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21.12.2006 | Von:
Norbert Seitz

Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus

Global Player Teams vs. Ländermatches

"Der Fußball ist global, der Fan ist es nicht", konstatiert der amerikanische Soziologe Andrei S. Markovits. Der Gefühlshaushalt der Fußball-Anhänger sei "total nationalisiert", auch wenn die Vielfalt der Farben Supranationalität verspräche. Die über den Sprung in die globalisierte Welt erschrockenen Deutschen brauchten zur Orientierung einen Begriff von Nation und Vaterland, stellt Tissy Bruns dazu lapidar fest. Dies gelte gerade auch für den einfachen Anhänger der Welt des ökonomisch überdehnten Fußballs. Dass sich hinter der Wiederentdeckung des Nationalen auch ein Protest gegen die Tendenzen einer alles verschlingenden Globalisierung verbirgt, ist längst eine soziologische Binsenweisheit. Für die These spricht, dass sich Ländermannschaften wachsender Popularität erfreuen, obwohl die spielerische Kluft zwischen Spitzenkicks der Champions League und Ländermatches von Jahr zu Jahr größer wird. Noch in den Hochzeiten der New Economy hatte selbst Trendsetter Franz Beckenbauer erklärt, Nationalteams seien ein Auslaufmodell, die Zukunft gehöre den Global Player Teams im Rahmen einer europäischen Eliteliga. Heute jedoch scheint unbestritten, dass der Fußball-Patriotismus mit dem Verdruss des einfachen Fans am globalisierten Fußballbetrieb zusammenhängt: der merkantilen Totalherrschaft des Weltfußballverbandes FIFA während der WM und der rückläufigen Identifikation mit der eigenen Vereinswelt, seit das auswärtige Schnäppchen häufig mehr zählt als der einheimische Talentschuppen.

Dennoch gab es nicht wenige WM-Beobachter, die mit der Betonung des Partycharakters das patriotische oder neunationale Moment gleichsam spaßgesellschaftlich zu dementieren bzw. analytisch zu entschärfen versuchten, indem sie den Spaßfaktor am nationalen Freudentaumel, so zum Beispiel supranationale Verbrüderungsszenen auf der Fanmeile, besonders hervorkehrten. Zunächst schien FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher mit seiner Vermutung nicht ganz falsch zu liegen, dass man das gigantische Fußballfest auch als eine hochemotionale Flucht aus der ärgerlichen Alltagspolitik interpretieren müsse. Nicht Fußball und Politik, sondern Fußball statt Politik lautete hier die Devise: "Das Land erlebt diese Spiele als Befreiung von Politik. Als Befreiung von Politik, plus Christiansen plus Hans-Olaf Henkel (...). Es ist wie ein großes Ausatmen, wiedie Rückeroberung eines öffentlichen Raums."