen geboren wurde, wurde Ende 1918 polnischer Staatsangehöriger, um 1939 erneut Deutscher zu werden. Nach 1945 wurde er wieder Pole, wobei in einigen Fällen Deutsche als polnische Staatsangehörige auch in der Volksrepublik Polen blieben.[5] Die große Mehrzahl der Deutschen aus diesen oder anderen ehemaligen Ostgebieten wurden nach Flucht und/oder Vertreibung Staatsangehörige der DDR oder der Bundesrepublik.

Das führt zu einem zweiten, eng damit zusammenhängenden Problem: Wo hat deutsche Geschichte eigentlich stattgefunden? Bekanntlich unterlagen auch die Staatsgrenzen im o.g. Zeitraum einem massiven Wandel.[6] Wenn es darum geht, eine umfassende deutsche Nachkriegsgeschichte zu schreiben, kann diese nicht nur auf das Gebiet der Besatzungszonen nach 1945 bzw. der beiden deutschen Staaten nach 1949 beschränkt bleiben, vielmehr müssen auch die beträchtlichen territorial-staatlichen Veränderungen nach beiden Weltkriegen historiographisch in Betracht gezogen werden.[7] Um jeden Verdacht "revanchistischer Geschichtsschreibung" von vorneherein obsolet werden zu lassen: Es war vor allem die Hybris deutscher Politik, welche diese massiven Grenzveränderungen veranlasste. Die Kritik der gegenwärtigen polnischen Staatsführung läuft ins Leere, wenn sie dem wiedervereinten Deutschland und seiner professionellen Geschichtswissenschaft unterstellt, dieser unbezweifelbare historische Sachverhalt würde ausgeklammert oder gar unterdrückt.

Jedenfalls schieden bis 1921 8,6 Millionen Deutsche aus dem deutschen Staatsverband aus; ab Ende 1944 verließen ca. 14 Millionen Deutsche, von denen etwa zwei Millionen umkamen, die Ostgebiete des Deutschen Reiches.[8] Mehr als zwei Millionen blieben in den damaligen Ostblockstaaten, wenn auch bis 1989 in stark abnehmender Zahl. Die Geschichte dieser mehr als 20 Millionen Deutschen wird man nicht einfach ausklammern können, zumal der größte Teil von ihnen ihre individuellen wie kollektiven Biographien als Teil dieser Geschichte nach Kriegsende buchstäblich in die Besatzungszonen bzw. in die beiden deutschen Staaten hineintrug.[9]

Drittens ist das 20. Jahrhundert, wie einmal konstatiert worden ist, vor allem vom Kampf zwischen Demokratie und Diktatur bestimmt worden. Diese Feststellung trifft besonders auf die deutsche Geschichte zu. Auf die Weimarer Demokratie folgte die nationalsozialistische Diktatur - der schlimmste Zivilisationsbruch der Weltgeschichte. Mehrheitlich getragen von der deutschen Bevölkerung, wurde die Entfesselung eines Weltkriegs in Kauf genommen, dessen Zielsetzung in der Durchführung eines bis dahin ungekannten Rassen- und Vernichtungskriegs bestand. In welcher Weise auch immer Deutsche am Nationalsozialismus und seinen Verbrechen direkt oder indirekt beteiligt waren - außer Zweifel steht, dass diese Generation in hohem Maße von den Folgen und Auswirkungen der nationalsozialistischen Diktatur geprägt worden ist. Zudem stellt es eine nahezu beispiellose Besonderheit der deutschen Zeitgeschichte dar, dass in Deutschland sowohl eine faschistische als auch eine kommunistische Diktatur existierten. Erst an dieser historischen Schnittstelle rückt übrigens die SBZ/DDR in den Blickwinkel. Insgesamt waren Nationalsozialismus und Realsozialismus im 20. Jahrhundert 52 Jahre lang an der Macht - die vier Jahre sowjetischer Besatzung nicht einmal eingerechnet. Generationsbedingt haben Millionen Deutsche einen Großteil ihres Lebens unter diktatorischen Verhältnissen verbracht; ältere, ehemalige DDR-Bürger sogar unter beiden Diktaturen. Dass die daraus resultierende politische und gesellschaftliche Sozialisation ihre kollektiven und individuellen Biographien stark geprägt hat, muss kaum hervorgehoben werden.

