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21.12.2006 | Von:
Norbert Seitz

Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus

Die Linke im Wechselbad der Gefühle

Der "Deutungstrieb, der das Fest nicht auf sich beruhen lassen will", wie es Jens Bisky formulierte, schlug während und nach der WM in zwei Richtungen aus: Die Fanbegeisterung wurde gleichsam patriotisch oder zirzensisch entmischt, d.h. entweder national interpretiert oder karnevalistisch gegengelesen.

Alt- wie neupatriotischen Autoren von Martin Walser bis Matthias Matussek fiel es leicht, das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer als endlich eingetretene flügelübergreifende Deutschwerdung der einst von soviel Selbsthass befallenen Landsleute zu begrüßen. Eine stilgerechte "subversive Aktion" gegen postnationale Alt-68er wollte der liberal-konservative Publizist Paul Nolte in der Fanbegeisterung erblicken, obgleich die FAZ verkünden sollte, dass das zur Schau gestellte nationale Selbstbewusstsein nicht einmal mehr in den "bedenkenträgerischen Feuilletons zu Debatten über die Gefahren der Deutschtümelei" führe.

Fußball war als Massensport schon immer ein Transporteur nationalistischer Stimmungen. Die Parole "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" entstand zu Beginn der 1980er Jahre im Rechtsextremistenmilieu, ehe ein deutscher Nationalspieler für ihre Verbreitung in von Hause aus harmlosere Milieus sorgen sollte - Torwart Toni Schumacher intonierte sie in trotziger Bekennerpose, nachdem er wegen eines üblen Foulspiels gegen den französischen Abwehrrecken Patrick Battiston im WM-Halbfinalmatch 1982 in Sevilla in heftige internationale Kritik geraten war. Inzwischen ist jene Parole auch im Deutschen Bundestag angekommen. Als CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sie 2001 aussprach und deshalb vom grünen Minister Jürgen Trittin als "Skinhead" beschimpft wurde, kam es zur berühmt-berüchtigten Nationalstolz-Debatte, in die sich auch Bundespräsident Johannes Rau mit der versuchten Klarstellung einschalten sollte: Man könne nur stolz auf etwas selbst Geleistetes sein, woraufhin FDP-Chef Guido Westerwelle in seiner Gegenattacke besonderen Mut beweisen wollte, als er die Parole auch auf Englisch zum Besten gab: "I'm proud to be a German."

Eigentlich hat die Linke ihre Debatte über nationale WM-Begeisterung längst hinter sich. Denn schon 1990 zur WM in Italien entflammte eine Kontroverse in der tageszeitung, nachdem erstmalig in deutschen Städten bei Erfolgen des Teams um Matthäus, Völler & Co. abgeschaute südländische Begeisterung aufkam und im Stile jubelnder Tifosi Autocorsi und Fahnenmeere zu erleben waren: "Auf deutschen Straßen ist endlich wieder was los", freuten sich damals ergraute Alt-Spontis. Endlich hätten sich die Massen vomeinsamen bierdumpfen Besäufnis hinter der Glotze verabschiedet und sich "kollektiv im öffentlichen Raum gefreut". Selbst Daniel Cohn-Bendit nannte die Fahnenschwenker damals "etwas Wunderbares: So normal sind wir. Wir unterscheiden uns nicht vom Rest der Welt." Dagegen stand noch immer die beißende Kritik aus dem altlinken Milieu, die hinter dem grenzenlosen Jubel über den dritten deutschen WM-Titel anhand vereinzelter vandalistischer Ausschreitungen einen nationalistischen Vorgeschmack auf die nahende Deutsche Einheit vermuteten.

Aber auch klügere Köpfe haben sich seinerzeit die Frage gestellt, welche Gefahren möglicherweise von einem neu aufkommenden Patriotismus ausgehen könnten. In Anlehnung an eine Analyse Thomas Nipperdeys hat Peter Glotz im Jahre 1994 für die Zeit nach der Reichsgründung drei Typen von Patriotismus unterschieden: den "durchschnittlichen Normal-Patriotismus", der auf Wir- und Heimatgefühle setzt, und den "Normalisierungs-Nationalismus" nach der Deutschen Einheit. Deren Ausprägungen sah er im "theatralischen Machtpathos" des Politologen Arnulf Baring, in der "höchst wirksamen Rehabilitierung Carl Schmitts" durch Joachim Fest, in der "Deutschland zuerst"-Rhetorik Brigitte Seebacher-Brandts oder der Souveränitäts-Ideologie des früheren Welt-Feuilletonchefs Rainer Zitelmann sowie der schneidigen Schreiber der Wochenzeitung Junge Freiheit. Schließlich der dritte Typus: ein abenteuerlicher "Radikal-Nationalismus" nach der ersten Vereinigung, der aber Gott sei Dank - so Glotz - heute nur noch "ein dünnes Rinnsal" darstelle.

Während also der verstorbene Querdenker der SPD trotz eines alarmistischen Akzents weitgehend Entwarnung gab, hält ein Teil der linken Kulturkritik einen neuen Patriotismus, der ohne jede Feindbestimmung auszukommen glaubt, offenbar noch immer für ein Wunschgebilde. Der Politologe Kurt Lenk erinnert daran, dass die schöne WM-Parole "Die Welt zu Gast bei Freunden" quer stehe zur historischen Erfahrung jenes Franzosenhasses, der mit der Entstehung eines deutschen Patriotismus zu Zeiten des Kampfes um die deutsche Einheit Ende des 19. Jahrhunderts einherging.

Lenk beruft sich auf den niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga, der 1942 formuliert hatte, "unter den Feen, die an der Wiege der Nationen standen, haben Hochmut, Habsucht, Hass und Neid niemals gefehlt". Selbst das erhabenste Nationalgefühl könne in Chauvinismus münden. Zwar sei es vom schlichten Gefühl, dass die eigene Gesellschaft gut sei, "weil sie die eigene ist", zur politischen Forderung nach "Reinhaltung des Volkskörpers" ein weiter Weg, so der Konservatismus-Experte Lenk. Wer aber wollte bestreiten, dass gerade eine weitgehend globalisierte Gesellschaft nicht frei ist von xenophobischen und nationalistischen Gefahrenpotenzialen?

Zur WM 2006 versuchte jedoch nur noch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen, sich als einsame Spielverderberin in Szene zu setzen, und warnte vor der Nationalhymne als einem "furchtbaren Loblied auf die deutsche Nation", während in der Auslandspresse Haydns Streichquartett - selbst in seiner marschmäßigen Verhunzung - im internationalen Hymnen-Ranking weit vorne rangierte. Wen interessierte da noch der Text - zumal im Vergleich zu weitaus martialischer formulierten Strophen anderer Teilnehmerländer?

Auch in der Neuen Zürcher Zeitung fehlte es nicht an kritischen Untertönen zum "kraftmeierischen und bierselig lauten Pop- und Party-Patriotismus". Denn Deutschland-Korrespondent Stefan Osterhaus verursachte dort mit seiner Polemik gegen Oliver Bierhoffs missverständliche Parole "Die Welt hat wieder Angst vor uns" eine Flut von empörten Leserbriefen aus deutschen Landen.