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12.12.2008 | Von:
Karl Gabriel

Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter

Das Konzept der multiplen Modernen

Die Modernisierungstheorie hat in ihrer Geschichte zwei Phasen scharfer Kritik durchlaufen. In den 1950er und 1960er Jahren beriefen sich vornehmlich amerikanische Soziologen auf die klassischen Entwürfe von Max Weber und Emile Durkheim, um ein Gesellschaftsbild zu konstruieren, nach dem die noch nicht modernen Gesellschaften in der südlichen Hemisphäre planvoll modernisiert bzw. zu modernen Gesellschaften entwickelt werden sollten. Wie zufällig entsprach das Bild weitgehend der amerikanischen Gesellschaft dieser Jahre. Selten hat sich eine Theorie so schnell und nachhaltig selbst widerlegt, da in den Folgejahren die von der Modernisierungstheorie angeleiteten Entwicklungskonzepte allesamt scheiterten. In einem ersten Läuterungsprozess wurden nicht nur die ideologischen und imperialen Kompenenten der amerikanischen Modernisierungstheorie thematisiert, sondern die Theorie selbst auch umgebaut. So verabschiedete man sich von der Vorstellung, Modernisierung ließe sich als ein einliniger, nach inneren Gesetzen auf einem bestimmten Pfad sich selbst entwickelnder Prozess begreifen. Gleichzeitig wurde auch denkbar, dass in modernen Gesellschaften weitergehende Modernisierungsprozesse ablaufen. In dieser Gestalt ist die Modernisierungstheorie seit den 1970er Jahren in vielen Geisteswissenschaften - insbesondere auch in der Geschichtswissenschaft - erfolgreich rezipiert worden.[21] In einer gegenwärtig noch andauernden Debatte wurden die kritischen Elemente innerhalb der Modernisierungstheorie noch einmal verschärft. War man sich bisher sicher, dass die Kernelemente der Moderne - wie etwa eine liberal-kapitalistische Wirtschaftentwicklung und Demokratisierungsprozesse - sich wechselseitig notwendig bedingen, so ist man heute bei der Annahme notwendiger Zusammenhänge vorsichtiger geworden. Eine scharfe Gegenüberstellung von Tradition und Modernität - so eine weitere Einsicht - ergibt wenig Sinn. Vielmehr wirken Traditionen in der Moderne weiter und spiegeln sich in eigenen Formen von Modernität wider. Damit entspricht heute die Vorstellung von Modernisierung mehr einer Arena möglicher Optionen und Wege als einem gerichteten Prozess. Auf der Linie einer konsequenten Öffnung des Spielraums der Moderne liegt auch, wenn etwa Phänomene des Fundamentalismus als Alternativen in der Moderne und nicht als Alternativen zur Moderne in den Blick kommen. Shmuel Eisenstadt hat für die skizzierte Öffnung des Modernisierungskonzepts die Formel von der "Vielfalt der Moderne" oder von den "multiplen Modernen" eingeführt.[22]

Es ist die These dieses Beitrags, dass das Konzept der multiplen Modernen die Chance bietet, jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter eine angemessenere Perspektive für die Entwicklung von Religion und Christentum heute zu gewinnen. Eine erste, weitreichende Konsequenz besteht darin, Religion entschieden in und nicht jenseits der Moderne zu verorten.[23] Die immer wiederkehrenden Spannungen zwischen Religion und Modernität sind typisch moderne Phänomene und keineswegs ein Zeichen dafür, dass die Religion irgendwie nicht zur Moderne gehört bzw. passt. Konflikte zwischen den Wertsphären - so schon Max Weber - machen gerade ein zentrales Charakteristikum der Moderne aus.

Die Vorteile einer reflexiven und offenen Modernisierungstheorie gegenüber dem Konzept der Säkularisierung liegen auf der Hand. Konzeptionell bekommt die Religion wieder einen Platz in der Moderne; ihre Stellung ist nicht mehr theoretisch im Sinne einer gesellschaftlichen Randposition vorentschieden. Die Modernisierungsprozesse innerhalb der Religionen können in den Blick genommen werden und eine angemessen Berücksichtigung finden. Auch fundamentalistische religiöse Bewegungen lassen sich als Phänomene innerhalb der Moderne identifizieren. Die Vielfalt der Moderne lässt unterschiedliche Modelle im Verhältnis von Religion, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu. Für die religiösen Traditionen bleibt die Herausforderung, sich in der Moderne jeweils neu erfinden zu müssen. Dies gilt gerade auch für die religiösen Akteure, die nur die Tradition und nichts als die Tradition fortsetzen wollen. Für die kirchlichen Akteure in Europa bietet das Konzept die Chance, sich von der Prägung durch ein folgenreiches Säkularisierungsbewusstsein zu lösen. Im westlichen Europa wirkt dieses nach wie vor wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung - es bringt zu einem guten Teil erst das hervor, was es als sicher für die Zukunft erwartet.[24]

Aber auch gegenüber der These der Wiederkehr der Religion bietet die Konzeption der multiplen Modernen bessere Chancen, die religiös-kirchliche Lage einsichtig und verstehbar zu machen. Sie besitzt eine größere Übereinstimmung mit der empirischen Datenlage für das westliche Europa. Sie vermag die Entwicklungen innerhalb der kirchlich verfassten Religion differenzierter wahrzunehmen und zu interpretieren. Im Unterschied zur These der Wiederkehr der Religion verfügt sie über ein konzeptionelles Verständnis von Modernität. Sie lenkt damit das Interesse auf die Bedingungen, unter denen die Religionen in der Moderne zu agieren haben. Sie hat die Spannungen im Verhältnis von Religion und Politik und die Vielfalt von Zuordnungsmodellen beider innerhalb der Moderne im Blick. Sie wird der religiösen Signatur der Gegenwart besser gerecht: Die Religionen bleiben, aber sie wandeln ihr Gesicht.

Fußnoten

21.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975.
22.
Shmuel N. Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000.
23.
Vgl. Staf Hellemans, Die Transformation der Religion und der Grosskirchen in der zweiten Moderne aus der Sicht des religiösen Modernisierungsparadigma, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 99 (2005) 1, S. 11 - 35.
24.
Vgl. José Casanova, Die religiöse Lage ein Europa, in: Hans Joas/Klaus Wiegandt (Hrsg.), Säkularisierung und die Weltreligionen, Frankfurt/M. 2007, S. 338.