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4.1.2007 | Von:
Andreas Wirsching

Für eine pragmatische Zeitgeschichtsforschung

Nicht eine integrierte Nachkriegs- oder gar Nationalgeschichte, sondern die größtmögliche Vielzahl von Einsichten in eine gemeinsame, wenn auch asymmetrische deutsche Nachkriegsgeschichte sollte Leitmotiv der Zeitgeschichtsforschung sein.

Einleitung

Eine deutsche "Erfolgsgeschichte" ohne die DDR? Auf den ersten Blick scheint es ohne Weiteres möglich zu sein, eine Geschichte der alten Bundesrepublik zu schreiben, in der die DDR nicht vorkommt. Zumindest gilt dies für die Zeit vom Ende der 1970er Jahre bis zum Umbruch 1989/90. In der alten Bundesrepublik hatte sich eine Anschauung durchgesetzt, die den eigenen Staat nicht mehrals Provisorium betrachtete, sondern als Dauerlösung. Die Bundesrepublik hatte ihren Ort in der Geschichte gefunden und ihre Identität ausgebildet. Sie begriff sich als souveräner Teilstaat mit eigener Staatsräson, eigenen Traditionen und einer eigenen westdeutschen Geschichte. Letztere, der im Übrigen auch eine sehr eigene Form der "Vergangenheitsbewältigung" entsprach,[1] ließ sich in den 1980er Jahren aufwändig gestaltet präsentieren und sogar im Museum ausstellen.






Überdies verfügte die alte Bundesrepublik über eine zwar teilstaatlich strukturierte, dafür aber zunehmend griffige "Meistererzählung". Einprägsam von der "Erfolgsgeschichte" des westdeutschen Teilstaates handelnd, stand sie im Mai 1989 im Mittelpunkt des öffentlichen Gedächtnisses und wirkte über die Zäsur 1989/90 fort. Das Narrativ der bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte integriert auch gegensätzliche Traditionsbestände und widersprüchliche Potenziale mehr oder minder problemlos. Selbst schwerste historische Konflikte, an denen es der Geschichte der alten Bundesrepublik keineswegs mangelte, verwandeln sich im Rückblick in eine harmonische Gesamtschau.[2] Die Geschichte der DDR spielt in dieser Meistererzählung keine eigenständige Rolle. Sie dient höchstens als Negativ- und Kontrastfolie für die eigene Identität und interessiert in erster Linie, um zu ergründen, "warum sie keine Zukunft hatte".[3]

Auch alltagsgeschichtlich hatte sich der größte Teil der westdeutschen Bevölkerung auf Dauer im Provisorium Bundesrepublik eingerichtet. Ende der 1980er Jahre dominierte der Optimismus, den die Pluralisierung der massenkulturellen Möglichkeiten bewirkt hatte; vor allem in den Entfaltungsbereichen des Individuums, in Freizeit und Alltag, waren "unsere Wünsche und Hoffnungen fast gegen alle Erwartungen übertroffen" worden.[4] In solch einer komfortablen Situation der veralltäglichten Bequemlichkeit war die DDR, sofern nicht familiäre Bindungen bestanden, aus dem Gesichtskreis der Westdeutschen weitestgehend verschwunden.

Eine Ausnahme waren die deutsch-deutschen Beziehungen; als wesentliches Element der westdeutschen (Außen-)Politik kam ihnen zumindest phasenweise eine gewisse Bedeutung zu. Insgesamt allerdings blieb auch die Deutschlandpolitik ein Feld für Spezialisten, mit dem überdies wenig politisches Prestige zu gewinnen war. Bedeutsam wurde es immer dann, wenn es mit Sensationen lockte und parteitaktischen Vorteil versprach. Wenn es zum Beispiel zwei ostdeutschen Familien 1979 gelang, mit einem selbst gebastelten Heißluftballon bei Naila über die innerdeutsche Grenze zu flüchten, so war das Interesse nicht nur der westdeutschen, sondern der weltweiten Öffentlichkeit gewiss. Und wenn 1983 ein bundesdeutscher Geschäftsmann am Kontrollpunkt Drewitz an Herzversagen starb, so gab dies einem bayerischen Ministerpräsidenten die Gelegenheit, medienwirksam einen "Mord" zu beklagen - was denselben Ministerpräsidenten freilich nicht daran hinderte, nur wenig später Erich Honecker in der DDR zu besuchen, sich im Glanz des erfolgreichen Deutschlandpolitikers zu sonnen und einen "Milliardenkredit" einzufädeln.[5]

Diese Art der Deutschlandpolitik blieb weitestgehend gouvernemental und durch diskrete Verhandlungen von Regierung zu Regierung bestimmt.[6] Demgegenüber fanden westdeutsche Politiker, die wie Gert Weisskirchen oder Eduard Lintner den direkten Kontakt zur Opposition in der DDR suchten, in ihren Parteien kaum Unterstützung, ja sie wurden sogar behindert.[7] In der breiteren bundesrepublikanischen Öffentlichkeit spielte die Deutschlandpolitik vor allem dann eine Rolle, wenn sie einen medial vermittelten Event-Charakter annahm. Die maßgeblichen Vektoren der Geschichte schienen ganz anders gestellt zu sein: Für die Politik wie für die Alltagskultur waren Paris, London und Washington weitaus näher als Ost-Berlin, die italienische Riviera attraktiver und viel leichter erreichbar als Mecklenburg-Vorpommern.

Fußnoten

1.
Vgl. Jeffrey Herf, Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998. Dagegen Martin Sabrow, Die NS-Vergangenheit in der geteilten deutschen Geschichtskultur, in: Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2006, S. 132 - 151, der von einer "realgeschichtlichen Verflechtung" und "Phasenparallelität" im Umgang mit der Vergangenheit in beiden deutschen Staaten spricht.
2.
Vgl. z.B. Heinrich A. Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. II: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, München 2000; Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006. Zu Begriff und Diskussion der "Meistererzählung" vgl. Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945, Göttingen 2002. Kritisch zur "Erfolgsgeschichte": Konrad H. Jarausch, "Die Teile als Ganzes erkennen". Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten, in: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe, 1 (2004) 1, www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Jarau sch-1 - 2005, Abschnitt 2 (12.12. 2006).
3.
Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland, Berlin 2000, S. 677.
4.
Allensbacher Berichte, (1990) 5, S. 2.
5.
Vgl. Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982 - 1990, München 2006, S. 594 - 598.
6.
Vgl. insbes. Karl-Rudolf Korte, Deutschlandpolitik in Helmut Kohls Kanzlerschaft. Regierungsstil und Entscheidungen 1982 - 1989, Stuttgart 1998.
7.
Vgl. Wilhelm Knabe, Westparteien und DDR-Opposition. Der Einfluss der westdeutschen Parteien in den achtziger Jahren auf unabhängige politische Bestrebungen in der ehemaligen DDR, in: Materialien derEnquete-Kommission, Bd. VII, 2, S. 1110 - 1202; A.Wirsching (Anm. 5), S. 627.