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16.1.2007 | Von:
Thomas Ahbe

Deutsche Generationen nach 1945

Ähnlichkeiten und Differenzen

Die ersten beiden Nachkriegsgenerationen, die "45er" und die "Aufbau-Generation", agierten in ihrer Mehrheit ähnlich, nämlich als engagierte wie konforme Mitmacher in der neuen Ordnung. Sie folgten den Vorgaben der Besatzer und der neuen deutschen Autoritäten. Die Bearbeitung ihrer Erlebnisse während des Nationalsozialismus und die Öffnung ihres geistigen Horizonts während der Phase der Ausbildung und Professionalisierung erfolgte schon unter den ideologisch unterschiedlich kodierten Leitdiskursen des Liberalismus und des Marxismus-Leninismus, deren Substanz oft begeistert aufgenommen wurde.[37] Die im Osten propagierte Version des Marxismus führte dazu, dass "die sozialistischen Vorstellungen vom Aufbau einer neuen Welt trotz atheistischer Haltung fast religiöse Züge (trugen). Elemente des Glaubens, der Treue, der Verheißung und Hoffnung schlichen sich anstelle der ausgedünnten kritischen Methode ein." Die Jugend im Osten wollte "bei ihrem Neubeginn keine Halbheiten (...). Eine ganz neue Welt musste es sein, (...) nicht andere Führer. (...) Sie wollten nicht noch einmal in eine Welt einsteigen, die schon ihre Väter ausprobiert hatten und gescheitert waren. Alles neue ist besser als alles Alte. Das war die Losung."[38]

Doch diese radikal neuen Ideen stützten sich auf die schon im Nationalsozialismus sozialisierten Muster - den Glauben oder die Hoffnung an und auf die verheißene neue Gesellschaft wie auch den Hang zu einer konformen Einordnung in eine Gemeinschaft. Auch im Westen wandte sich die Jugend der Weltsicht der Siegermächte zu. Im Medienbereich wurden gerade die "45er" als "hervorragende Klientel für die ,Reorientation`-Bemühungen der Alliierten" gesehen, weder die älteren noch die jüngeren Kollegen hatten in den fünfziger Jahren so viele Aufenthalte in den USA. Und die Art, wie "sie westlichen Vorbildern huldigten", trennte sie von den Älteren.[39] Beide, die "45er" und die "Aufbau-Generation", wurden zur ersten Trägergeneration des neuen gesellschaftlichen Modells.

Aber auch zum westdeutschen Beschweigen der NS-Zeit, unter dessen Schirm die "45er" ihren Weg gingen, findet sich für die "Aufbau-Generation" in der SBZ/DDR ein funktionales Äquivalent. Die propagandistische Dauerthematisierung des Faschismus in der spezifischen ökonomistischen und antikapitalistischen Verkürzung des DDR-Antifaschismus schloss ebenfalls das Schweigen über die NS-Vergangenheit der Kollegen, Chefs und Eltern ein. Zudem hatte die Verflechtung der Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit den Konflikten des Kalten Krieges ähnliche Effekte. Im Osten projizierte der DDR-Antifaschismus das Problem aus der Zeit und dem Land der "Aufbau-Generation" hinaus in Richtung Westdeutschland, wo man die Herrschaft der "alten Nazis", "Monopolkapitalisten" und "Revanchisten" konstatierte.[40] Die Leitdiskurse im Westen vollzogen dagegen eine "Entnationalisierung der Schuld", nämlich durch die Deutung des Nationalsozialismus als Totalitarismus.[41] Hinzu kamen populäre Deutungen, die darüber räsonierten, mit welcher "satanischen Raffiniertheit" die Deutschen überwältigt worden seien und wie in dessen Folge "der Nationalsozialismus (...) die totale Kontrolle über das deutsche Volk" gewonnen habe. Hierzu gehörte auch der Topos von Deutschland als dem ersten vom Nationalsozialismus besetzten Land.[42]

Mit der Wende zu den 1960er Jahren beginnen sich die Formen, in denen sich die Angehörigen der beiden Nachkriegsgenerationen in ihre Gesellschaften integrieren, stärker zu unterscheiden. Die "Aufbau-Generation" wird in besonderer Weise vom Mauerbau getroffen. Ihre Angehörigen waren gut ausgebildet und noch jung genug, um in der Bundesrepublik neu anzufangen. Für viele von ihnen war bis zum August 1961 der Weggang in den Westen immer eine Lebensoption. Mit der Grenzschließung wurde die Frage, ob man für sich eine Lebensperspektive in der DDR sieht, schlagartig beantwortet. So hatten die moralisch und machtpolitisch nicht angreifbaren Patriarchen erneut über das Leben der "Aufbau-Generation" verfügt. Zur gleichen Zeit, zwischen 1958 bis 1963, vollzog sich im Westen mit dem Aufstieg der "45er" in die Führungspositionen der erste wichtige Generationswechsel. Für die politische Öffentlichkeit bedeutete das die Ablösung der den Nachkriegsjournalismus prägenden "Wilhelminer"[43] und einen Stilwechsel vom obrigkeitsstaatlich gesteuerten Konsensjournalismus hin zu einer "Orientierungskrise als produktive Phase des Aufbruchs", die partizipative Elemente der Demokratie betonte. Zugleich gerieten die "45er" wegen ihres Schweigebündnisses, das sie mit den "Wilhelminern" und den Trägergenerationen des "Dritten Reichs" eingegangen waren, bei der sich formierenden Generation der "68er" in Kritik.[44]

Obwohl die ostdeutsche "Aufbau-Generation" zur selben Zeit begann, die oberen und mittleren Führungspositionen altershomogen zu besetzen, hatte sie weiterhin das auszuführen, was die kleine Gruppe der "misstrauischen Patriarchen" in den Spitzenpositionen vorgab. So änderten sich in den 1960er Jahren eher der Ton und das Klima, nachdem immer mehr pragmatisch und technokratisch orientierte Funktionsträger die "harten Ideologen" in den mittleren Führungspositionen ersetzten, jedoch nicht die Grundstrukturen des diktatorischen Systems.

