30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

12.12.2008 | Von:
René Schlott

Der Papst als Medienstar

Starpotential Papstamt

Der Papst gilt als Stellvertreter Christi auf Erden und sieht sich in direkter Nachfolge des Apostelfürsten Petrus. Er trägt unter anderem die Titel "Pontifex Maximus" (Größter Brückenbauer), Oberster Priester der Weltkirche, Primas von Italien, Oberhaupt des Staates Vatikanstadt und "Diener der Diener Gottes". Kein anderer Mensch auf Erden vereinigt solche Würden auf sich. Die Einmaligkeit des Papstamtes sorgt bereits für das Starpotential und sichert der altehrwürdigen Institution des Papsttums die andauernde öffentliche Faszination. Mit allen diesen Titeln und der Papstwürde verbunden ist ein herausragendes "Amtscharisma" des Papstes. Der von Max Weber geprägte Begriff besagt, "dass das Charisma vollkommen gelöst von jeder konkreten Person gedacht wird, die das betreffende Amt besetzt."[9] So profitiert auch ein Papst ohne große persönliche Ausstrahlung von dem Charisma, dass allein die Würde und Tradition seines Amtes garantiert.

Nach dem von Soziologen konstatierten Wandel von Knappheits- in Erlebnisgesellschaften im Westeuropa im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit insbesondere auf die Reisen des Papstes, seine Audienzen in Rom oder auf einen Papstwechsel. Diese "Events" befriedigen das gesellschaftliche Bedürfnis nach dem "Erlebnis", und sie entsprechen dem medialen Nachrichtenwert der "Personalisierung". Denn bei den kirchlichen Großveranstaltungen fokussiert sich die Medienaufmerksamkeit heutzutage ganz auf die Person des Papstes. Inzwischen gehört die Teilnahme an der wöchentlichen päpstlichen Generalaudienz, dem sonntäglichen Angelusgebet oder an einer Messe des Papstes zu jedem touristischen Aufenthalt in Rom. Nahezu jeder Besucher der Ewigen Stadt will den Papst sehen, ganz unabhängig von seiner eigenen religiösen Zugehörigkeit. Eindrucksvoll bestätigt wurde die Koinzidenz von "Erlebnis" und "Personalisierung" durch die ungeheuren Pilgermassen und das riesige Medieninteresse nach dem Tod des letzten Papstes im April 2005: "So blieb Karol Wojtyla selbst im Tod noch ein Medienstar."[10]

Nach dem Medienwissenschaftler Knut Hickethier ist unter dem Begriff "Star" eine Person zu verstehen, "die durch ihre körperliche Präsenz, ihr Auftreten, ihre Gestik und Mimik nicht nur eine Rolle glaubhaft verkörpern kann, sondern darüber hinaus auch noch ein Publikum zu faszinieren weiß".[11] Die Herausbildung des modernen Starkultes an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war dabei eng mit der technischen Entwicklung der modernen Massenmedien verbunden. Denn "der Star ist ohne ein Medium nicht denkbar und er ist auch abhängig von den medialen Inszenierungsleistungen. Mit seiner Medienbezogenheit ist der Star ein Phänomen der Moderne."[12] Die ersten Stars waren Theaterschauspieler, deren Images sich durch das innovative Druckverfahren der Lithographie und später durch die Fotographie verbreiteten. Eine wichtige Voraussetzung für den beginnenden Starrummel war die Erfindung und massenhafte Streuung der Starpostkarte Ende des 19. Jahrhunderts.[13] Ab etwa 1910 gab es dann die ersten Filmstars,[14] entstanden aus ökonomischen Interessen der Filmindustrie, in den späten 1950er Jahren kamen die Fernsehstars hinzu. Zwischenzeitlich löste sich das Starimage vom Beruf des Schauspielers und weitete sich auf andere gesellschaftliche Felder wie die Musik, den Sport, die Politik oder auch den Journalismus aus.