Eine weitere Besonderheit kommt indes noch hinzu: Die diktaturspezifische Erfahrung der DDR vollzog sich im Kontext der parallelen Existenz von Demokratie und Diktatur während der Teilung Deutschlands in den Jahren 1949 bis 1989. Entwurf und Gegenentwurf einer alternativen politischen Herrschaftsform, einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung standen sich in scharfem Kontrast gegenüber, allerdings in unterschiedlicher Konnotation und Intensität: Während die DDR für die (Alt-)Bundesbürger, von Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen abgesehen, kaum einen Bezugspunkt und Vergleichsmaßstab bildete (den Spitzensport ausgenommen[10]), stellte die (frühere) Bundesrepublik für die DDR in nahezu allen Belangen und auf allen Ebenen den entscheidenden Vergleichsparameter dar. Das galt für die SED nicht anders als für die Bevölkerung, mochte der "westdeutsche Klassenfeind" auch noch so negativ in der sozialistischen Propaganda porträtiert werden. Jedenfalls müssen die vielfältigen Beziehungs- und Perzeptionsebenen, die zwischen beiden Staaten in einem ungleichgewichtigen Verhältnis fortwährend bestanden, historiographisch adäquat wiedergegeben werden. Diese reichen von ganz oben bis nach ganz unten, von der Staats- und Regierungsebene bis hinunter in die Familien, und weisen - oft vermengt - sowohl einen makro- als auch mikrohistorischen Zuschnitt auf. Dieser permanente Bezug hat die ostdeutsche Diktaturerfahrung besonders geprägt und ist in vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen und Meinungsbefragungen bis hin zum differenten Wahlverhalten in Ost- und Westdeutschland bis heute immer wieder nachgewiesen worden.

Konrad Jarausch hat einen ersten, anerkennenswerten Versuch unternommen, die schrittweisen Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein der Deutschen in Ost und West seit Kriegsende nachzuzeichnen.[11] Das mag methodisch nicht immer befriedigen, weil Aussagen Einzelner keineswegs durchweg die vorherrschende Meinung einer gesellschaftlichen Mehrheit widerspiegeln. Doch ohne eine Beschreibung und Bewertung der Ausprägung von spezifischen Mentalitäten in den beiden Gesellschaften wird man keine umfassende deutsche Nachkriegsgeschichte schreiben können. Darin eingeschlossen ist die in beiden deutschen Staaten zeitversetzt erfolgende Ausprägung einer postindustriellen Konsum- und Freizeitgesellschaft. Wie sonst könnte das 1989/90 zutage getretene einander Fremdgewordensein der Ost- und Westdeutschen erklärt werden? Ganz unzweifelhaft sind in diesen Jahrzehnten unterschiedliche "mental maps" entstanden.[12] Divergente Entwicklungen gelten mutatis mutandis nicht minder für die Sozialgeschichte[13] und die erheblichen konfessionellen Veränderungen,[14] die sich in der Folge des Zweiten Weltkriegs in Deutschland vollzogen haben.

