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4.1.2007 | Von:
Peter E. Fäßler

Innerdeutscher Handel als Wegbereiter der Entspannungspolitik

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR wurden für deutschlandpolitische Zwecke instrumentalisiert. Allerdings erwiesen sie sich aus Bonner Sicht als untaugliches Druckmittel, um politische Zugeständnisse zu erwirken.

Einleitung

Eine der bekanntesten Schlagzeilen des Kalten Krieges lautete: "Der Osten handelt - was tut der Westen? Der Westen tut nichts! Kennedy schweigt ... Macmillan geht auf die Jagd ... und Adenauer schimpft auf Brandt!"[1] In deutliche Worte kleidete ein Boulevardblatt seine Kritik an den Reaktionen Washingtons, Londons und Bonns auf den Mauerbau in Berlin am 13. August 1961 und verlieh damit der öffentlichen Empörung sprachmächtigen Ausdruck.






Die westlichen Regierungen waren einerseits über die Entwicklung in Berlin nicht ganz unglücklich und verfügten andererseits bei realistischer Betrachtung tatsächlich nur über wenige Handlungsoptionen. Dazu zählten beispielsweise Wirtschaftssanktionen, die in Krisensituationen üblicherweise gefordert werden. Nicht so im August 1961, als nur sehr vereinzelte Stimmen in diesem Sinne argumentierten. Das Bundeskabinett diskutierte zwar eine solche Möglichkeit, verwarf sie jedoch alsbald und beließ es bei einem unverbindlichen Aufruf an die westdeutschen Unternehmen, die bevorstehende Leipziger Herbstmesse zu boykottieren.

Die überaus moderate Reaktion überraschte, hatte Bonn doch in der Vergangenheit des Öfteren harte Maßnahmen - Stahlembargo (1950), Kriminalisierung von westdeutschen Geschäftspartnern der DDR (1954), Kündigung des innerdeutschen Handelsabkommens (1960) - gegenüber Ost-Berlin ergriffen. Daher rechnete das SED-Politbüro im Vorfeld des Mauerbaus mit neuen Einschränkungen bei wichtigen Lieferungen aus der Bundesrepublik und forcierte die bereits seit Januar 1960 angelaufene "Aktion Störfreimachung".[2] Deren Ziel war es, die DDR-Volkswirtschaft so zu organisieren, dass etwaige Handelsunterbrechungen seitens Westdeutschlands keine Produktions- oder Versorgungsengpässe mehr bewirken würden.

Doch entgegen aller Ost-Berliner Sorgen und Vorsichtsmaßnahmen antwortete die Bundesregierung auf den Mauerbau aus mehreren Gründen nicht mit Eingriffen in den innerdeutschen Warenverkehr. Den Ausschlag gab sicherlich das Bemühen, die Krise nicht weiter anzuheizen, zumal eine Einstellung der Baumaßnahmen als ausgeschlossen galt. Weiterhin gingen unter den Bonner Experten die Meinungen darüber auseinander, ob Wirtschaftssanktionen Anfang der 1960er Jahre überhaupt noch eine ernsthafte Drohung für die DDR darstellten. Die peinlichen Erfahrungen im Zuge der Kündigung des innerdeutschen Handelsabkommens sprachen eher dagegen. Und schließlich signalisierten die westlichen Verbündeten nur sehr halbherzige Bereitschaft, ökonomische Strafmaßnahmen gegen die DDR zu verhängen.

Die eigentlichen Beweggründe für das zurückhaltende Bonner Krisenmanagement im Sommer 1961 waren jedoch grundsätzlicherer Natur als die hier benannten taktischen Erwägungen. Erstmals deutete sich öffentlich ein neuer strategischer Kurs in der Bonner Ost- und Deutschlandpolitik an. Die bislang dominierende "Politik der Stärke", welche Wirtschaftskontakte zur DDR in erster Linie als probates Druckmittel interpretiert hatte, wich peu à peu einer Entspannungspolitik, in deren Kontext dem innerdeutschen Handel eher die Funktion eines "goldenen Angelhakens"[3] zugedacht war. Bereits Anfang 1961, ein halbes Jahr vor dem Mauerbau, hatte sich diese handelspolitische Richtungsänderung nach kabinettsinternen Auseinandersetzungen abgezeichnet. Allerdings setzte Bundeskanzler Konrad Adenauer in diesem Prozess der konzeptionellen Umorientierung nicht etwa die Akzente, sondern er gab widerwillig dem wachsenden Druck westlicher Verbündeter, bundesdeutscher Industrieller, kabinettsinterner Widersacher und - wahlkampfbedingt - der innenpolitischen Stimmung nach.

Die folgenden Ausführungen erläutern und begründen diese Interpretation. Dabei werden die ökonomisch-institutionellen Rahmenbedingungen der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen vorangestellt und anschließend die maßgeblichen handelspolitischen Strategien umrissen. Zum Schluss wird jenes komplexe Faktoren- und Akteursgeflecht analysiert, das den strategischen Kurswechsel herbeiführte.[4]

Fußnoten

1.
Bild-Zeitung vom 16.8. 1961, S. 1.
2.
André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004, S. 125.
3.
Julij A. Kwizinskij, Vor dem Sturm. Erinnerungen eines Diplomaten, Berlin 1993, S. 255.
4.
Zur Geschichte der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen vgl. Gunther Mai, Das "Trojanische Pferd". Innerdeutsche Handelsbeziehungen zwischen Blockbildung und inter-systemarer Symbiose (1945 - 1989), in: Gustav Schmidt (Hrsg.), Ost-West-Beziehungen. Konfrontation und Détente 1945 - 1989, Bochum 1993, Bd. 2, S. 433 - 448; Ferdinand von Heyl, Der innerdeutsche Handel mit Eisen und Stahl 1945 - 1972. Deutsch-deutsche Beziehungen im Kalten Krieg, Köln - Weimar - Wien 1997; Peter E. Fäßler, Durch den "Eisernen Vorhang". Deutsch-deutsche Wirtschaftsbeziehungen 1949 - 1969, Köln - Weimar - Wien 2006.