Als erster Medienstar unter den Päpsten gilt Pius IX., denn er war das erste katholische Kirchenoberhaupt, von dem Fotografien aufgenommen wurden. Postkarten und illustrierte Zeitschriften sorgten für eine weite Verbreitung des Papstbildnisses, das fortan zur Grundausstattung eines guten katholischen Hauses gehörte. "Die Drucke und Lithographien, die ihn betend, denkend, segnend oder im Kreis seiner Berater zeigen, übersteigen vermutlich das Maß dessen, was bis dahin für Päpste üblich war."[15] Pius IX. etablierte die öffentlichen Papstaudienzen, tauchte damit regelmäßig in der Öffentlichkeit auf und bot Anlass zur Berichterstattung - sei es über die dabei gesprochenen Worte, die Gäste der Audienz, über Mimik und Gestik oder den Gesundheitszustand des Papstes. Gleichzeitig vollzog sich mit der "zunehmenden Leichtigkeit des Reisens" und der "bewussten Vervielfältigung der Audienzen" eine "Wende von der Institution und Tradition zur Person": "Schon das bemerkenswerte Faktum, daß man jetzt nach Rom reist, um den Papst gesehen zu haben, und nicht mehr in erster Linie, um die Gräber der Apostelfürsten und die Reliquien Roms zu sehen und dort zu beten, drückt diese Wende (...) aus."[16]

Diese Personalisierung des Papstamtes und auch der Ursprung des Starkults aus der Theaterwelt werden in einem Nachruf der Frankfurter Zeitung auf Leo XIII. deutlich: "Seien wir einmal offenherzig und sprechen wir vom verstorbenen Papste, wie die Mitglieder einer Bühne von ihrem toten star (sic!, Original im Sperrdruck) reden würden. In gewissem Sinne darf man ja den Vatikan wegen der großen Feste, die er zu geben pflegt und die manchen Theaterintendanten neidisch machen könnten, mit einem Theater vergleichen, ohne deshalb gleich eine Gotteslästerung zu begehen. Ebenso kann man die Begeisterung der Durchschnittsgläubigen, die nach Rom kommen, der Schwärmerei der Backfische jeglichen Geschlechts für die Darsteller sentimentaler oder heroischer Rollen vergleichen."[17] Auch wenn noch eine gewisse Scheu aus dem Zitat spricht, ist es einer der ersten Belege dafür, dass der Papst mit dem Begriff "Star" versehen wurde.

Pius XII. war der erste Träger des Papstamtes, der sich selbst bewusst medial in Szene gesetzt hat. Im Garten der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo ließ er ganze Fotostrecken aufnehmen, die ihn beispielsweise umgeben von jungen Lämmern zeigen: eine Anspielung auf die biblische Erzählung vom guten Hirten. Diese Aufnahmen wurden dann in einer zehnseitigen Reportage der französischen Starpostille Paris Match abgedruckt.[18] Für den Dokumentarfilm "Pastor Angelicus" (Der engelgleiche Hirte) aus dem Jahre 1942 öffnete Pius XII. erstmals die päpstlichen Privatgemächer für die Kamera und agierte selbst als Darsteller. Er umgab sich gern mit Filmstars und empfing diese in Audienz im Vatikan, darunter Sophia Loren, Gregory Peck und Alec Guinness.[19] Mit der Live-Übertragung seiner Beisetzung und der feierlichen Krönung seines Nachfolgers Johannes XXIII. (1958 - 1963) im Jahr 1958 erhielten diese althergebrachten Rituale erstmals eine massenmediale Öffentlichkeit und wurden fortan zu Fernsehmedienereignissen, in deren Mittelpunkt der Papst stand.