Für die Geschichte Deutschlands nach 1945, in der sich nach einer vierjährigen Übergangsphase zwei im Laufe der Zeit immer stärker divergierende Staaten, Wirtschaftsordnungen und Gesellschaften herausbildeten, hat Christoph Kleßmann bekanntlich die historiographische Formel einer "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte" geprägt. Ihm kommt das Verdienst zu, die bislang elaborierteste historiographische Konzeption einer integralen deutschen Nachkriegsgeschichte entwickelt zu haben.[15] In der Tat implizieren die Parameter "Verflechtung" und "Abgrenzung" zentrale historiographische Perspektiven.[16] Seine konzeptionellen Überlegungen hat Kleßmann zu sechs "Leitlinien einer integrierten Nachkriegsgeschichte" weiterentwickelt, sechs Bezugsfelder, deren unterschiedliche historische Phasen miteinander verbunden werden, um auf diese Weise einen differenzierten historischen Gesamtrahmen erstellen zu können.[17] Es sind dies: 1. 1945 als Endpunkt der deutschen Katastrophe und Chance zum Neubeginn; 2. die beginnende Blockbildung und die inneren Folgen; 3. die Eigendynamik der beiden Staaten; 4. die Abgrenzung und asymmetrische Verflechtung; 5. die Problemlagen fortgeschrittener Industriegesellschaften; 6. Erosionserscheinungen.

Möglicherweise wird man nicht mit allen Phaseneinteilungen und ihren geschichtswissenschaftlichen Einschätzungen konform gehen, die Kleßmann in seinem Versuch vorschlägt, "dem Eigengewicht und der Verklammerung west- und ostdeutscher Geschichte besser gerecht zu werden als eine reine Kontrastgeschichte oder eine neue Nationalgeschichte".[18] So scheint fraglich, ob sich die DDR angesichts ihrer im Vergleich zur Bundesrepublik immer weiter zurückfallenden Wirtschaftsleistung, vor allem gemessen am Kriterium Arbeitsproduktivität, noch als fortgeschrittene Industriegesellschaft bezeichnen lässt. Zudem kann die Benennung der Endphase der deutschen Teilung mit dem Begriff "Erosion" zu Missverständnissen führen; denn obwohl damit nur der Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 gemeint ist, werden darunter auch westdeutsche Entwicklungen subsumiert. Aber eine praktikable Matrix für eine zukünftige deutsche Geschichte nach 1945 steht damit zur Verfügung, in der auch der Staat der SED einen ausgewogenen Platz in der deutschen Zeitgeschichte erhält, ohne dass seine 40-jährige Existenz und die einmal davon ausgehende Beharrungskraft a priori marginalisiert werden. Freilich, die adäquate historiographische Umsetzung dieses Konzepts, die "deutsch-deutsche Meistererzählung" nach 1945, steht nach wie vor aus - diese Feststellung muss selbstkritisch auch an die Adresse der deutschen Zeithistoriker gerichtet werden.

Doch selbst das ausgefeilteste historiographische Konzept bietet keine Gewähr dafür, dass eine entsprechend verfasste deutsche Nachkriegsgeschichte auch die adäquate Rezeption erfährt. Zu selbstverständlich geht die wissenschaftliche Zeitgeschichtsforschung davon aus. Das scheint jedoch ein Trugschluss, zumal inzwischen eine Generation von Schülern (und Studenten) heranwächst, denen grundlegende Entwicklungen deutscher Nachkriegsgeschichte fast so fern sind wie die Geschichte der Karolinger oder der Ottonen. So liegt die Besatzungszeit für diese jüngste Generation vierzig Jahre und mehr zurück. Wer wollte ihnen verübeln, dass sie Schwierigkeiten haben, die richtigen Zuordnungen zur Geschichte der beiden deutschen Staaten vorzunehmen? Walter Ulbricht? War der nicht Bundeskanzler? Nur wer im akademischen Elfenbeinturm sitzt, wird darüber lauthals lachen können. Das Problem ist erkannt, wird sich aber nicht durch die Erstellung modifizierter Lehrpläne allein lösen lassen.[19]

Die schwierige deutsche Nachkriegsgeschichte historiographisch umfassend und ausgewogen darzustellen, ist nicht das einzige Problem, das gelöst werden muss. Zusätzlich muss das Spannungsverhältnis deutsch-deutscher Geschichte auch so plastisch "erzählt" werden, dass sie für jüngere Generationen nachvollziehbar wird. Gerade die parallele Existenz der Besatzungsherrschaft(en) und der beiden deutschen Staaten mit diametral entgegengesetzten Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen bietet Beispiele, die durch Quellentexte Authentizität erhalten und daher geschichtsdidaktisch wirksam werden. An Dokumenten fehlt es wahrlich nicht.

