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Deutsche Generationen nach 1945


16.1.2007

Einleitung



Die generationsspezifische Perspektive ermöglicht es, historische Sinnbildungsprozesse abzubilden. Mit diesem Zugriff kann rekonstruiert werden, welche unterschiedlichen Komplexe von Erfahrungen, Deutungen, Identifikationen und Zukunftserwartungen simultan in einer Gesellschaft bestehen. Der generationengeschichtliche Zugriff kann deutlich machen, inwieweit Generationen zu anderen in einem symbiotischen oder konkurrierenden Verhältnis stehen und Entwicklungen vorangetrieben, gestützt oder verzögert werden.






Diese Zusammenhänge wurden am Beispiel DDR in einem Modell der Generationen-Interaktion deutlich gemacht. Systematisch und über die gesamte "Biographie" einer Generation hinweg wurde hier die entwicklungspsychologisch allgemein beschreibbare altersspezifische Bedürfnislage der Angehörigen einer Generation mit den Möglichkeiten in Bezug gesetzt, welche die DDR in ihrer Konstitutions- und Aufbauphase, in den Jahren der Stabilisierung, der Stagnation wie auch in der Niedergangsphase bot.[1] Dieses Vorgehen nimmt auf die entwicklungspsychologische Theorie der "Entwicklungsaufgaben" Bezug:[2] Sie geht davon aus, dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Letztere bis ins Alter hinein, mit bestimmten kultur- und altersspezifischen Herausforderungen auseinander zu setzen haben. In Phasen gesellschaftlicher Umbrüche, der Entwertung von Traditionen und der partiellen Neuerfindung der gesellschaftlichen Umwelt müssen sich Jugendliche in geringerem Maße auf schwer zu erlernende oder zu akzeptierende Arrangements der Erwachsenen einlassen. Sie können ihre Gegenwart stärker als "ihre Zeit" empfinden und sich mit den ideologischen (Selbst)Beschreibungen von Akteursgruppen des Umbruchs identifizieren, wie es beispielsweise bei der ostdeutschen "Aufbau-Generation" und den westdeutschen "68ern" der Fall war. In Phasen gesellschaftlicher Kontinuität oder Stagnation hingegen ist die Macht, die den Bedürfnissen nach Traditionsbruch, radikaler Neuerung oder zumindest Originalität des eigenen Lebens gegenübersteht, viel stärker und die Position von Jugendlichen, die mit den gesellschaftlichen Institutionen in Konflikt geraten, deutlich schlechter.[3]

Für Menschen im mittleren Erwachsenenalter sind einschneidende gesellschaftliche Umbrüche tendenziell mit weniger Chancen verbunden, denn entwicklungspsychologisch gesehen stehen Generativität und Professionalisierung im Mittelpunkt. In diesem Lebensalter setzt sich ein eher sorgsames, strategisches und kompromissbereites Interaktionsverhalten durch, das den Verhaltensnormen in wirtschaftlichen, institutionellen und politischen Strukturen entspricht. Die Entwicklungspsychologie illustriert, wie sich diese "Lebensinvestitionen" über die Altersstufen hinweg wandeln.[4] Zustände gesellschaftlicher Kontinuität entsprechen den lebensphasenspezifischen Aufgaben von Erwachsenen besser als denen Jugendlicher.

Für die Angehörigen der verschiedenen Generationen stellte sich die DDR in derselben Zeit sehr unterschiedlich dar: Während die stagnative oder regressive Spätphase für die Angehörigen der integrierten Generation[5] als unmittelbare Vorgeschichte des Umbruchs, auf welchen, je nach politischen Präferenzen, auf die eine oder andere Weise hingearbeitet wurde, erscheinen musste, war dieselbe Situation für die damals Jugendlichen und jungen Erwachsenen, also für die Angehörigen der entgrenzten Generation,[6] nicht mit Zuversicht zu verbinden. Nach 1990 verkehrte sich die Situation: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Doppeljahr 1989/90 noch nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatten, konnten die neuen Chancen besser nutzen als Angehörige der älteren integrierten Generation, deren Kalküle oder Investitionen der achtziger Jahre nun drohten, entwertet oder gar zur Hypothek zu werden.

Generationen existieren nicht wie andere historische Daten und Fakten - Generations-Bildungen sind idealtypische Konstruktionen.[7] Ihr Beitrag für die Zeitgeschichte besteht in der Rekonstruktion und Darstellung historischer Sinnbildungen.[8] Generations-Konstruktionen können unter Inkaufnahme bestimmter Ausblendungen (die der Genderperspektive, der Milieu- und Schicht-Perspektive, der kulturellen Differenzen zwischen städtischen und dörflichen Lebensformen) zeigen, wie sich zwischen großen Gruppen von Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen dennoch Bündnisse, die Gleichrichtung der Anstrengungen und Erwartungen oder zumindest symbiotische Bezüge ergeben können - beziehungsweise, wie sich zwischen diesen Gruppen Konflikte auftun, weil die Deutungen der gemeinsam geteilten Gegenwart und die Erwartungen an die Zukunft nicht übereinstimmen.

