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21.12.2006 | Von:
Tilman Mayer

Patriotismus - die neue bürgerliche Bewegung

Die Frage nach der Finalität

Die Frage nach dem Wohin der europäischen Integration erweist sich als höchst dringlich. Darüber muss ein undogmatischer Diskurs geführt werden. Ein intergouvernemental orientiertes Europa benötigte dann z.B. so etwas wie eine europäische Leitkultur,[3] wobei hier kurzschlüssige Wege in einen europäischen Verfassungspatriotismus bereits problematisiert wurden bzw. sich als nicht gangbar erwiesen haben. Das Werk europäischer Nationalstaatspatrioten - Europa der Vaterländer - sieht natürlich anders aus als das der real existierenden europäischen Bürokratie. Die Euro(büro)kratie[4] wird deshalb so kritisch gesehen, weil sie nicht demokratisch in das Legitimationssystem der Nationalstaaten eingebunden ist, sondern sich längst antisubsidiär verselbständigt hat und weitere Kompetenzen an sich zieht, ungebremst von den nicht kritisch und vor allem nicht zum Handeln bereiten Politikern, die allerdings auch stets von einer veröffentlichten Meinung zu immer neuen Integrationsanstrengungen gedrängt werden.

Abschließend zur europäischen Frage sei erwähnt, dass im Unterschied zur Entwicklung des Nationalismus der Patriotismus mit dem Patriotismus anderer Nationalstaaten gut leben kann. Insofern gibt es, wie in der Frühform des damals noch demokratischen Nationalismus im Europa der Zeit vor 1850, eine Solidarität der Patrioten. Eben diese Verbundenheit - wird sie nicht, wie oben erwähnt, ausgebeutet - trägt den europäischen Gedanken, z.B. auch die sinnvolle Interdependenz der europäischen Nationen und ihrer Wirtschaftssysteme.

Es sollte klar geworden sein, dass es von entscheidender Bedeutung ist, von welchem Standpunkt aus man den europäischen Gedanken entwickelt. Der Patriotismus ist jedenfalls ein solides Fundament, sozusagen ein die Gesellschaften zusammen haltendes Sozialkapital, das ideologischen Konstruktionen von Europabegeisterten klar überlegen ist.

Fußnoten

3.
Vgl. Norbert Lammert (Hrsg.), Verfassung. Patriotismus. Leitkultur. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, Hamburg 2006, ein Werk, das seinen Charme durch seine recht unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Positionen, die darin vertreten werden dürfen, entwickelt. Vgl auch die höchst aufschlussreiche Sammlung von Erfahrungen ausländischer Preisträger und Preisträgerinnen des DAAD, die von ihren Erfahrungen in Deutschland erzählen: "Mein Deutschlandbild", Bonn (DAAD) 1998(2).
4.
Vgl. Sebastian Wolf, Revolution durch Integration: Supranationalismus und die Europäische Union, in: Riccardo Bavaj/Florentine Fritzen (Hrsg.), Deutschland - ein Land ohne revolutionäre Traditionen?, Frankfurt/M. 2005, S. 179 - 195, hier S. 195.