Nehmen wir z.B. das immense und heute kaum mehr vorstellbare Problem von Flüchtlingen und Vertriebenen nach Kriegsende 1945, das in allen Besatzungszonen, von der Bundesrepublik wie der DDR gleichermaßen bewältigt werden musste. Obwohl die Behandlung und Lösung dieses enormen Migrationsproblems sehr unterschiedlich erfolgte, führte dies letztlich zur Integration von Millionen von Deutschen in eine der beiden Nachkriegsgesellschaften. Dieser vor allem auch in mentaler Hinsicht Jahrzehnte andauernde Eingliederungsprozess lässt sich in seinen Erfolgen und Misserfolgen sehr gut durch Zeitzeugenaussagen, Ego-Dokumente, aber auch anhand behördlicher Verordnungen und Gesetzestexte in unterschiedlichen Zeitabschnitten verdeutlichen. In historiographischer Hinsicht sollte dieses Problem nicht nur in einem gemeinsamen, beide deutsche Staaten einbeziehenden Kapitel geschildert und dokumentiert, sondern auch in diachronischer Perspektive bis an die Jahrtausendschwelle dargestellt werden. Ein solcher übergreifender Abschnitt bietet zudem die Möglichkeit, die Mikro- (z.B. individuelle und kollektive Zeitzeugendokumente) und Makrohistorie (z.B. der Görlitzer Grenzanerkennungsvertrag der DDR 1950; die in der DDR verbotenen Vertriebenenverbände und ihre Entwicklung in Westdeutschland; die Anerkennung der polnischen Westgrenze durch die Bundesrepublik im Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990) miteinander zu verbinden.

Mittel- und langfristig wird es nicht genügen, "nur" eine geschichtswissenschaftlich und historiographisch adäquate Darstellung einer integralen deutschen Nachkriegsgeschichte vorzulegen, so schwer das im Einzelnen nach wie vor fällt. Das didaktische Element bleibt unverzichtbar. Es darf keine Geschichtsdarstellung werden, die nur von Intellektuellen gelesen wird. Sie muss in ihrer geschichtswissenschaftlich-interpretatorischen Analyse und in ihrem historiographischen Narrativ so überzeugend sein, dass sie auch von breiteren Kreisen verstanden wird. Erst dann wird eine so konzipierte und formulierte deutsche Zeitgeschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Zweck der Information, Aufklärung und politischen Bildung erfüllen. Gerade am Beispiel unserer jüngsten Geschichte sollte der alles überragende Wert des Rechtsstaates und demokratisch legitimierter Macht auf Zeit gegenüber usurpierter, diktatorischer Gewaltherrschaft verdeutlicht werden können, ja müssen.

