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4.1.2007 | Von:
Martin Sabrow

Historisierung der Zweistaatlichkeit

Der Aufarbeitungskonsens ist parteiübergreifend geworden, und darum benötigt er das Korrektiv einer Zeitgeschichtsforschung, die ihren Anspruch einer nüchternen Historisierung der DDR und der deutschen Zweistaatlichkeit verfolgt.

Einleitung

Der Aufstieg der Zeitgeschichte in Deutschland verbindet sich mit der historischen Rechenschaftslegung nach den beiden Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts, und er ist verknüpft mit den Pathosformeln der Vergangenheitsbewältigung und der Vergangenheitsaufarbeitung. Die Rolle, die diese Leitbegriffe der Zeitgeschichte als Wissenschaft zuweisen, ist Gegenstand der folgenden Überlegungen, die durch eigene Erfahrungen des Autors im Spannungsfeld von Fachforschung und Gedenkpolitik angestoßen wurden.






Im Versuch, Geschichte und Vorgeschichte der nationalsozialistischen Herrschaft mit den Mitteln der Fachwissenschaft zu ergründen und dem "kommunikativen Beschweigen der Vergangenheit" (Hermann Lübbe) die Bereitschaft zur Bewältigung entgegenzusetzen, etablierte sich die Zeitgeschichte nach 1945 - zögernd und zunächst vorwiegend außerhalb der akademischen Lehre. Getragen vom gesellschaftlichen Bewusstsein, dass Vergangenheit nicht wieder gut, sondern lediglich bewusst gemacht und dem Vergessen entrissen werden kann, fand die Zeitgeschichte nach 1989 in der Hinterlassenschaft der kommunistischen Herrschaft ein neues und weites Feld. Bis dahin hatte die "DDR-Forschung" ein Spartendasein als vorwiegend außeruniversitäre Nebendisziplin geführt; nun fand sie sich durch den abrupten Zeitenwechsel ihres Forschungsgegenstandes von der Gegenwart zur Vergangenheit obendrein mehr oder minder diskreditiert. Zur raschen fachlichen Erschließung der zweiten deutschen Diktatur trugen viele Faktoren bei: zunächst der vereinigungsbedingte Elitenwechsel in Ostdeutschland, der den bis 1989 versperrten Zugang zur Innenwelt der kommunistischen Diktatur anders als in anderen postkommunistischen Gesellschaften unmittelbar und fast rückhaltlos öffnete; daneben die Neugier von Fach und Öffentlichkeit, Charakter und Funktionsweise des so überraschend zusammengebrochenen SED-Staates kennen zu lernen, sowie die in der Arbeit zweier Bundestags-Enquetekommissionen dokumentierte Bereitschaft des Gesetzgebers, keine zweite deutsche Vergangenheitsverdrängung zuzulassen; und schließlich die insgesamt in der westlichen Welt gewachsene Sensibilität für den Wert der Menschenrechte und die im westlichen Europa allenthalben, wiewohl ungleichmäßig voranschreitende Ablösung historischer Stolzkulturen und ihrer heroischen Narrative durch die gestiegene Aufmerksamkeit für historisches Leiden und historische Lasten.