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21.12.2006 | Von:
Norbert Seitz

Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus

Normalität der Berliner Republik

Bedurfte es erst eines ballgesteuerten Erweckungserlebnisses, um bei den Deutschen einen nationalen Gefühlsstau zu lösen? In der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik deklariert Albrecht von Lucke die WM zum "Initiationsakt des neuen Deutschland". Es spricht indes einiges dagegen, dass es erst einer allerorten jubelnden Fußballszene bedurfte hätte, um einen neuen, "unverkrampften" Patriotismus loszutreten.

Die literarischen Wegbereiter einer solchen, bereits lange vor der WM zu beobachtenden Entwicklung waren Eckhard Fuhr mit seinem Essay über die "Berliner Republik als Vaterland", Reinhard Mohr und seine Beschreibung eines neuen, positiven "Deutschlandgefühls", Florian Langenscheidt mit seinen "250 Gründen, unser Land heute zu lieben", Matthias Matussek und sein neunationaler Paukenschlag "Wir Deutschen" oder Wolfgang Büscher, der mit "In Deutschland. Eine Reise", eine Art Abschied von der alten Bundesrepublik nimmt.

Allzu lange habe die öffentliche Bühne einem "Furor des deutschen Selbsthasses" gehört, schreibt Eckhard Fuhr, "der im Laufe der neunziger Jahre aus dem Milieu links-alternativer Akademiker in die neuen ökonomischen Eliten eingewandert ist. Diesem neuen deutschen Selbsthass ist Deutschland nur noch ein Wirtschaftsstandort, der durch brachiale Traditionszertrümmerung für den globalen Wettbewerb fit gemacht werden muss."

Viele Wahrnehmungssperren der Nachkriegszeit sind aber mittlerweile aufgehoben. Wer heute auf deutsche Opfer verweist, muss nicht mehr automatisch mit der "Revanchismus-Keule" rechnen. Der Boom der deutschen Opfergeschichte geht nicht auf das Konto der üblichen verdächtigen reaktionären Geister, sondern auf das geschichtspolitische Konto einer nachholbedürftigen Linken, die eine leidenshistorische Wiederannäherung an das eigene Volk sucht und dabei von bislang geübter politisch korrekter Ignoranz und geschichtspädagogischer Strenge abzusehen scheint. Erinnert sei an Jörg Friedrichs akribische Studie über den alliierten Bombenkrieg gegen deutsche Städte, an Günter Grass und seine Novelle über das untergegangene Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" sowie an die von Peter Glotz mit angestoßene Kampagne für ein Zentrum gegen Vertreibung.

Der "Patriotismus der Berliner Republik" lässt sich nicht in politische Lager einordnen. Die Sozialdemokraten sahen im schwarz-rot-goldenen Fußball-Sommer die Früchte der Normalisierungspolitik ihres Ex-Kanzlers Schröder aufgehen. Diese hatte beim Identitätsdisput mit dem Schriftsteller Martin Walser im Willy-Brandt-Haus am 8. Mai 2002 begonnen, als das Vereinsmitglied von Borussia Dortmund mit lockerer Zunge bekannte, er würde sich über einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft nicht nur freuen, weil wir ein so tolles Grundgesetz hätten, was unschwer als eine indirekte Absage an Habermas' postnationales Konzept des "Verfassungspatriotismus" zu deuten war. Im Bundestagswahlkampf 2002 beschwor Schröder gegen Stoiber seinen "deutschen Weg", der von der ersten bundesdeutschen Kriegsbeteiligung im Kosovo bis zum bis dato einmaligen Souveränitätsakt reichen sollte, der Weltmacht USA im Irak-Krieg die militärische Gefolgschaft versagt zu haben. Schließlich setzte der dritte SPD-Kanzler auch eigenwillige Akzente bei der Eröffnung der umstrittenen Flick-Collection, seiner Teilnahme an den D-Day-Feiern in der Normandie (2004) bis hin zum Gang ans spät in Rumänien entdeckte Soldatengrab des gefallenen Vaters.

Zudem hat die vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering 2005 eröffnete "Heuschrecken"-Debatte dazu geführt, dass die Linke heftig die Keule der "vaterlandslosen Gesellen" gegen undeutsche Unternehmer schwingt, die "daheim" keine Steuern mehr zahlen und Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. Dass es Rot-Grün trotz aller erkennbaren Bemühungen um ein neues nationales Profil noch immer an Routine mangelte, bewies freilich der schwere symbolpolitische Fauxpas einer angedachten Feiertagsstreichung des 3. Oktober.

Alle Parteien - bis auf die Linkspartei - haben die Fanbegeisterung während der WM innenpolitisch auszuschlachten versucht: Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einer wunderbaren Multikulti-Feier, und Joschka Fischer dichtete sich eine gleichsam nostalgisch stimmige Mixtur aus "Sommernachtstraum und Woodstock" zusammen. FDP-Parteichef Guido Westerwelle wartete mit der staatsmännischen Interpretation auf - "Da hat sich einfach etwas zum Guten gewendet. Das ist aufgeklärter Patriotismus, das ist europäischer Patriotismus", während sein Vize Rainer Brüderle hinter dem neuen Fahnenpatriotismus die "größte Straßendemonstration gegen die Große Koalition" witterte.

Und die Konservativen? Sie sahen Roman Herzogs vormals herbeigesehnten "Ruck" durch Klinsmanns Motivationspower endlich auf den Weg gebracht. Die Patriotismus-Debatte der CDU auf dem Düsseldorfer Parteitag 2004 hatte eher einem Rohrkrepierer geglichen. Sie diente seinerzeit dem Zweck, vom unionsinternen Krach um die "Kopfpauschale" beim Gesundheitskompromiss und die vielen Protestbriefe auf den Ausschluss des nationalkonservativen Fuldaer Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann abzulenken. Während damals schon die Ministerpräsidenten Christian Wulff aus Niedersachsen und Peter Müller aus dem Saarland vor einer Neuauflage von Leitkultur-Kampagnen warnten, gab Merkels Vorgänger im CDU-Parteivorsitz, Wolfgang Schäuble, zu bedenken: "Eine Patriotismusdebatte auf Knopfdruck funktioniert nicht." Nach einer enttäuschenden Kongressrede seiner Nachfolgerin warnte er sogar vor neuen Sehnsüchten in der Partei nach Helmut Kohl, der in den Augen der Altvorderen als Patriotismus-Nachweis keine größeren Kampagnen, sondern nur die altmodische Schlussformel seiner Parteitagsreden nötig gehabt habe: "Gott schütze unser deutsches Vaterland."