Eine solches Verständnis von Generationen modifiziert die klassischen Ursprünge des Generationen-Konzepts. Wilhelm Dilthey interessierte bei seiner Beschäftigung mit der Klassik und Romantik eine auffällige Gleichzeitigkeit unterschiedlicher geistiger Impulse der gleichen Kohorten. In der inzwischen kanonisch zu nennenden Systematik des Generationenproblems des Soziologen Karl Mannheim bilden benachbarte Jahrgänge, die im "selben historisch-sozialen Raume - in der selben historischen Lebensgemeinschaft - zur selben Zeit geboren"[9] wurden, eine Generationslagerung. Wenn sich gesellschaftliche Krisenlagen und latente Konflikte zuspitzen, wenn Gleichaltrige von den neuen Tendenzen betroffen und inspiriert werden, wenn sie an dieser Entwicklung teilnehmen, sie vorantreiben und sich ihr Selbstverständnis und ihr Wir-Gefühl aus der engen Verbindung zu diesen gesellschaftlichen Prozessen speist - Mannheim spricht von "Gesamterschütterungen" -, dann bilden sich Generationszusammenhänge heraus: "Im Rahmen desselben Generationszusammenhanges können sich (...) polar sich bekämpfende Generationseinheiten bilden. Sie werden gerade dadurch, daß sie aufeinander, wenn auch kämpfend abgestimmt sind, einen ,Zusammenhang` bilden."[10] Generationseinheiten bilden sich dadurch, dass ihre Angehörigen meinen, im gemeinsamen Handeln, in "vitaler Nähe"[11], im Lebensstil, in Werten und politischen Konzepten, eine "Antwort" auf die gesellschaftlichen Herausforderungen gefunden zu haben. Generationseinheiten sind Gemeinschaften, die gleiche Überzeugungen, Wertvorstellungen und Identifikationen teilen, sind "Intensivsegmente"[12] mit einem typischen Habitus.

Für die DDR konnten solche Generationseinheiten nicht in allen Generationen beschrieben werden.[13] Der intergenerationelle Vergleich innerhalb einer Gesellschaft bildet hier besonders gut die Unterschiede im sich für alle vermeintlich gleich darstellenden Sozialisationsraum ab. Er zeigt die simultaneExistenz unterschiedlicher Erfahrungen, Deutungsmuster, Sinnvorstellungen und Erwartungen. Die generationengeschichtliche Perspektive rekonstruiert die jeweilige Art der Verschränkung von einerseits der Herrschaftsausübung, dem wirtschaftlich-technischen Status sowie der sich in den gesellschaftlichen Leitdiskursen niederschlagenden kulturellen und ideologischen Situation und andererseits den lebensaltersspezifischen Bedürfnissen der Menschen, die sich in der generationstypischen Art und Weise in diese Verhältnisse integrieren und sie modifizieren.

Als Erkenntnisinstrument könnte dieser Zugriff auch für die vergleichende Betrachtung von DDR und Bundesrepublik interessant sein. Denn beide deutsche Nachkriegsgesellschaften sind von Menschen aufgebaut worden, die im "Dritten Reich", in der Weimarer Republik und im Kaiserreich sozialisiert wurden. Die parallele Rekonstruktion von Generationsgestalten kann zeigen, welche Effekte die Verschränkung der gleichen Sozialisation mit unterschiedlichen Systembedingungen zeitigte.


Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Ahbe/Rainer Gries, Gesellschaftsgeschichte als Generationengeschichte, in: Annegret Schüle/dies. (Hrsg.), Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2005. S. 475 - 571.
2.
Vgl. Franz J. Mönks/Alphons M. P. Knoers, Lehrbuch der Entwicklungspsychologie, München 1996, S. 26 - 31.
3.
Vgl. Heiner Keupp/Thomas Ahbe/Wolfgang Gmür u.a., Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek 1999.
4.
Vgl. Rolf Oerter/Leo Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie, Weinheim-Basel-Berlin 2002, S. 383 - 391.
5.
Die Geburtsjahrgänge 1949 bis 1959, vgl. T. Ahbe/R.Gries (Anm. 1), vgl. auch Bernd Lindner, "Bau auf, Freie Deutsche Jugend" - und was dann? Kriterien für ein Modell der Jugendgenerationen der DDR, in: Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 187 - 215.
6.
Dieses Generationenetikett stammt von Ahbe und Gries. Die Angehörigen der "entgrenzten Generation" sind die in den sechziger Jahren bis zu Beginn der siebziger Jahre Geborenen. B. Lindner (Anm. 5) benennt diese Kohorte als "distanzierte Generation".
7.
Methodologisch handelt es sich um das von Max Weber beschriebene Verfahren der idealtypischen Konstruktion, das "erklärendes Verstehen" anstrebt.
8.
Zur Bedeutung der generationengeschichtlichen Perspektive in der Kommunikationswissenschaft siehe Rainer Gries, Das generationengeschichtliche Paradigma in der Kommunikationshistorie, in: medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, 21 (2006) 3, S. 4 - 20.
9.
Karl Mannheim, Das Problem der Generation, in:ders., Wissenssoziologie, Neuwied-Berlin 1970, S. 509 - 565, hier S. 542 (Orig. 1928/29).
10.
Ebd., S. 542 und 547.
11.
Ebd., S. 547.
12.
Helmut Fend, Sozialgeschichte des Aufwachsens, Frankfurt/M. 1988, S. 180.
13.
Weil es in der DDR keine sich frei organisierenden intermediären Strukturen gab, konnten sich in einigen Generationen keine spezifischen, öffentlich wahrnehmbaren Generationsdiskurse ausbilden. Bei manchen DDR-Generationen entsprach der Generationsdiskurs entweder ganz ("Generation der mißtrauischen Patriarchen") oder partiell (großer Teil der "Aufbau-Generation", prosozialistisch eingestellte Gruppe der "integrierten Generation") dem Offizialdiskurs.