Fußnoten

1.
Telegramm vom 13.10. 1949, zit. nach: Ilse Spittmann/Gisela Helwig (Hrsg.), DDR-Lesebuch. Von der SBZ zur DDR 1945 - 1949, Köln 1989, S. 266.
2.
Die bislang vorliegenden Gesamtdarstellungen von Christoph Kleßmann, Adolf M. Birke, Peter Bender, Peter Graf Kielmansegg, Gerhard A. Ritter und Heinrich August Winkler sind hinsichtlich ihrer Vorzüge und Defizite in dieser Hinsicht mehrfach kritisch rezensiert worden; vgl. hierzu jüngst Hermann Wentker, Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2005) 1 - 2, S. 10 - 17.
3.
Joachim Fest, Noch einmal: Abschied von der Geschichte. Gedanken zur Entfremdung von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.9. 2006, S. 39 (postum veröffentlicht).
4.
Vgl. auch Henrik Bispinck u.a., Die Zukunft der DDR-Geschichte. Potentiale und Probleme zeithistorischer Forschung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 53 (2005), S. 547 - 570.
5.
Vgl. die Dokumentensammlung aus polnischen Archiven, in denen Flucht und Vertreibung von Deutschen aus den einzelnen Regionen Polens ab 1945 widergespiegelt werden, oft mit erheblichen Auswirkungen für die jeweils kollektiv wie individuell Betroffenen: Wlodzimierz Borodziej/Hans Lemberg (Hrsg.), "Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden...". Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 - 1950. Dokumente aus polnischen Archiven, 4 Bde., Marburg 2003.
6.
Vgl. Alexander Demandt (Hrsg.), Deutschlands Grenzen in der Geschichte, 2. verb. u. erw. Aufl. München 1991.
7.
Zur schwierigen Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in der SBZ/DDR vgl. die ausgezeichnete Dokumentation von Manfred Wille (Hrsg.), Die Vertriebenen in der SBZ/DDR. Dokumente, Bde. I-III, Wiesbaden 1996 - 2003.
8.
Zahlenangaben bei Wolfgang Benz (Hrsg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt/M. 1985, S. 12f. (nach Ermittlungen des Bundesministeriums für Vertriebene aus dem Jahr 1959).
9.
Dass die Geschichte von Flucht und Vertreibung aktuell ist, zeigt die immer wiederkehrende Debatte darüber; aus der Fülle der Publikationen vgl. Stefan Aust/Stephan Burgdorff (Hrsg.), Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Bonn 2003. Von ähnlicher Brisanz und Relevanz für die öffentliche Diskussion bis heute sind der Luftkrieg und seine Auswirkungen sowie die familiäre Zersplitterung und soziale Entwurzelung, die der Krieg nach sich zog, vgl. stellvertretend Stephan Burgdorff/Christian Habbe (Hrsg.), Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg in Deutschland, Bonn 2004, sowie Hermann Schulz/Hartmut Radebold/Jürgen Reulecke, Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration, Bonn 2005.
10.
Vgl. Uta Andrea Balbier, Kalter Krieg auf der Aschenbahn: Der deutsch-deutsche Sport 1950-1972, Paderborn 2007.
11.
Vgl. Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945 - 1995, Bonn 2004.
12.
Hierzu grundsätzlich Christoph Conrad (Hrsg.), Mental Maps (= Geschichte und Gesellschaft, 28 [2002] 3), Göttingen 2002.
13.
Vgl. für die DDR Arnd Bauerkämper, Die Sozialgeschichte der DDR, München 2005.
14.
Vgl. hierzu die Diskussion in Bezug auf die Katholische Kirche in Ulrich von Hehl/Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Der Katholizismus - gesamtdeutsche Klammer in den Jahrzehnten der Teilung? Erinnerungen und Berichte, Paderborn u.a. 1996. Im Hinblick auf den traditionellen Pluralismus der Evangelischen Kirchen gilt dies noch stärker.
15.
Vgl. Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: APuZ, (1993) 29 - 30, S. 30 - 41.
16.
Vgl. Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005.
17.
Ders., Spaltung und Verflechtung - Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: ebd., S. 20 - 37; dort bes.S. 26 - 34. Kleßmann bezieht sich ausdrücklich auf die Darstellungen von Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland, Berlin 2000, und Peter Bender, Episode oder Epoche? Zur Geschichte des geteilten Deutschland, München 1996 (vgl. auch Anm. 2).
18.
C. Kleßmann (ebd.), S. 33.
19.
Vgl. Ulrich Arnswald/Ulrich Bongertmann/Ulrich Mählert (Hrsg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse - Schülerbefragung - Modellcurriculum, Berlin 2006.