Wegen der zunehmenden personalisierten Fernsehberichterstattung könnte man annehmen, dass die folgenden Papstwahlen auch von der Frage bestimmt waren, wie telegen ein Kandidat war und wie gewinnend er lächeln konnte. Während der rundliche und joviale Johannes XXIII. diesen Anforderungen mühelos gerecht wurde, konnte aus dem hageren, stets unglücklich wirkenden Paul VI. aus diesen Gründen eben kein Medienstar werden. Seinem Nachfolger Johannes Paul I. (August-September 1978) verpassten die Medien dagegen schnell das Image vom lachenden Papst, und es ist davon auszugehen, dass er mit seiner gewinnenden, einfachen Art schnell zu einem Medienstar aufgestiegen wäre. Nach dem frühen Tod von Johannes Paul I. entschieden sich die Kardinäle dazu, einen jüngeren Mann aus Polen zum Kirchenoberhaupt zu wählen - der in seiner Jugend fünf Jahre lang als Laienschauspieler auf der Theaterbühne gestanden hatte.

Der Spiegel schrieb über das folgende, über ein Vierteljahrhundert währende "Medienpontifikat" von Johannes Paul II.: "Seit den ersten Amtstagen übertragen TV-Sender jedes Papst-Event bis in den letzten Winkel. Keiner wurde je von so vielen Menschen gesehen wie Wojtyla Superstar, der Maradona des Glaubens. Ob er im Dreck Kalkuttas vor dem Haus von Mutter Teresa betete, zwischen Panzerwracks und Bombenkratern in Angola oder umringt von Guerilleros in Osttimor, die Welt war dabei. Medial ist dieser Propagandist seines Herrn ein Genie."[20] Nach seinem Tod zeigte das Nachrichtenmagazin auf seinem Titel den Leichnam von Johannes Paul II. bei seiner Überführung in den Petersdom inmitten einer Menschenmenge, in der viele ihre Mobiltelefone in die Höhe reißen, um ein letztes Foto von ihrem Idol aufzunehmen: "Es definiert den Star, dass er das Bad in der Menge liebt - in diesem Fall sogar aufgebahrt."[21]

Fußnoten

9.
Winfried Gebhardt, Charisma als Lebensform. Zur Soziologie des alternativen Lebens, Berlin 1994, S. 64.
10.
Sigmund Gottlieb, Der "Medienpapst", in: Communicatio Socialis, 38 (2005), S. 285.
11.
Knut Hickethier, Vom Theaterstar zum Filmstar, in: Werner Faulstich/Helmut Korte (Hrsg.), Der Star. Geschichte-Rezeption-Bedeutung, München 1997, S. 29 - 47, hier S. 31.
12.
Ders., Das Starphänomen - eine medienwissenschaftliche Bestandsaufnahme, in: Bad Boller Skripte, (2005) 3, S. 18 - 28, hier S. 19.
13.
Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Kommentar von Detlev Schöttker, Frankfurt/M. 2007, S. 213.
14.
Vgl. Enno Patalas, Sozialgeschichte der Stars, Hamburg 1963, S. 11.
15.
Jörg Seiler, Die Inszenierung der Körperlichkeit Pius IX. in der Rottenburger Bistumszeitung, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 101 (2007), S. 77 - 106, hier S. 78.
16.
Klaus Schatz, Vaticanum I 1869 - 1870, Bd. 1: Vor der Eröffnung, Paderborn 1992, S. 22.
17.
N.N., Der Tod des Papstes, in: Frankfurter Zeitung vom 23. 7. 1903 (Erstes Morgenblatt), S. 1.
18.
Vgl. Jean Maquet, A Castelgandolfo, le Saint-Père vit l'évangile du Bon Pasteur, in: Paris Match, Nr. 347 vom 3.12. 1955, S. 36 - 45, hier S. 39.
19.
Vgl. Maria Way, Politics, the Papacy and the Media, in: Joss Hands/Eugenia Siapera (Hrsg.), At the Interface. Continuity and Transformations in Culture and Politics, Amsterdam-New York 2004, S. 39 - 58, hier S. 41.
20.
Der Marathonmann Gottes, in: Der Spiegel, Nr. 13 vom 26.3. 2005, S. 98.
21.
Irmela Schneider, "Wo keine neuen Fakten sind, da steigert man die Adjektive." Der Tod von Johannes Paul II. und die Medien, in: Christina Bartz/dies. (Hrsg.), Formationen der Mediennutzung I: Medienereignisse, Bielefeld 2007, S. 159 - 181, hier S. 174.