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21.12.2006 | Von:
Norbert Seitz

Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus

Neufassung des deutschen Patriotismus

Partywillen statt Patriotismus? Kalauernde Wortschöpfungen machten die Runde: "Partyotismus", "Party-Patriotismus" oder "Partykratie". Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig nannte im Deutschlandfunk die Sommerfußballfete einen "postpatriotischen Partyotismus" oder "Wellness-Patriotismus". Und Alfons Kaiser attestierte in der FAZ der Fanmeilenstimmung "Kuschelcharakter mit Verwöhnaroma".

Die Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, Gesine Schwan, sah keine Nationalgefühle überschießen, sondern nur das extensive Ausleben von "Versammlungsfreude" - bei schönem Sommerwetter, versteht sich! Auch Kurt Kister wartete in der Süddeutschen Zeitung mit einer eigenwilligen Deutung jenseits des Patriotischen auf. Das wirklich Neue an der "WM-Kirmes" stelle die Gegenbewegung des Public Viewing dar. Sie richte sich gegen die vereinsamte Lebensart der Unterhaltungstechnologie (iPods, Gameboys, Surfen im virtuellen Netz). Kein neuer Patriotismus sei hier am Jubeln, sondern das Bedürfnis, "mit anderen, auch Unterschiedlichen, eins zu sein". Ebenso wiegelte der Historiker Hans-Ulrich Wehler ab: Der neue Patriotismus sei nichts anderes als eine "Parallelerscheinung zum rheinischen Karneval", also eine Form des Hedonismus; während Medienwissenschaftler Norbert Bolz sogar "eine neue Religion der Freude" heraufziehen sah.

Das Volk habe, ganz postmodern, begonnen, mit den nationalen Symbolen und Gefühlen spielerisch umzugehen. Nach dieser Interpretation des Großbritannien-Korrespondenten der Zeit, Jürgen Krönig, hat Deutschland während der WM die "Geburt eines ironisch-gebrochenen, augenzwinkernden Patriotismus" erlebt. Patriotismus sei in dieser Form ohnehin nur noch "das Synonym für die Bereitschaft zur ganz großen Party", pflichtet Dirk Kurbjuweit im Spiegel bei. "Dabeisein- und Mitfühlenwollen" sei das wichtigste, analysiert der Soziologe Karl-Otto Hondrich: "Mit wem oder gegen wen ist zweitrangig." Insofern habe die WM-Feier gezeigt, wie sehr das Nationale "ganz normal" sei.

Soviel scheint - trotz aller divergierenden Interpretationen - zumindest festzustehen: dass es sich beim deutschen "Sommermärchen" um ein neues deutsches Phänomen handelt. Jörg Lau resümiert, dass eine Neufassung des Patriotismus schon deshalb notwendig sei, weil die alten Kontroversen als beigelegt angesehen werden müssten. Während die Linke unter Kanzler Schröder die Nation wiederentdeckt habe, schreckten die Konservativen vor weiterem Geschichtsrevisionismus zurück: "Patriotismus kann sich heute weder im ,Nie wieder` der Gedenkkultur noch im beschaulichen Stolz aufs Ererbte und Erreichte erschöpfen." Verlief also die ganze Debatte um die Unverkrampftheit eines neuen deutschen Patriotismus nicht viel zu altdeutsch verkrampft?

Wie so häufig in diesen Landen bereitete am Ende der demoskopische Realismus des Institutes in Allensbach allen Neuerfindungsspekulationen ein jähes Ende. Die Einstellung der Deutschen zum Nationalgefühl wie zur nationalen Symbolik habe sich schon längst - nämlich seit der Deutschen Einheit - "grundlegend geändert". Skepsis gegenüber nationaler Begeisterung habe sich weitgehend verflüchtigt. Nur noch knapp über 20 Prozent der Bevölkerung seien der Meinung, dass sich wegen der deutschen NS-Vergangenheit die Pflege von nationalen Gefühlen und Symbolen nicht gezieme. Und lediglich zwei Prozent witterten hinter dem schwarz-rot-goldenen Fußballtaumel die Vorzeichen eines neuen deutschen Nationalismus.

Solche Umfragen nähren zumindest den beschwichtigenden Eindruck, ein neuer Patriotismus könnte mittlerweile so sehr zur Normalität geworden sein, dass uns seine Existenz außerhalb von Großevents kaum noch ins Auge springt.

Sönke Wortmanns Kinohit Sommermärchen wird uns also kaum lehren können, wie man das "geile WM-Gefühl" immer wieder abrufen kann. Eher steht der populäre Streifen dafür, wie ein Projektleiter dank enormer suggestiver Fähigkeiten ein minderbemitteltes Team in eine fast unüberwindliche "Sekte ohne Substanz" verwandeln konnte und dabei das zunächst skeptische Publikum durch eine Erfolgsserie in wachsende Begeisterung versetzte.