Der Vergleich der beiden Generationen hat zwei Varianten gezeigt, wie eine im Nationalsozialismus sozialisierte Jugend sich in konkurrierende postfaschistische Gesellschaften integrierte und in beiden jeweils zu neuen Trägergenerationen wurde. Ähnlichkeiten finden sich in der Haltung, in der sich beide Generationen integrierten. Als konforme Mitmacher waren sie stark auf die Zukunft orientiert und schwiegen mit den älteren Kollegen, Vorgesetzten oder Eltern über die Vergangenheit. Dass diese Ähnlichkeiten zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Generation sowohl in der Forschung wie auch in der Selbstbeschreibung der Deutungseliten bisher nicht deutlicher wurden, hängt damit zusammen, dass die Erfahrungen von 1945 recht bald in den unterschiedlichen Sinnsystemen der westdeutschen und der ostdeutschen Masternarrative interpretiert und nach 1990 von ihrem Ende her gedeutet wurden.

Die Diskussion der Voraussetzungen eines Vergleichs der beiden deutschen Nachkriegsgenerationen zeigt auch, dass die unterschiedliche Jahrgangszuordnung ein Problem darstellt, das noch gelöst werden muss. Für die Rekonstruktion historischer Sinnbildungsprozesse sollte künftig stärker auf transnationale Erfahrungszusammenhänge rekurriert werden; schließlich hat bereits Karl Mannheim das Konzept auf einen europäischen und nicht auf einen nationalen Kontext bezogen. Im Übrigen waren auch die ersten beiden Nachkriegsgenerationen in den beiden Teilstaaten stärker aufeinander bezogen als spätere deutsch-deutsche Generationsgestalten.[45] Für die Angehörigen der "45er" und der "Aufbau-Generation" war es bis zur Grenzschließung der DDR oft ein Akt der Wahl, zu welchem Teil dieses Generationszusammenhangs man gehörte. Man kannte sich persönlich, oder man beobachtete die Gruppe der Gleichaltrigen im anderen Landesteil, verglich die Lebenschancen und konkurrierte miteinander. Insofern könnten die aktiven und prosozialistisch engagierten Segmente der "Aufbau-Generation" und die politisch interessierten "45er" als zwei konkurrierende Generationseinheiten eines Generationszusammenhangs betrachtet werden.

Fußnoten

37.
Vgl. R. Schörken (Anm. 16), S. 15, und W. Mittenzwei (Anm. 17), S. 76f.
38.
Ebd., S. 77f.
39.
Vgl. Ch. von Hodenberg (Anm. 16), S. 260f.
40.
Vgl. Monika Gibas, "Bonner Ultras", "Kriegstreiber" und "Schlotbarone". Die Bundesrepublik als Feindbild der DDR in den fünfziger Jahren, in: Silke Satjukow/Rainer Gries (Hrsg.), Unsere Feinde. Konstruktion des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2005, S. 76 - 106.
41.
Vgl. Nicolas Berg, Lesarten des Judenmords, in: U. Herbert (Anm. 23), S. 80. Vgl. die Deutung des Nationalsozialismus als Totalitarismus bei Gerhard Ritter, Vom Sittlichen Problem der Macht. Fünf Essays, Bern 1948, ders., Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1954. Berg referiert, wie Martin Broszat oder Karl Dietrich Bracher das Totalitarismus-Argument bei der Zurückweisung von William S. Shirers 1961 erschienenem Buch "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" einsetzten; vgl. ebd., S. 91 - 139, hier S. 112ff.
42.
Vgl. Rudolf Pechel, Deutscher Widerstand, Zürich 1947, S. 26f., zit. nach: Jan Eckel, Intellektuelle Transformationen, in: U. Herbert (Anm. 23), S. 152.
43.
Ch. von Hodenberg (Anm. 16) ordnet ihnen die Jahrgänge 1880 bis 1890 zu. Die Jahrgänge der von 1900 bis 1920 Geborenen spielten - sofern es sich nicht um die Minorität der NS-Gegner oder -Verfolgten handelte - keine im Mediensystem spezifische Rolle (S. 85).
44.
Sibylle Hübner-Funk wirft den "45ern" vor, dass sie ihre emotionalen Verpflichtungen gegenüber den "68ern" verletzt hätten, weil sie nicht offen über die Loyalitäten ihrer Jugend redeten. Dieses Schweigen habe das Fortbestehen einer rechtslastigen kulturellen Unterströmung zu Folge gehabt; vgl. Loyalität und Verblendung. Hitlers Garanten der Zukunft als Träger der zweiten deutschen Demokratie, Potsdam 1998, S. 332.
45.
Die kleine Generationseinheit der "misstrauischen Patriarchen" hatte ihre "persönlichen Feinde" in den Führungsgruppen des Westens, vgl. M. Gibas (Anm. 40), S. 97.